I
Das
19. Jahrhundert ist in Europa das Jahrhundert, in dem
das Christentum von der philosophischen und literarischen
Elite zu den Akten gelegt wird. Es wird mehr und mehr
als das erkannt, was es in Wirklichkeit ist: der Anfang
vom Ende des Abendlandes.
Hauptinitiator
des damit zusammenhängenden Demaskierungsprozesses der
Inhumanität christlicher Wert- und Moralmaßgaben war
nach der Renaissance Voltaire gewesen, auf den sich
später Schopenhauer, Flaubert, Nietzsche und andere
berufen.
Einem
Chirurgen ähnlich, der Krebsgeschwüre freilegt, seziert
Flaubert die Wirklichkeit als gesellschaftlich und individuell
absurden Zustand. Darin liegt Flauberts Hauptverdienst,
neben den bekannten ästhetischen Neuerungen, die der
moderne Roman von Huysmans über Proust und Joyce bis
hin zu Beckett Flaubert verdankt.[i]
Gustave
Flaubert ist, gemeinsam mit Baudelaire, derjenige französische
Autor des 19. Jahrhunderts, dessen Werk die meisten
Stellungnahmen nach sich zog. Wissenschaftliche Abhandlungen
halten sich hierbei die Waage mit Publikationen von
bedeutenden und weniger bedeutenden Schriftstellern.
Stiefkind,
sowohl der Forschung, als auch essayistischer Betrachtung,
sind die Trois
Contes, die als zusammengehöriges Werk bis heute
kaum beleuchtet wurden. Dies nimmt einigermaßen wunder,
denn die Zeugenschaft Flauberts in bezug auf die Hauptsünde
der letzten 2000 Jahre wird hier wie nirgendwo sonst
in seinem Werk offenbar.
II
Am
1. August 1874 hatte Flaubert damit begonnen, Bouvard
et Pécuchet niederzuschreiben. Diese hinsichtlich
des damit verbundenen Arbeitsaufwandes gigantischste
seiner literarischen Unternehmungen stellt er im Herbst
1875 zunächst zugunsten der Légende
de Saint Julien l'Hospitalier zurück, mit der er
sich bereits 1856 beschäftigt hatte. Er schreibt am
3. Oktober
1875 an Madame des Genettes:"Quant
à la littérature,
je ne crois plus en moi; je me trouve vide, ce qui est
une découverte peu consolante. Bouvard et Pécuchet
étaient trop difficiles, j'y renonce; je cherche un
autre roman, sans rien découvrir. En attendant, je vais
me mettre à écrire la légende de Saint Julien l'Hospitalier,
uniquement pour m'occuper à quelque chose, pour voir
si je peux faire encore une phrase, ce dont je doute.
Ce sera très court; une trentaine de pages peut-être.
Puis, si je n'ai rien trouvé et que j'aille mieux, je
reprendrai Bouvard et Pécuchet."[ii]
Der
Légende de Saint
Julien l'Hospitalier folgen die contes Un Cœur simple, begonnen am 17. Februar 1876, beendet am 17. August
desselben Jahres, sowie Hérodias,
den Flaubert sofort nach Un
Coeur simple zu schreiben beginnt und im Februar
1877 abschließt.
Die
Ursache für die geringe Beachtung der Trois Contes im Vergleich mit anderen Werken
Flauberts ist wohl vor allem darin zu finden, daß der
Autor selbst die Bedeutung dieses Werkes in seiner Korrespondenz
häufig geringer veranschlagt als die Bedeutung seiner
Romane, wofür der oben zitierte Briefauszug nur als
Beispiel für vieles Gleichlautende steht. Zudem nehmen
sich die Trois contes dem Umfange nach geringer
aus als die Romane, und unbestritten ist, daß zumindest
Un coeur simple sowie La Légende
de saint Julien l'Hospitalier auf die Literatur
nach Flaubert von wesentlich geringerem Einfluß waren
als Madame Bovary
oder L'Éducation
sentimentale. Hérodias
allerdings beeinflußte die Salomé-Darstellungen nach
Flaubert nicht nur in der Literatur, sondern auch in
der Malerei. Die Salomé-Darstellungen Gustave Moreaus
beispielsweise, die Huysmans in À
rebours wieder in Sprache umsetzt, gehen auf Flauberts
Hérodias zurück.[iii]
Sofern
sich die Forschung der Trois Contes annimmt, wird in aller Regel
ein conte aus dem Zusammenhang gelöst und isoliert betrachtet.[iv] Synthesen
gelingen nur sporadisch und beschränken sich bislang
ausnahmslos auf die Beleuchtung zweitrangiger Zusammenhänge
zwischen den einzelnen contes.[v]
Michel
Butor sieht folgende Parallelen zwischen den Hauptfiguren
der Trois contes: "Trois histoires
de dénuement: les trois héros, les trois 'saints' sont
d'une extrême pauvreté à la fin de leur existence. (...)
Trois célibataires: Félicité a aimé quelqu'un dans sa
jeunesse, mais n'a pas pu l'épouser, et s'est toujours
consacrée aux enfants des autres; Julien a épousé la
fille de l'Empereur d'Occitanie, il a traversé le mariage,
puis il est entré dans la solitude; quant à Jean-Baptiste
il est depuis toujours fondamentalement célibataire.
Tous trois se présentent en contraste avec une vie familiale.[vi]
Diese
äußerlichen Übereinstimmungen sind fraglos vorhanden;
sie verweisen jedoch nur andeutungsweise darauf, daß
es ein die Trois Contes generell überspannendes Thema
gibt. Ezra Pound war dem auf der Spur, als er 1922 feststellte:
"Die drei historischen Tableaux - heidnische
Antike, Mittelalter, Neuzeit - bilden ein Ganzes und
kreisen um den Satz aus der ersten Erzählung, Saint
Julien: 'Und er verfiel auf den Gedanken, sein Leben
in den Dienst der anderen zu stellen.' "[vii] ("...et
l'idée lui vint d'employer son existence au service
des autres." (II, 645.))[viii]
Die
Trois Contes
stellen zwei markante Etappen der Herausbildung des
Katholizismus, mithin des Christentums vor und exemplifizieren
das Wesen des zeitgenössischen Katholizismus am Medium
Félicité, die ihr bemitleidenswertes und in den Wahnsinn
mündendes Leben getreu den Maßgaben von Neuem Testament und Enzyklika
fristet.
Ein,
wenn nicht das zentrale Thema Flauberts ist die bêtise
humaine, deren Darstellung sein Werk durchzieht
und die ihn in seinen Briefen permanent an den Rand
der Verzweiflung treibt, die hier wie im Werk durch
Ironie überwunden wird. Mit Bouvard et Pécuchet und dem zugehörigen
Dictionnaire des Idées recues hatte er
sich soweit in dieses Thema verstiegen, daß es ihm über
den Kopf wachsen mußte. Die menschliche Dummheit in
all ihrer Komplexität darstellen zu wollen, einen geringeren
Anspruch stellte er sich nicht, bedeutete den Griff
nach dem Unendlichen.
"Les
mots religion ou catholicisme, d'une part; progrès,
fraternité, démocratie de l'autre, ne répondent plus
aux exigences spirituelles du moment. Le dogme tout
nouveau de l'égalité, que prône le radicalisme, est
dementi experimentalement par la physiologie et par
l'histoire", schreibt
Gustave Flaubert im Dezember 1875 an George Sand, zu
jener Zeit, da die Arbeit an Bouvard et Pécuchet ruht.
Zweifellos
waren La Légende de Saint Julien l'Hospitalier und Un Cœur simple zunächst tatsächlich nur als Stilübungen gedacht. Während
der Niederschrift von Un
Cœur simple jedoch wird Flaubert der Zusammenhang
bewußt, der zwischen diesen beiden contes besteht. Sie
offenbaren Christentum und Katholizismus als wesentlichen
Bestandteil der komplexen bêtise
humaine. Zugleich erkennt er, daß ein dritter conte
noch hinzugefügt werden sollte, um diesen Zusammenhang
zu verdeutlichen: "Savez-vous ce que j'ai envie d'écrire après cela?" schreibt
Flaubert im April 1876 an Madame des Genettes.
"L'histoire
de saint Jean-Baptiste. La vacherie d'Hérode pour Hérodias
m'excite. Ce n'est encore qu'à l'état de rêve, mais
j'ai bien envie de creuser cette idée-là. Si je m'y
mets, cela me ferait trois contes, de quoi publier à
l'automne un volume assez drôle."
(Hervorhebung
R. R.)
Als
"un volume
assez drôle" sind die Trois
Contes also anzusehen, weshalb es angeraten erscheint,
dieses Werk entsprechend der von Flaubert getroffenen
Anordnung zu untersuchen.
III
Als
Beweis für Félicités gottgefällige Makellosigkeit mag
zunächst folgender Auszug dienen: "Le prêtre fit
d'abord un abrégé de l'Histoire sainte. Elle
croyait voir le paradis, le déluge, la tour de Babel,
des villes tout en flammes, des peuples qui mouraient,
des idoles renversées; et elle garda cet éblouissement
le respect du Très-Haut et la crainte de sa colère.
Puis, elle pleura en écoutant la Passion. Pourquoi l'avaient-ils
crucifié, lui, qui guérissait les aveugles, et avait
voulu, par douceur, naître au milieu des pauvres, sur
le fumier d'une étable? Les semailles, les moissons,
les pressoirs, toutes ces choses familières dont parle
l'Évangile, se trouvaient dans sa vie; le passage de
Dieu les avait sanctifiées; et elle aima plus tendrement
les agneaux par amour de l'Agneau, les colombes à cause
du Saint-Esprit.
Elle
avait peine à imaginer sa personne; car il n'était pas
seulement oiseau, mais encore un feu, et d'autres fois
un souffle. C'est peut-être sa lumière qui voltige la
nuit aux bords des marécages, son halaine qui pousse
les nuées, sa voix qui rend les cloches harmonieuses;
et elle demeurait dans une adoration, jouissant de la
fraîcheur des murs et de la tranquillité de l'église.
Quant
aux dogmes, elle n'y comprenait rien, ne tâcha même
pas de comprendre. (II, 601 f.)
Sancta
simplicitas; heiligere Einfalt ist unmöglich. Das wird
bei einem Vergleich dieses Auszuges mit repräsentativen
Bibelzitaten noch deutlicher:
1)
"... le respect du Très-Haut et la crainte
de sa colère." Dem
entspricht: " ... du sollst dich vor deinem Gott fürchten" (3.
Mos. 19, 18);
2)
"Elle avait peine à imaginer sa personne".
Dem
entspricht: "
... du sollst dir kein Bildniß noch irgend ein Gleichniß
machen deß, das oben im Himmel ... ist"
(2.
Mos.
20, 4);
3)
"Quant aux dogmes, elle n'y comprenait
rien". Dem
entspricht: "Selig
sind, die da geistlich arm sind, denn das Himmelreich
ist ihr". (Matth. 5, 3).
Eine
Vielzahl derartiger Entsprechungen ließe sich noch ergänzen,
indes es schwerfallen dürfte, ein einziges Sakrileg
Félicités wider die Gebote Gottes und die Buchstaben
der Heilgen Schrift zu finden. Bemerkenswert ist, daß sie völlig unbewußt
dieses Gott und jedem Pfaffen überaus gefällige Leben
führt, wobei ihr allerdings der Zufall gelegentlich
zur Seite steht, wenn beispielsweise der Geliebte der
jungen Félicité kurzerhand zum Militär einberufen wird,
bevor es zur Hochzeit und damit zum Verlust der Reinheit
kommt.
"L'Histoire
d'un cœur simple est tout bonnement le récit d'une
vie obscure, celle d'une pauvre fille de campagne",
schreibt Flaubert am 19.
Juni
1876 an Madame des Genettes. Durch die wertungsfreie
Wiedergabe der tristen Biographie Félicités[ix] wird
die Lebensfeindlichkeit der katholischen Kirche und
des Christentums offenbar. Leid , Einsamkeit und Wahnsinn
sind der Preis für ein angeblich paradiesisch ausgestattetes
Jenseits.
IV
Die
Genealogie des Christentums besteht für Flaubert in
einer kontinuierlichen Abfolge von Lügen, Halbwahrheiten,
Märchen und Legenden. Zwei Abschnitte dieser Genealogie
gestaltet Flaubert in den contes La
Légende de Saint Julien l'Hospitalier und Hérodias.
Damit gibt er die katholische Kirche seiner Gegenwart,
die in Un Cœur simple vorgestellt wird, der Lächerlichkeit preis.
Die
epische Struktur der Trois Contes offenbart ironischerweise eindeutige Bezüge zu den Schriften
des Alten
und des Neuen Testaments. Die Zahl Drei, die von
den Verfassern der Bibel arg strapaziert wurde, erscheint
äußerlich zunächst im Titel: Trois
Contes. La Légende de Saint Julien l'Hospitalier und
Herodias sind
zudem in drei Kapitel gegliedert. Sie rücken dadurch
nicht nur in die Nähe der Bibel, sondern auch in die
Nähe des Volksmärchens, denn auch hier spielt die Drei
häufig eine entscheidende Rolle. Zweifelsfrei befinden
sich die letzten beiden contes an einem Kreuzungspunkt
zwischen biblischer Mythologie, Märchen und historischer
Authentizität. Letztere zu erschließen dürfte Flaubert
kaum möglich gewesen sein, und das lag hier ausnahmsweise
auch nicht in seinem Interesse. "Hérodias
est maintenant à son milieu", schreibt
er am 31. Dezember 1876 an Edmond de Goncourt.
"Tous
mes efforts tendent à ne pas faire ressembler ce conte-là
à Salammbô." In
Salammbô hatte Flaubert historische Authentizität
um jeden Preis angestrebt, was zahlreiche Briefe und
über einhundert Geschichtsbücher, die er für dieses
Werk gelesen hatte, ebenso belegen wie die Reise zum
Ort des Romangeschehens im Frühjahr 1858. Hérodias hingegen soll, gleich der Légende de saint Julien l'Hospitalier,
ein conte sein.
Märchenhaftem
und biblischer Mythologie gleichen in der Légende
beispielsweise die Prophezeiungen, welche die Eltern
Juliens vor dessen Geburt vernehemen (Vgl. II, 625.),
das Jagdglück Juliens sowie der sprechende Hirsch (II,
632.).
La
Légende de Saint Julien l'Hospitalier ist
die märchenhaft-mythologische Darstellung des Lebens
eines unheiligen Heiligen[x],
"la biographie
d'un héros pervers"[xi],
die sich von den Hagiographien des Mittelalters wie
auch von den Volksmärchen dahingehend unterscheidet,
daß die Ironie als gestalterisches Mittel angewendet
wird, wovon Flaubert seit Madame
Bovary nicht mehr abgelassen hat.
"Du
sollst nicht töten", lautet das fünfte Gebot; des
Tötens aber hat sich Julien in seinem Leben ausgiebig
befleißigt, allein genügt die Buße im Anschluß an ein
blutrünstiges Leben für die Seelenrettung, eine Buße,
die in willenlosem Masochismus mündet. Am Schluß des
conte hat Julien Wesentliches gemein mit Félicité: Er
ist bar jeder Eitelkeit im Sinne des Christentums, entindividualisiert,
willenlos dienendes Objekt, gottgefällig. War nicht
Lucifer gestürzt, weil er sich eine Identität erlaubte?
Hier wird ein Vater- und Muttermörder zum Heiligen,
weil er gegen Ende seines Lebens dem Nächsten und damit
Gott dient; das stellt den eitlen Gott zufrieden, denn
letztlich ist das erste das wichtigste Gebot. Ganz gleich,
das anderswo gesagt wurde: "Du
sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, auf daß
du lange lebest im Lande, das dir der Herr, dein Gott
gibt."
(2.
Mos. 20, 12)[xii]
Dieser Gott ist nicht etwa schizophren;
er vergibt und ist grenzenlos in seiner Güte.
Überliefert
ist die Geschichte des Saint Julien, die Flaubert im
19. Jahrhundert neu gestaltet, von der Kirche, worin
offenbar wird, daß dieser Mordbube es der Kirche trotz
seiner Verstöße gegen zwei Gebote wert war, ihn zum
Heiligen, zum "Saint Julien" zu erheben, seine
Geschichte als nachahmenswerte zu bewahren. Sartre
schreibt dazu: "...
nous sommes ... assurés par l'Église que tout finira
bien: oui, oui, il tue son père et sa mère mais n'ayez
pas crainte, bonnes gens, c'était prévu; toutes les
précautions sont prises: puisqu'on vous dit que c'est
un Saint!"[xiii]
Durch
die Légende und
durch Un Cœur
simple wurde Flaubert zu Hérodias
inspiriert. Er erkannte, daß zu dem christlichen Tableau
aus dem 13. Jahrhundert, dem Hochmittelalter, und dem
christlichen Sittenbild seiner unmittelbaren Gegenwart
ein dritter conte gehört, der zu den Ursprüngen des
Christentums zurückführen sollte, woraus sich ein Ganzes
ergibt: eine bittere Farce, die weit hinausgeht über
die Darstellungen eines neuzeitlichen, mittelalterlichen
und antiken Heiligenlebens.
Das
Christentum gewinnt im Mittelalter die Oberhand über
die heidnische Philosophie, erfährt so in dieser Epoche
seine letzte entscheidende Ausprägung. Im Jahre 529,
das gemeinhin als der Beginn des Mittelalters gilt,
schließt ein Erlaß des christlichen Kaisers Justinian
die platonische Akademie in Athen, die 900 Jahre bestanden
hatte. Der Heilige Benedikt gründet im selben Jahre
Monte Cassino. Ausgangs des 13. Jahrhunderts wird vermöge
der Scholastik die christliche zu der das Abendland
dominierenden Wissenschaft.
Das
13. Jahrhundert ist die Blütezeit eines gefestigten
Katholizismus. Es ist das Zeitalter der letzten christlichen
Genies, des Franz von Assisi, des Thomas von Aquin,
des Jordan von Sachsen, des Albertus Magnus... . Zugleich
aber, und das in viel höherem Maße, ist es das Jahrhundert,
in dem die Kirche mit vier Kreuzzügen und diversen Ketzer-
und Hexenverbrennungen ihr blutrünstiges Gesicht offen
zur Schau trägt, weil sie sich bedroht fühlt, nicht
zuletzt durch das Morgendämmern der Renaissance. So
ist es denn auch nur folgerichtig, daß ein Killer wie
Julien zum Heiligen stilisiert wird, sofern er rechtzeitig
Einkehr findet im rechten, Demut verordnenden Glauben.
La
Légende de Saint Julien l'Hospitalier erscheint
in diesem Licht als die Entmystifizierung eines christlich
mystifizierten Lebens.
V
Mit
Hérodias begibt
sich Flaubert an die Wurzeln des Christentums. Der Tod
Johannes des Täufers um 30 nach christlicher Zeitrechnung
war von prägendem Einfluß auf die Richtung, welche jene
Religion nahm, die der Nazarener und der Täufer verkündeten.
"Beide waren
Prediger eines anbrechenden Gottesreiches, die um sich
zahlreiche Jünger scharten. Nach dem Tode des Johannes
sind seine Jünger offenbar zu Jesus übergelaufen und
haben ihre Erfahrungen mitgebracht. Jesus siegt über
Johannes."[xiv]
Flauberts
Bericht über das Ende des Täufers weicht in seiner Faktizität
kaum ab von den Darstellungen der Matthäus- (14, 3 -12)
und Marcus- Evangelien (6, 14 -29). Bezüglich der Gestaltung
einzelner Charaktere geht Flaubert jedoch weit über
die neutestamentarische Vorlage hinaus. Gestalt gewinnen
die vom Neuen
Testament vorgegebenen Charaktere bei Flaubert,
wie sollte es auch anders sein, hauptsächlich durch
die erlebte Rede. Hérodias, die für Flaubert Hauptschuldige
an der Enthauptung des Täufers, an dem sie sich für
die Demütigungen zu rächen getrieben fühlt, die er ihr
zugefügt hat
(Vgl. II, 654.), läßt
ihre Tochter Salomé als Werkzeug dieser Rache abrichten:
"Elle avait fait instruire, loin de Machaerous,
Salomé sa fille, que le Tétrarque aimerait; et l'idée
était bonne. Elle en était sûre maintenant."(II,
675.)
Flaubert
bezeichnet in einem Brief an Madame des Genettes Hérodias
als "une
sorte de Cléopâtre et de Maintenon" (19 juin
1876). Zwei Wesenheiten der Hérodias werden dadurch
offenbar: Schönheit, die bewußt als Machtinstrument
eigesetzt wird (Cleopatra), beherrschender Einfluß auf
den König (Maintenon). Hérodias bedarf des Mediums Salomé
für ihre Rache. Salomé ist jung und schön, während Hérodias
äußerlich schon jenseits von Gut und Böse steht, des
Königs Sinne nicht mehr zu betören vermag.
Die
Figuren der Hérodias und der Salomé werfen ein Licht
darauf, welch fatale Wirkungen für Flaubert vom Weibe
ausgehen können. Der Weg, den jene Religion einschlug,
die die abendländische Kultur seit ca. 30 nach der Geburt
des Nazareners verdarb, wurde dieser Religion, entsprechend
der Gestaltung des Sachverhaltes in Hérodias,
wenn auch indirekt, so doch vornehmlich durch ein rachsüchtiges
Weib gewiesen, das sich des lasziven Tanzes einer Jungfrau
bediente, der die Geilheit des greisen Hérodes beförderte,
der sich infolge final empfundener Brunst zu jedem Versprechen
hinreißen läßt. Die Weiber, ausgerechnet die Weiber,
nicht nur im Sinne der Antike, sondern auch im Sinne
der Bibel zweitrangige Geschöpfe, tragen die Schuld
an der Enthauptung des Täufers und damit am Werdegang
des Christentums! Wenn das keine Häresie ist, dann gibt
es keine Häresie.
Als
Beleg dafür, daß Flaubert im Weibe eine Wurzel allen
Übels der Welt sah, seien stellvertretend für viele
ähnliche zwei Briefstellen angeführt: "Ce
(les femmes, R. R.)
sont les plus durs et plus cruels des êtres."
(À
Ernest Feydeau, 11 janvier 1859. Hervorhebung Flaubert.)
"Je maudis
les femmes, c'est par elles que nous périssons."
(À George Sand, 10 septembre 1870.)
Mit
dem Weib als Ursprung des Bösen meint Flaubert sowohl
die seelische Beschaffenheit desselben als eines weitestgehend
von niederen Instinkten und Gefühlen dominierten, nur
bedingt denkfähigen Geschöpfes, als auch die Verlockungen
weiblicher Schönheit, die Männer paralysiert und unterwirft.
Der dionysische Affekt, den weibliche Schönheit zeitigen
kann, ist symbolisiert in Salomé, die Flaubert im Gegensatz
zum Neuen Testament diesbezüglich ausführlich
beschreibt. Trotz, wenn nicht gar folgerichtig ob ihrer
Schönheit, ist sie als blasser, "schwacher
Charakter"[xv] gestaltet.
VI
Das
Leitmotiv Gustave Flauberts seit der ersten Fassung
von L'Éducation
sentimentale (1845) ist die bêtise
humaine. Seit 1871 leidet er stärker noch als vordem
unter diesem omnipräsenten Phänomen. Die Ursachen hierfür
sind höchst komplex. Dem Preußisch-Französischen Krieg
und der Pariser Commune
steht er völlig fassungslos gegenüber. Flauberts Einsamkeit
wird verstärkt durch den Tod Louis Bouilhets 1869, den
Tod der geliebten Mutter 1872, den Tod George Sands
im Juni 1876. Das Vorhaben Bouvard
et Pécuchet scheint undurchführbar. Am
2. Juli 1874 schreibt Flaubert in einem Brief an Turgenjew:
"Ce
qui me reste dans le coeur, c'est l'échec de l'Éducation
sentimentale; qu'on n'ait pas compris ce livre-là,
voilà ce qui m'étonne." Er
fühlt sich nicht nur einsamer, auch unverstandener denn
je.
Mit
La Légende de
saint Julien l'Hospitalier sucht Flaubert zunächst
nur tiefste Entmutigung zu kompensieren. Aus dieser
scheinbar beiläufigen Stilübung erwachsen die Trois
Contes.
Die
Trois Contes
stellen an drei markanten Ausschnitten die groteske
Genealogie des Christentums und der katholischen Kirche
vor. Dies erkennen Flauberts Zeitgenossen, die schon
L'Éducation sentimentale
vollständig mißverstanden hatten, überhaupt nicht. Flaubert
ahnte die zahllosen Fehlinterpretationen der
Trois contes.
"... je trouve
que, si je continue, j'aurai ma place parmi les lumières
de l'Église. Je serai une des colonnes du temple. Après
saint Antoine, saint Julien; et ensuite saint Jean-Baptiste;
je ne sors pas des saints",
prophezeit er Madame des Genettes am
19. Juni 1876. Die Voraussage bestätigt sich: "Les
Trois Contes de 'ce bon M. Flaubert' sont recommandés
sur le catalogue d'une librairie catholique, comme pouvant
circuler 'dans les Familles'. Quand je vous dis que
je tourne au Père de l'Église."
(À Madame Brainne, août 1877.)
Pierre-Marc
de Biasi bezeichnet Flauberts Reaktion auf den Umstand,
daß die Kirche die Trois contes gründlich mißversteht und so ihre Borniertheit deutlich
unter Beweis stellt, treffend als "une
satisfaction voltairienne"[xvi].
Hinzuzufügen
ist dem nur noch, daß die Fehlinterpretationen und
Fehleditionen der Trois Contes bis heute nicht abreißen. Jede Interpretation der Trois Contes, die den Zusammenhang, in
dem sie stehen, unberücksichtigt läßt, ist unvollständig.
Dementsprechend zerstört auch jede isolierte Edition
eines conte die intendierte Aussage. Merkantil ist
Un Cœur simple
der absolute Renner, in Frankreich wie in Deutschland,
wohl deshalb, weil dieser conte, für sich genommen,
in prekäre Nähe zu christlicher Erbauungsliteratur
rückt.
[zuerst
veröffentlicht in Grenzgänge, Heft 4/1995, S. 94-104.
© R. Reimann 2001]