R.
Reimann
Ex
oriente lux: Warum Victor Klemperer den Osten dem Westen
vorzog
Eine
Sicht auf Briefe von und an Victor Klemperer ab Mai 1945
In
memoriam Jürgen Papenbrock
Gegenüber von Klemperers Schreibtisch im Hallenser
Direktorenzimmer hängt ein Stalin-Bild. Klemperer reflektiert
darüber in einem Brief an Eugen Lerch vom 2. Juli 1950
und bemerkt in diesem Zusammenhang: "Stalin hat schon
1913 eine für den Philologen höchst interessante Schrift
über Nation und Marxismus veröffentlicht, und vor wenigen
Wochen hat er einen prachtvoll klaren und nicht im geringsten
engen Aufsatz über Sprachwissenschaft geschrieben [...].
Mir fiel wieder das entzückende Wort von Barbusse ein:
'jeder wirkliche Wissenschaftler ist Marxist - - er weiss
es nur manchmal nicht'. Stalin weiss es natürlich."
Knapp fünf Jahre zuvor hatte Klemperer im Tagebuch festgehalten:
"Am späten Abend ergriffen mich beim Excerpieren
die Europaverse von Bade. 'Alles ist einfach im Glanz
der Schwerter.' Und auf dem Albertplatz das Bild des 'Marschalls
Stalin' – es könnte auch Hermann Göring sein. Und der
Europadichter war sicher genau so gläubig und aufrichtig
begeistert, wie es heute etliche Antifascisten sind. Und
65 von 70 Millionen glauben genau das, was man ihnen sagt,
und weitere 4 ½ Millionen fügen sich gleichgültig, skeptisch,
resigniert in alles, heute so und morgen so. Und wer die
halbe Million ist, unter der ein Dutzend zur Herrschaft
kommen, und wer das Dutzend ist – das weiß nur – wer,
wer? Das ganze Reden von Umlernen, Bessermachen, Demokratie
etc. etc. ein Schwindel, bestenfalls ein Selbstbetrug."
War Klemperer 1945 klarerdenkend als 1950?
Hatte er sich gleichgültig, skeptisch oder gar resigniert
gefügt in die Gegebenheiten?
Zunächst wird einzuwenden sein, daß das Lob
Stalins einem Brief an Lerch entnommen ist, der alles
andere ist als ein Marxist, und dem Klemperer unverhüllt
mitteilt, wer kein Marxist sei, der sei kein Wissenschaftler.
Lerch und Klemperer sind Antipoden, nicht
nur, weil Lerch Sprach-, Klemperer Literaturwissenschaftler
ist. Das nie gänzlich spannungsfreie Verhältnis beider
zueinander
hat seinen Ursprung wohl im Übervater Vossler, bei dem
sich beide 1914 habilitierten. Ein gemeinsames Editionsprojekt
Mitte der 20er Jahre ist nicht von langer Dauer. Klemperer
schreibt Lerch am 25. Juni 1928 einen pathetischen Abschiedsbrief
und zieht seine Mitarbeit am Jahrbuch Idealistische Philologie zurück, weil Lerch dort in einem Aufsatz von Klemperer Korrekturen
angebracht hatte, ohne diesen davon in Kenntnis gesetzt
zu haben.
Zwischen 1935 und 1945 verlieren beide einander
aus den Augen.
Lerch war kurz nach Klemperer seines Amtes enthoben worden,
weil er ein Verhältnis mit einer Jüdin hatte und denunziert
wurde.
Ende Juni 1946 sucht Lerch neuen Kontakt zu Klemperer.
Bis Juli 1949 ist der Ton der Briefe zwischen
Klemperer und Lerch durchweg freundschaftlich, obwohl
das "Du" ausbleibt.
Offenbar beginnt Klemperer mit Polemik. In
dem bereits zitierten Brief vom 2. Juli 1950 lehnt er
eine von Lerch vorgeschlagene gemeinsame Publikation mit
folgender Begründung ab: "Die Baudelaire, Mallarmé,
Valéry, für die man sich bei Ihnen noch begeistert, haben
mir immer ein bisschen nach Verwesung gerochen, und jetzt
riechen sie mir nicht einmal mehr, sie sind zu Staub zerfallen.
La France qui vient [,]
notre alliée de demain, sieht anders aus."
Klemperer schließt: "Ich empfinde die
Trennung zwischen Ost und West als ein grosses Unglück,
und sicherlich sind Sie und ich uns in dem Wunsche einig,
dass sie endlich einmal ein Ende nehme, und dass dieses
Ende ohne neue Katastrophe und auf friedliche Weise zustande
komme. Der Gruss der freien deutschen Jugend, deren Nadel
ich mit 68 Jahren trage, heisst: 'Freundschaft' Ihr Victor
Klemperer".
In seinem Antwortbrief vom 18. März 1951 schildert
Lerch zunächst seine Arbeitsvorhaben, die ihm über den
Kopf zu wachsen drohen, und fährt dann fort: "Sie
haben's gut: ¾ der westlichen Literatur existieren für
Sie nicht mehr (soweit sie nicht die Verderbtheit der
Bourgeoisie schildern)." Weiter unten: "Es freut mich sehr, lieber
Klemperer, daß Sie in Rütten & Loening einen Verleger
gefunden haben. Nur beschwöre ich Sie: lassen Sie die
Politik und machen Sie Ihr 18ème fertig! Die Politiker,
gleichviel welcher couleur, beschäftigen sich doch nur
mit Abstraktionen statt mit Menschen; es ist ein inferiorer
Schlag. Und die Politik frißt ihre eigenen Kinder (besonders
die P., die Sie machen)."
Hier wird von zwei großen alten Männern ein
Ost-West-Konflikt ausgetragen; Lerchs Vorbehalte gegen
Klemperers politisches Engagement und gegen Politiker
schlechthin sind zu verstehen, aber auch Klemperers Streben
nach gesellschaftlicher Anerkennung wird bei einem Blick
auf seinen Lebensweg verständlich.
Permanent hat der junge Klemperer seine erfolgreichen
Brüder vor Augen, an die er nicht heranzureichen vermag.
Schließlich erhält er 1920 die Professur in Dresden, doch
Dresden ist, spätestens seit 1918, finsterste Provinz,
in der Romanistik sowieso. In Dresden hält Klemperer seine
Kollegs vor einer Handvoll Studenten, schreibt jedoch
zugleich die modernste französische Literaturgeschichte,
die es bis dahin in Deutschland gibt, und stößt damit
bei der Fachwelt auf eher negative denn positive Resonanz.
Diese Literaturgeschichte ist die einzige Möglichkeit,
die der nach Dresden abgeschobene Außenseiter Victor Klemperer
hat, um im Gespräch zu bleiben. Er schmort seit 1920 im
eigenen Philologensaft. Ihm steht allerdings die Sächsische
Landesbibliothek zur Verfügung, und die birgt, gerade
was das siècle des lumières angeht, reiche Schätze. Nichts lag also näher, als den mit
Montesquieu eingeschlagenen Weg fortzusetzen.
1934 hat er noch etwas anderes geschafft.
Gemeinsam mit seiner Frau Eva bezieht er am 1. Oktober
ein Haus in der Gemeinde Dölzschen, die unweit von Dresden
über dem Elbtal gelegen ist. Dieses Haus ist durchaus
als Statussymbol zu verstehen.
Die Tatsache, daß Klemperer das Exil nur halbherzig
in Erwägung zog, hing auch mit diesem Haus zusammen. Hauptsächlich
aber unterschätzten er und Eva die Gefahr. Der Naziterror
gegen die Juden vollzog sich nicht abrupt, sondern steigerte
sich kontinuierlich. Eine Beschränkung folgte auf die
andere. Auch dies ist Klemperers Tagebüchern zu entnehmen:
1935 verlor Klemperer seine Professur, 1938 folgte das
Verbot der Bibliotheksbenutzung, im Mai 1940 wurden er
und seine Frau Eva aus dem Dölzschener Haus vertrieben.
Von 1941 an war er gezwungen, den Davidstern zu tragen.
Dennoch glaubte er bis zum Schluß der Nazidiktatur an
eine Überlebenschance.
Klemperer überlebtete vor allem dank des Mutes
seiner Frau Eva, die rückhaltlos zu ihm stand. Das war
durchaus nicht die Regel. Es gibt in Klemperers Tagebüchern
nicht einen Hinweis, der vermuten ließe, daß Eva eine
Trennung auch nur entfernt in Erwägung gezogen hätte.
Eva Klemperer ist es auch, die in der Nacht des anglo-amerikanischen
Bombenterrors gegen die Zivilbevölkerung der Stadt Dresden
ihrem Mann den gelben Stern abreißt. In buchstäblich letzter
Minute rettet das Dresdener Inferno Klemperer das Leben.
Nach seiner Flucht nach Bayern und der Rückkehr
nach Dresden bekommt er zunächst sein Haus zurück. Seine
berufliche und gesellschaftliche Zukunft ist in den ersten
Nachkriegsmonaten, wie er selbst schreibt, "schwankend".
Die Verhältnisse an der Technischen Hochschule sind ungeklärt
– was wird aus der Dresdener Romanistikprofessur, aus
der TH Dresden überhaupt, wo Klemperers persönlicher Feind
Johannes Kühn in Amt und Würden bleibt, worüber sich Klemperer
maßlos empört?
Klemperers Fehde gegen Kühn ist ein klassischer
Fall von Projektion. An der Person Johannes Kühn sucht
Klemperer unterbewußt ein Gutteil der über 12 Jahre erlittenen
Demütigungen zu kompensieren, weil Klemperer Kühn persönlich
kannte.
Es gab üblere Figuren, die Klemperer in Ruhe ließ. Bereits
am 6. März 1947 hatte Lerch an Klemperer geschrieben:
"Schürr sitzt stellungslos und mit materiellen Sorgen
in Konstanz/Bodensee, Im Weinberg 2. Er war Pg. – aber
die viel stärker belasteten Gamillscheg und Kurt Weiss
[i. e. Kurt Wais, R. R.] sind in Tübingen untergekommen,
er nicht."
Ernst Gamillscheg wird in der Festschrift zu Klemperers
75. Geburtstag vertreten sein.
Über Kurt Wais hatte Karl Vossler bereits
am 27. Januar 1947 an Klemperer geschrieben. In diesem
Brief äußert Vossler sich zunächst anerkennend über Erich
Auerbachs Mimesis
und fährt dann fort: "Ein Werk, das Sie wohl kennen
u als eine infame Literargeschichtsfälschung gewiß verabscheuen,
ist die 'Gegenwartsdichtung der europäischen Völker' hgg.
von Kurt Wais, Berlin 1939 bei Junker u Dünnhaupt." Klemperer
läßt Kurt Wais zeitlebens in Ruhe.
Vom 21. November 1945 an, da Klemperer von
seiner Wiederernennung auf die Dresdener Professur erfährt,
beginnt nicht nur seine Rehabilitierung, sondern sein
kometenhafter Aufstieg, und das im Alter von 64 Jahren.
Am 23. November begibt er sich zur Universität, um die
Ernennungsurkunde abzuholen. Am gleichen Tag reicht er
seinen Antrag zur Aufnahme in die KPD ein. Das Tagebuch
weist am 20. November folgende Eintragung auf: "Die
Antragsformulare zur Aufnahme in die KPD liegen auf dem
Schreibtisch. Bin ich feige, wenn ich nicht
eintrete [...]; bin ich feige, wenn ich eintrete? Habe
ich zum Eintritt ausschließlich egoistische Gründe? Nein!
Wenn ich schon in eine Partei muß, dann ist diese das
kleinste Übel. Gegenwärtig zum mindesten. Sie allein drängt
wirklich auf radikale Ausschaltung der Nazis. Aber sie
setzt neue Unfreiheit an die Stelle der alten! Aber das
ist im Augenblick nicht zu vermeiden. – Aber vielleicht
setze ich persönlich auf das falsche Pferd? Ganz unbegreiflich
ist mir nicht, was so viele Pg.'s sagen: 'bloß in keine Partei
mehr! Einmal hereingefallen zu sein, genügt...' Aber ich
muß nun wohl Farbe bekennen. – E[va] tendiert zum Eintritt,
und ich bin eigentlich dafür entschieden. Aber es kommt
mir wie eine Komoedie vor: Genosse Kl.! Wessen Genosse?"
Wenn auch das kleinste, so immerhin ein Übel.
Niemand kann in einer Zeit leben und zugleich frei von
ihr sein. Klemperers Bekenntnis zur moskautreuen KPD bedeutet
nichts anderes, als daß Klemperer die Sowjets, die Sowjetzone,
später die DDR als das kleinere Übel ansah, insbesondere
gegenüber den Amerikanern, den Westzonen und der späteren
BRD. An diesem Bekenntnis hält Klemperer fest. Unmittelbar
nach den Ereignissen vom 17. Juni 1953 notiert er in sein
Tagebuch: "Ich kann für mich nur wiederholen, was
ich damals nach Voßlers Tod in München sagte: Für
mich wirken die sowjetischen Panzer als Friedenstauben.
Ich werde mich genau so lange sicher in meiner Haut u.
Position fühlen, als die sowjetische Herrschaft bei uns
währt. Hört sie auf, dann gute Nacht."
Die auf der Potsdamer Konferenz beschlossene
Entnazifizierung Deutschlands vollzieht sich, forciert
durch die sowjetische Besatzungsmacht und die deutschen
Kommunisten, am konsequentesten im Osten, und das empfindet
Klemperer als gerecht. Die Zurücknahme der Entnazifizierung
durch die westlichen Besatzungsmächte im Jahre 1948, die
dazu führt, daß sich ein Großteil der westdeutschen Beamtenschaft
in der Verwaltung, in der Jurisprudenz, im Schul- und
Hochschulwesen aus alten Nazis rekrutiert,
konnte Klemperer ebensowenig gutheißen wie das amerikanische
Verbot des Kulturbundes in den Westsektoren im November
1947.
Daß der "american way of live" mit seinem impliziten
Konsumterror ebensowenig Freiheit bedeutet wie die Diktatur
des Parteiapparats, weiß Klemperer von vornherein.
Etwa zeitgleich mit Klemperers Entscheidung
für den Eintritt in die KPD legen Horkheimer und Adorno
in der Dialektik der Aufklärung die gemeinsamen Wurzeln des deutschen Faschismus
und der amerikanischen Konsumindustrie bloß. Klemperer,
der dieses Buch nie kennengelernt hat und in seinen Tagebüchern
in bezug auf die zeitgenössische Philosophie immer wieder
ironisch festhält, er verstehe davon nichts, hatte die
Gemeinsamkeit zwischen dem deutschen Faschismus und dem
Amerikanismus vor seinem Beitritt zur KPD am Phänomen
der Gigantomanie scharfsichtig erfaßt: "Es kam ein
Rundfunk-Vortrag über Hitler als Architekt. Wesentlichst
für LTI: Der Superlativ regiert. Das Heroische. Keine
geringste Beziehung zur Gothik [sic!] als Beweis der Undeutschheit.
ER klebt die Säulen vorn u. hinten an das ›Haus der Deutschen
Kunst‹, München: es muß ein Tempel sein, der Tempel muß
Säulen haben. Die Galerie der Reichskanzlei muß um einige
Meter länger sein als die im Versailler Schloß, die für
[das] Berliner Stadion geplante
Reitergruppe muß 18 m hoch werden. Superlativ u. ›Rekord,
Rekord, Rekord!‹ (Also Amerikanismus)".
Victor Klemperer hat überhaupt keine Veranlassung,
ins westdeutsche Exil zu gehen. Die Chance auf einen Neubeginn
bieten ihm die sowjetische Besatzungsmacht und die deutschen
Kommunisten. Die Westalliierten rufen nicht nach Victor
Klemperer, ebensowenig wie nach Leo Spitzer, Erich Auerbach
und zahlreichen anderen jüdischen Verfolgten und Vertriebenen,
mit denen eine wirkliche Erneuerung der Hochschulen und
Universitäten in Westdeutschland hätte bewerkstelligt
werden können. Nur zwei westdeutsche Kollegen interessieren
sich für Klemperers Schicksal: Karl Vossler und Eugen
Lerch. Beide sind ohne nennenswerten Einfluß im Westen,
wo ganz schnell begriffen wird, daß Machtzynismus durch
Machtzynismus austauschbar ist.
Nicht alle Romanistik-Professoren, die zwischen
1933 und 1945 an deutschen Universitäten Vorlesungen hielten,
waren stramme Nazis. Dennoch ist es erschreckend, daß
keiner dieser Professoren sich je bei Klemperer entschuldigt
hat, beispielsweise für die Verbrechen der Deutschen an
den jüdischen Mitbürgern im allgemeinen, am jüdischen
Mitbürger und Kollegen Victor Klemperer im besonderen.
Vossler, Lerch, Spitzer und Auerbach schreiben Briefe
an Klemperer, und der Rest der deutschen Romanistik ist
Schweigen. Den Luxus von Scham oder Mitleid leisten sich
die Romanistik-Professoren des untergegangenen Tausendjährigen
Reichs in der unmittelbaren Nachkriegszeit nicht. Neue
Pfründe stehen in Aussicht, von denen Klemperer, Spitzer
und Auerbach als unliebsame Konkurrenten ferngehalten
werden.
Die Dresdener Professur ist zunächst ein Fundament,
auf dem sich aufbauen läßt. 1947 bewirbt sich Klemperer
um die Greifswalder Professur, aber auch das bedeutendere
Katheder in Leipzig ist nach dem nicht ganz freiwilligen
Wechsel Eduard von Jans nach Jena vakant.
Karl Vossler rät Klemperer in diesem Zusammenhang: "Nach
Greifswald würde ich an Ihrer Stelle nicht gehn. Viel
lieber möchte ich Sie in Leipzig sehn." Nachdem Werner Krauss
das Leipziger Ordinariat bekommen und Klemperer den Ruf
nach Greifswald angenommen hat, schreibt Vossler am 16.
September 1947 an Klemperer: "Meinen lieben Freund
und Schüler Werner Krauss muss ich Ihnen nun ganz besonders
ans Herz legen. Er ist ein hochbegabter, seelisch aber
schwer gefährdeter Mensch. [...] Ob er das nötige Gleichgewicht
besitzt um einem Ordinariat vorzustehen, weiß ich freilich
nicht. Für die Sache der Romanistik, wäre es mir lieber
gewesen, wenn man Ihnen dieses Ordinariat anvertraut hätte."
1947 erscheint LTI
in der Sowjetischen Besatzungszone. Klemperer schickt
das Buch an Vossler, der am 16. 10. 1948 antwortet: "Mein
lieber Freund Klemperer, seit einigen Tagen habe ich nun
die Lektüre Ihres Werkes beendigt. [...] Es ist in der
Tat ein ausgezeichnetes und verdienstvolles Werk. Sie
haben der deutschen Schmach und Gemeinheit ein dauerndes
Denkmal errichtet, wie es sich endlich einmal gehörte.
Merkwürdig ist nur, daß Ihr Buch in unserer Gegend u.
d. heißt in unseren Zeitschriften totgeschwiegen wird.
Ich bin der Sache jetzt nachgegangen und habe feststellen
können, daß die bayerische Staatsbibliothek noch heute
kein Exemplar besitzt und auf meine Vorwürfe hin wurde
mir geantwortet, daß das Buch zwar bestellt, aber vergriffen
sei. Unsre Staatsbibliothek ist ein schläfriger Organismus,
daß es mich nicht wundern sollte, wenn sie auch in den
nächsten zehn Jahren noch kein Exemplar aufgetrieben haben
sollte. Ich werde aber diesen Beamten keine Ruhe lassen.
Auch in unseren Buchläden wird mir versichert, sei das
Buch nicht zu sehen. Ich kann das nicht selbst feststellen,
weil ich seit vielen Monaten schon an das Bett und an
die Stube gefesselt bin. Dadurch ist meine ganze geistige
Regsamkeit schwer behindert, und zu eigener Arbeit kann
ich mich kaum mehr aufschwingen. Ich frage mich auch:
wozu denn in einem solchen Volk. Eigentlich müßte Ihr
Buch von einem tüchtigen Romanisten besprochen werden.
Bei guter Gesundheit hätte ich das sofort mit dem größten
Vergnügen geschrieben. Unter unseren jüngeren Kollegen
aber weiß ich keinen, der den Schwung und die Schneid
dazu aufbrächte und von den älteren wollen wir lieber
garnicht reden. Ich habe von den 5 Monaten meines letzten
Rektorates in München her im Jahre 1945 das politische
Benehmen meiner Kollegen noch in so erbärmlicher Erinnerung,
daß ich mir nichts Gedeihliches mehr zu versprechen wage.
Außerdem bin ich jetzt durch Wohnungssorgen in Anspruch
genommen, denn der bajuwarische Landtag hat beschlossen,
Studenten und Professoren aus diesem für die
Studien gestifteten Gebäude zu vertreiben
um seine Josef Filsers hier einzurichten. Dies geschieht
mit einem verbrecherischen Luxus und einer Verschwendung,
als ob wir den Weltkrieg gewonnen hätten. Als man schüchtern
auf das Unrecht aufmerksam machte, das hier begangen wurde,
antwortete der christlich-klerikale Vorsitzende des Landtages:
'Der Landtag kann kein Unrecht begehen.' Das
heißt der Landtag ist ein Tier. Da dieser Mann in stinkenden
Ausdrücken und mundartlichen Wendungen zu sprechen pflegt,
können Sie seinen Wortschatz nicht einmal für die LTI
brauchen. Dies ist so ungefähr das hier herrschende Niveau.
– Mit den besten Grüßen und Wünschen Ihr Karl
Vossler".
Was Klemperer hier
von Vossler erfährt, kann ihn nur in der Richtigkeit seines
Entschlusses bestärken, im Osten geblieben und der KPD
beigetreten zu sein. Karl Vossler, einer der bedeutendsten
deutschen Romanisten der ersten Jahrhunderthälfte,
ist isoliert, liegt resigniert im Sterben, ist obendrein
der Willkür der bayerischen Bürokratie ausgesetzt, während
sich Klemperer in Halle erfolgreich um ein Ehrendoktorat
für Vossler bemüht. Die Urkunde kann Klemperer kurz nach
Vosslers Tod nur noch unter das Bild des Verstorbenen
legen, das Emma Vossler in der Münchener Wohnung aufgestellt
hat.
Vosslers letzter Brief
an Klemperer ist datiert auf den 02. Februar 1949. Vossler
beglückwünscht Klemperer zum Erscheinen der dritten Bearbeitung
der Modernen französischen Prosa
und sagt dann: "Ich sehe, daß Sie [...] eifrig fortfahren
in Ihrer Forschung und wünsche Ihrer Tätigkeit von ganzem
Herzen den besten Erfolg in allen Zonen unserer blödsinnigen
Welt. – Ihre Neuauflage der modernen französischen Prosa
hat, wie ich mit Freuden sehe, keinen sachlichen Schaden
erlitten. Leider bin ich noch immer durch meine Krankheit
schwer behindert und bringe nur mit größter Mühe eine
Kleinigkeit hervor. Jetzt eben bin ich mit einer Neuauflage
meiner Poesie der Einsamkeit in Spanien beschäftigt. Im
März soll eine große Feier stattfinden: der 80. Geburtstag
des trefflichen Menéndez Pidal. Es ist staunenswert, wie
dieser Mann sich seine geistigen Kräfte erhält und immer
noch erneuert und bereichert. Welches Jammerbild stellt
uns dagegen Thomas Mann mit seiner fortwährenden Selbstbespiegelung
dar! Aber er findet bei uns und in Amerika noch immer
Dumme genug, die seinen Exhibitionismus bestaunen. Genug
davon." Vossler schließt diesen Brief mit: "Ihr
alter K. Vossler".
Karl Vossler stirbt
am 18. Mai 1949. "Jene böse Nazizeit hat ganz eigentlich
meines Mannes Lebensfreude ausgelöscht", schreibt
Emma Vossler an Klemperer. "Von da an hat er sich
nach dem Tod gesehnt. Er hat das eigene Volk verachtet
und sich seiner geschämt. Mit meiner ganzen Liebe habe
ich ihn nicht zurückhalten können, u. allen Bemühungen
der Ärzte hat er sein 'Ich will nicht mehr'
entgegen gehalten. Nicht gewaltsam hat er sich das Leben
genommen, obwohl Medikamente u. Schlafmittel in Massen
in seiner Nähe standen. Er folgte einem lockenden Todesruf
unaufhaltsam, gelassen, wie es seine Art war. Die letzten
Wochen waren schmerzensreich. Manchmal war er benommen
u. sein Geist schon in weiter Ferne. Er mußte lange Geduld
haben – er der Ungeduldige, Vorwärtsstrebende – bis endlich
die irdischen Fesseln fielen.
Nun türmen sich die
Beileidsschreiben auf meinem Tisch. In der Nazizeit hatte
ich oft das Gefühl, als sei er sehr verlassen, als stünde
er fast allein unter seinen Kollegen u. Freunden. Nur
ein paar getreue Unentwegte waren noch um uns. Nun ist
es doch anders gewesen, u. vielen fällt es ein – zu spät
– was er für Deutschland bedeutet hat."
Anders als der weise
Karl Vossler reagiert der jugendliche Heißsporn Stephan
Hermlin auf die Neuerscheinung von Klemperers Moderne
französische Prosa. Er verreißt das Werk in der Zeitschrift
Freitag am 25.
März 1949 unter der Überschrift Ein
schlechter Dienst an der deutschen Jugend. Hermlin
wirft Klemperers Literaturgeschichte vor, daß einige Schriftsteller
darin nicht vorkommen, was in bezug auf Aragon, Elsa Triolet,
Vercors, Julien Benda und Jean-Richard Bloch durchaus
berechtigt ist. Ferner echauffiert sich Hermlin darüber,
daß Klemperer auf Emile Baumann eingeht und fährt fort:
"Aber wer glaubt, daß Klemperer es bei Baumann bewenden
läßt, irrt sich. Er stellt für den deutschen Schüler und
Studenten treulich alles zurecht, was inzwischen auf den
Misthaufen der Literaturgeschichte gewandert ist: den
jämmerlichen Ernest Psichari, ein Gegenstück zu Walter
Bloem; den Nietzsche-Schüler Ernest Seillière, der vor
vierzig Jahren seine 'Geschichte des Imperialismus'
schrieb; den Chauvinisten Maurice Barrès und schließlich
den alten Verräter Charles Maurras, der vor einem Jahrzehnt
dazu aufrief, die Politiker der Linken 'mit Küchenmessern' zu erledigen und den Einmarsch
Hitlers hymnisch begrüßte."
Klemperer reagiert
auf diesen Verriß mit einem Brief an Hermlin am 27. III.
1949, in dem er zunächst Hermlins schriftstellerisches
Talent würdigt. Weiter unten heißt es: "Sie entrüsten
sich ueber die Aufnahme mancher Texte, die Ihnen bald
aus aesthetischen, bald aus sittlichen, bald aus spezifisch
politischen Gruenden auf den Misthaufen der Literaturgeschichte
zu gehören scheinen. Was ist Literaturgeschichte? Wenn
sie eine wirkliche Geschichte sein will, so ist sie fraglos
mehr oder etwas anderes als nur die Aufreihung aesthetischer
und ethischer Höchstleistungen. Nein, sondern sie umfasst
alles, worin sich sprachlich der Geistes- und Bildungszustand
eines Volkes ausdrückt. Das charakteristisch Mittelmäßige
und selbst der charakteristische Schund darf nicht beiseite
gelassen werden, das Reaktionäre darf nicht unerwähnt
bleiben, wo es die Gesinnung grosser Volksteile darstellt.
Geschichte und Literatur eines Volkes stehen in engster
Wechselwirkung, Geschichte hilft mir, die Literaturgeschichte,
Literaturgeschichte hilft mir, die Geschichte zu verstehen.
'Tableau!' schreiben Sie und scheinen also
zu glauben, dass ich mich mit den Kriegs- und Rasseideen
Paul Adams identifiziere. Sie kommen mir vor wie der Cowboy
im Zuschauerraum eines Wildwesttheaters, der in edler
Empörung den Darsteller des Bösewichts von der Bühne knallt."
Klemperer steht mit
dieser Argumentation nicht allein. Hier ein Äquivalent:
"Das streckenweise sich ergebende Konnubium von Geschichte
und Literaturgeschichte in der Bestimmung der Epochen
empfiehlt sich im Hinblick auf die enge Verbundenheit
der beiden Bereiche. Die Literatur ist mit allen Fasern
ihres Wesens im Leben der Geschichte verklammert. Sie
gehört zu den Elementen des geschichtlichen Seins, dem
sie den letzten, verbindlichen Sinn verleiht und die allmenschliche
Verbundenheit sichert. Auch wo die Literatur idealisiert,
kann sie geschichtlich realer wirken als die Darstellung
der geschichtlichen Realität." – Es gibt
nur einen, der so schreibt: Es ist Klemperers später Antipode,
Werner Krauss, ehemals Schüler von Karl Vossler.
Stephan Hermlin ist
nicht der einzige, der Klemperer zusetzt. Auch die Hallenser
und die Dresdener Parteileitung sind unzufrieden mit dem
Genossen Klemperer. Am 6. Oktober 1953 hatte Klemperer
anläßlich des vierten Jahrestages der Gründung der DDR
in der Universität Halle einen Vortrag gehalten, der nicht
nach dem Geschmack der Parteibonzen war. Sie kritisieren:
"Genosse Klemperer hätte in seinem Vortrag darlegen
müssen, die Bedeutung der Deutschen Demokratischen Republik
als Basis im Kampf um ein einheitliches, friedliebendes
und demokratisches Deutschland sowie den Kampf um die
Erhaltung des Friedens. Dabei hätte der Referent sehr
gut die Hilfe unserer Partei und Regierung gegenüber der
Wissenschaft zum Ausdruck bringen können.
Weiterhin fehlte im
Vortrag die Würdigung der Verdienste unseres Präsidenten,
Genossen Wilhelm Pieck sowie die Bedeutung des neuen Kurses.
Genosse Klemperer stellte in seinem Vortrag die These
auf, 'Der Geist formt den
Körper' (Schiller), ohne diese falsche Auffassung zu widerlegen.
Ebenso scheint beim Referenten unklar, der folgende Satz
vom Genossen Stalin im Telegramm anläßlich der Gründung
der DDR, wo gesagt wird, die Gründung der DDR ist ein
Wendepunkt in der Geschichte Europas. Genosse Klemperer
legte dieses als unser Ziel dar, welche[s] schwer zu erreichen
ist."
Am 27. Mai 1955 liest
Klemperer folgendes Meisterwerk parteibürokratischer Borniertheit:
"Lieber Genosse! In der konstituierenden Sitzung
der Parteigruppe der Abgeordnetengruppe des Bezirkes Dresden
wurde kritisiert, daß drei Genossen ohne ausreichende
Begründung der am 25. Mai abgehaltenen Tagung der Abgeordnetengruppe
ferngeblieben sind. Genosse Grotewohl
wies dabei auf die große Bedeutung der Arbeit der Abgeordnetengruppe
für die Demokratisierung hin. Er begründete, daß es gemäß
den Beschlüssen des ZK die Pflicht aller Genossen ist,
an den Tagungen der Abgeordnetengruppe und ihrer Arbeit
teilzunehmen. Nur ganz besondere Gründe, nicht die Teilnahme
an irgendeiner anderen Sitzung oder Besprechungen, können
das Fernbleiben von einer Tagung der Abgeordnetengruppe,
zu der rechtzeitig eingeladen wird, entschuldigen. Auf
Vorschlag des Genossen Grotewohl wurde ich von der Parteigruppe
beauftragt, Dir die an Deinem Fernbleiben geübte Kritik
mitzuteilen und darauf hinzuweisen, daß die von Dir angegebene
Entschuldigung als nicht ausreichend betrachtet wurde.
Da ich ferner beauftragt wurde, in der nächsten Zusammenkunft
der Parteigruppe über die Angelegenheit zu berichten,
bitte ich Dich um eine kurze Stellungnahme. Mit sozialistischem
Gruß Max Seydewitz Sekretär der Parteigruppe
der Abgeordnetengruppe
NB
Am
Sonnabend, den 4. Juni 1955 nachmittags 14 Uhr 30 findet
das von der Abgeordnetengruppe beschlossene erste Seminar
über das Thema: 'Die Bedeutung der Warschauer Konferenz
für den nationalen Kampf des deutschen Volkes' statt.
Diese Mitteilung gilt zugleich als Einladung".
Klemperer reagiert
postwendend, am 27. Mai 1955, mit einem Brief an Seydewitz,
in dem er sein Fernbleiben damit entschuldigt, daß er
in Berlin 19 Studenten zu prüfen, dort eine akademische
Sitzung zu leiten und auf einer Parteigruppenbesprechung
zugegen zu sein hatte, zählt dann seine Auszeichnungen
auf und schließt: "Offenbar habe ich mich in den
vorgenannten Erwägungen geirrt. Ich hätte selbstkritisch
bedenken sollen, dass mein hohes Alter meine Urteilskraft
b[e]einträchtigen könnte. Mit sozialistischem Gruss Victor
Klemperer".
Darunter steht, in Klemperers Handschrift: "Umstehender
Brief hat mir den heutigen Tag vergällt und mich in meiner
Vallèsarbeit schwer behindert."
Auf die Idiotien der
Diktatur des Parteiapparats antwortet Klemperer mit Ironie,
ganz im Sinne von Chamisso, über dessen Peter
Schlemihl Thomas Mann bemerkt hat: "Aber Ironie
heißt fast immer, aus einer Not eine Überlegenheit machen."
Im Gegensatz zu den
Rüffeln der Partei, die Klemperer in seiner Arbeit behindern,
erweist sich Hermlins Verriß als produktiv, trägt er doch
dazu bei, daß Klemperer Vercors entdeckt.
Sicherlich auf Klemperers,
respektive Hermlins Anraten verfaßt ein Doktorand der
Humboldt-Universität anfangs der 50er Jahre eine Qualifikationsschrift
zu Vercors. In einem sieben Seiten umfassenden Brief an
Rita Schober führt Victor Klemperer am 17. Februar 1954
aus, weshalb er diese Arbeit keineswegs zustimmend begutachten
könne: "Ich bin aber noch nie einer Arbeit begegnet,
die derart engherzig, stur, dumm und gehässig ihr Thema
anfaßt, derart entfernt von aller Wissenschaftlichkeit
des Literarhistorikers und derart unsinnig umgehend mit
unsicheren Schlagwörtern [...]. Es ist mir unfassbar wie
jemand, der semesterlang bei mir studiert hat, solch eine
Arbeit schreiben kann. Entweder habe ich als Lehrer völlig
versagt, oder der Mann passt zum Literarhistoriker wie
der Igel zum Lautenschlagen." Klemperer zeiht den
Doktoranden ferner der "Blindheit der 250%igen"
und bemerkt gegen Ende des Briefes: "M. stösst sich
daran, dass Vercors ein paar Mal biblische Bilder gebraucht.
Er stösst sich daran, dass Vercors eines seiner Werke
Mystère nennt. Er stösst sich daran, dass diesem 'Mystère'
ausdrücklich die Erklärung vorangestellt wird, hier handle
es sich um die vielfältige Verkörperung oder Gestaltung
der Grundidee. M. sieht rot, sobald von Idee die Rede
ist. Er sieht rot, sobald biblische Bilder in Spiel kommen,
die blosse Bezeichnung 'Mystère' – dass es auch ein Mysterium
von der Geschichte Trojas gibt – hat er wahrscheinlich
nicht 'gehabt'."
Obwohl es für den
Philologen Victor Klemperer hier keine Konzessionen an
die Dummheit gibt, kommt die Arbeit vier Monate später
durch, ohne daß sie wesentlich verbessert worden wäre.
Diese Qualifikationsschrift
ist nichts anderes als eine Abrechnung mit Vercors, dem
hier permanent vorgeworfen wird, er habe seine Klassenschranken
nicht überwinden können. Die Bedeutung des kämpfenden
Proletariats sei unterrepräsentiert, konstatiert der Doktorand.
Bereits auf der ersten Seite wird der Stab über Vercors
gebrochen: "Ein Schriftsteller gestaltet in seinen
Werken vornehmlich die Interessen und Ansichten derjenigen
Klasse, der er sich in seinem Innersten verbunden fühlt,
und die Ideologie dieser seiner Klasse bestimmt den Inhalt
seiner Werke."
Weiter unten wird Werner Möller, der Verfasser dieser
Doktorarbeit, noch deutlicher: "Ein chauvinistisch
gefärbter Nationalismus, der aus der von Vercors nicht
überwundenen bürgerlichen Ideologie herrührt, verschmilzt
mit des Dichters rein menschlich und nicht durch einen
fortschrittlichen Klassenstandpunkt bedingten Hass gegen
den Faschismus zu einer unauflöslichen Einheit."
Klemperer hatte am
Manuskript unter anderem kritisiert: "Für Möller
ist der Mensch durchweg nach seiner Klassenlage zu beurteilen.
Es ist aber doch so, dass jeder Mensch zuerst einmal eine
Kopf- oder Steiß- oder sonstige Lage im Mutterleib hat.
Und das Zweite: jeder Mensch zuletzt eine Sarglage hat,
die auch wieder mit der Klassenlage nichts zu tun hat,
sofern man in diesem zweiten Fall nicht das Begräbnis
erster, zweiter oder sonstiger Klasse und die Beschaffenheit
des Sarges für wesentlich erklären will. Und es ist einfach
nicht abzuleugnen und wird von keinem vernünftigen Menschen,
welcher Partei, Konfession und Weltanschauung auch immer,
abgeleugnet, dass diese allgemein gültigen Anfangs- und
Schlusstatsachen bestimmend auf alle Menschen einwirken."
In zahlreichen Aufsätzen,
Vorträgen, Gutachten, Zeitungsartikeln etc. tritt Klemperer
für gepflegtes Deutsch ein. So schreibt er unter anderem
am 30. Juli 1947 einen Brief an den Verlag der FDJ, in
dem er die Herausgabe von Nikolai Ostrowskis Roman Wie der Stahl gehärtet wurde kritisiert,
der auch durch den besten Übersetzer nicht in den Bereich
erträglicher Literatur hinaufgeläutert werden kann. Als
Zeugnis des Triumphs tumber Ignoranz über den Geist kann
gelten, daß dieses Buch wenig später und bis Ende 80er
Jahre zum Kanon der Pflichtliteratur an DDR-Schulen gehörte.
Gepflegtes Deutsch
fordert Klemperer auch von seinen Promovenden und Habilitanden.
Über den Zustand eines Gutteils philologischer Arbeiten
im heutigen Deutschland würde er gewiß den Kopf schütteln,
insbesondere dort, wo exzessiver Gebrauch von Fremdwörtern
und kryptischer Wissenschaftsjargon verständliches Deutsch
verdrängen. Darauf weist er u. a. in Gutachten zu Dissertationen
von J[ürgen] Papenbrock
und A[dalbert] Dessau hin. In letzterem wie folgt: "Störend
wirkt die Geschwollenheit einiger Fachausdrücke. Was sollen
Historizität und Relevanz, wo es mit Geschichtlichkeit
und Wichtigkeit genauso getan ist?"
Victor Klemperer bleibt auch hier der Aufklärung treu,
die stets bestrebt gewesen ist, komplizierte Sachverhalte
so verständlich wie möglich darzustellen.
LTI, Klemperers an der
Aufklärung geschulte Analyse der Sprache des III. Reiches,
wurde im Westen sicher nicht allein aus dem Grunde totgeschwiegen,
weil Klemperer sich zur DDR und zum Marxismus bekannte,
sondern auch deshalb, weil im Wirtschaftswunderland an
Aufarbeitung von Vergangenheit kaum jemand ernsthaft interessiert
war. In der DDR war LTI
in zahlreichen preiswerten Auflagen des Reclam-Verlags
verbreitet.
Victor Klemperer, der bei Montesquieu erfahren
hatte, daß es die erste Aufgabe des Staates sei, den Bürger
vor dem Staat zu schützen, konnte in der DDR der Aufklärung
treuer bleiben als irgendwo sonst. Er versuchtete, mit
kritischem Engagement ein Gesellschaftsmodell mitzugestalten,
das potentiell in der Lage ist, diese vornehmste Aufgabe
des Staates wahrzunehmen. Die zahlreichen akademischen
und gesellschaftlichen Positionen, die Klemperer zwischen
1945 und 1959 innehatte, stempeln ihn mitnichten zum opportunistischen
Funktionär. Klemperers Bestreben, sich als gesellschaftlich
anerkannte Persönlichkeit in der Öffentlichkeit und bei
den Regierenden Gehör zu verschaffen, war dem Ziel untergeordnet,
Licht in die Köpfe eines für politische Manipulation allzu
anfälligen Volkes zu bringen und bezeugt Klemperers ungebrochene
Hoffnung auf die Wirksamkeit von Aufklärung.
Es ist ein Lichtblick, daß Victor Klemperer
heute endlich entdeckt ist, was ohne die in der DDR vom
Aufbau-Verlag begonnene Edition der Tagebücher nicht geschehen wäre. Manchmal
geschieht das Unwahrscheinliche: "Einige werden posthum
geboren." – Victor Klemperer
ist diese Genugtuung widerfahren.
[zuerst
veröffentlicht in Germanica 27/2000, pp. 205
– 220. © R. Reimann
2001]