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R.
Reimann
Was
ist Deutsch? (I)
I
Im September 1793 schließt ein 23-jähriger
junger Mann in Tübingen sein Theologiestudium ab und
ist endlich reif dafür, Pastor zu werden. Es bedarf
nur noch eines Examens. Der Kanzler des Tübingener Stifts
offeriert ihm eine gerade freigewordene Pfarrstelle
in Wolfenhausen und die Hand seiner Tochter noch dazu.
Des jungen Mannes Mutter, eine religiöse Eiferin, hatte
während ihrer Schwangerschaft das Gelübde abgelegt,
das Kind, sollte es ein Junge werden, Gott dem Herrn
zu schenken. Der Mutter wegen hat der gehorsame Sohn
Theologie studiert, obwohl ein Studium der Medizin oder
Naturphilosophie ihm näher gelegen hätten. Zudem war
die Mutter zweimal früh verwitwet und gab finanzielle
Not vor. Nun drängte auch sie ihn, doch Pfarrer zu werden.
Pastoren gehörten damals, gerade in deutschen Dörfern
und Kleinstädten, zu den Honoratioren. Ihre Bildung
war solide, so solide, daß über ein Leben hin davon
gezehrt werden konnte, das Gehalt war nicht üppig, jedoch
keineswegs karg, und der Arbeitsaufwand überschritt
nie ruhiges Gleichmaß.
Nun ist nicht jeder zum Pastor geboren, aber Arrangements
kann man in jedem Beruf treffen, mit sich selbst und
mit der Gesellschaft. Dies ist die Regel. Freilich,
jemand, der vorgibt, einen Beruf lieben, zu dem er keine
Berufung verspürt, ist ein Lügner. Wenn es etwas gab,
das dem jungen Mann, von dem hier die Rede ist, zuwider
war, dann waren dies Lüge und fragwürdige Arrangements.
Die Begründung, mit der er die ihm angebotene Pfarrstelle
ausschlägt, er wolle seinen Dienst keinem Weibe zu verdanken
haben, ist hauptsächlich ein Vorwand, aber nicht nur.
Er fühlte sich den Musen zugehörig, war bereits vergeben.
Statt in seichtem Behagen trügerische Ruhe zu suchen,
die ganz und gar erhofft ruhig nicht sein kannn, weil
stete Anhäufung unglücklichen Bewusstseins damit einhergeht,
entschließt sich der berufsausgebildet abgeschlossene
junge Mann zu einem anderen Weg: Dieser Weg ist verbunden
mit materieller Not, Demütigungen, Verachtung, unstetem
Wanderleben. Er wird verspottet, angespuckt, mit faulem
Obst und faulen Eiern beworfen werden, stinken wird
er, wie die helle Pest, auch wie die dunkle Pest, einst
ein schöner Jüngling, einst der schönste Jüngling, äußerlich,
was jeder sieht, innerlich, was wenige sehen, ein Sohn
jener alten Götter, die sich abgewandt haben von den
Menschen und nur alle hundert Jahre hinabschauen auf
die Erde, wenn sie meinen, hier könnte etwas gelingen,
von dem, was sie sich einst ersonnen in Hoffnung und
Wahn. Sie wenden sich ihm zu, ihrem letzten Liebling,
die alten Götter, führen ihn ihre Straße, und es reift
der größte Dichter heran, der Deutschland je hatte:
Friedrich Hölderlin.
Jede Demütigung hat dieser Letzte, mit dem die alten,
die wahren Götter ein Gespräch noch suchten, auf sich
genommen, aus einem Grund nur: Er war einer Wahrheit
anheimgefallen, derer geschwätziges Gemensch niemals
auch nur entfernt teilhaftig wird. Nahezu zwei Jahrzehnte
nach der Ablehnung bedingten Lebens ist aus Hoffnung
und Verzweiflung Gewißheit geworden:
"Was
bleibet aber, stiften die Dichter."
Hölderlin, das war seine Bestimmung, war eines ein Leben
lang, selbst in den mehr als drei Jahrzehnten seiner
geistigen Umnachtung: deutscher Dichter. Über dreieinhalb
Jahrzehnte gelingen ihm kaum mehr zusammenhängende Sätze,
doch bis in seine letzten Lebenstage, hinein gelingen
ihm Gedichte von unvergleichlicher und bleibender Schönheit
wie dieses, sein letztes:
Die
Aussicht.
Wenn
in die Ferne geht der Menschen wohnend Leben,
Wo in die Ferne sich erglänzt die Zeit der Reben,
Ist auch dabei des Sommers leer Gefilde,
Der Wald erscheint mit seinem dunklen Bilde;
Daß
die Natur ergänzt das Bild der Zeiten,
Daß die verweilt, sie schnell vorübergleiten,
Ist aus Vollkommenheit, des Himmels Höhe glänzet
Den Menschen dann, wie Bäume Blüth' umkränzet.
Mit
Unterthänigkeit
d. 24. Mai 1748
Scardanelli
Von
der ihn ignorierenden, ihn verachtenden Masse ist nie
etwas geblieben. Die Masse geht immer in die Irre.
Es ist eine Bedingung für Dichtung, für die Kunst überhaupt,
daß der Dichter, der Künstler sich absondert vom Tanz
der Massen und schon je vom Tanz der Massen um das goldene
Kalb. Er wird vom Pöbel verachtet dafür, daß er diesem
eine Art Spiegel vorhält, hinter dem eine reinere Existenz
hervorscheint als das Abspulen von Lebenszeit, dem die
so viel als möglich Geld verdienende Herde schwacher
Kreaturen unterliegt und von denen eine jede bereits
lügt, wenn sie "Ich" sagt. Zwischen dem Individuellen
und dem Kollektiven gibt es nichts. Jegliche Gemeinschaft
ist fragwürdig, sei sie religiöser, politischer, nationaler
oder sonstwelcher Art. Wer irgendwo dazugehört, der
hat sich selbst verloren.
II
Ein Menschenalter nach Hölderlins Verweigerung einer
bürgerlichen Existenz, am 19. Oktober 1861, schreibt
der gerade 17 Jahre alt gewordene Schüler Friedrich
Nietzsche einen Schulaufsatz mit dem Titel: "Brief
an meinen Freund, in dem ich ihm meinen Lieblingsdichter
zum Lesen empfehle". Daraufhin erhält Nietzsche
von seinem Deutschlehrer den freundlichen Rat, "sich
an einen gesundern, klareren, deutscheren Dichter zu
halten".
Die in diesem freundlichen Rat des Philisters offenbar
werdende Ratlosigkeit angesichts der Konfrontation mit
Authentischem, das hier von Authentischem spricht, ist
nur allzu verständlich. Dem Philiströsen ist Authentisches
unzugänglich. Dabei befindet sich der brave Mann in
guter Gesellschaft, zu der auch Goethe und Schiller
gehören. Obwohl beide alles andere als Philister waren,
entging ihnen Hölderlins Einzigartigkeit.
Die deutsche Sprache hat keinen klareren Dichter als
Friedrich Hölderlin, und damit gibt es auch keinen "gesundern"
Dichter als Friedrich Hölderlin. Klarheit und Gesundheit
bedingen einander. Und wer könnte deutscher sein, als
der deutsche Dichter, der die deutsche Dichtung auf
deren Gipfelpunkt geführt hat? Kein deutscher König,
kein deutscher Kaiser, kein Bismarck, und der Rest der
eine Art Deutsch mehr faselnden als Deutsch sprechenden
Bewohner zwischen den wechselnden das deutsche Sprachgebiet
einschränkenden Grenzen sowieso nicht.
Freilich sind Hölderlin mit 36 und Nietzsche im Alter
von 44 Jahren geistig zusamengebrochen, während ihrer
schöpferischen Jahre jedoch überragten beide sämtliche
deutschen Zeitgenossen und waren damit gesünder als
letztere. Krank sind all diejenigen, die sich in vorgefundene
Absurditäten einrichten, ohne dagegen zu rebellieren,
in Schacher und materiellem Wohlstand ihr Aus- und Hinkommen
finden, ab und zu Kriege veranstalten oder sonst durch
die Welt reisen, womöglich gar zur Akropolis, die vom
Schöpferischen jedoch selbst fernste Ahnung niemals
anfällt. Im Behagen, im Krämerhaften, im Wabernden,
im Geschwätz, im Gemeinschaftssinn, den Nietzsche Heerdenglück
nannte, ist mehr Krankheit versammelt als in sämtlichen
deutschen Irrenhäusern zusammengenommen. Banker, Politiker,
Journalisten, die die Sprache täglich auf den Hund bringen,
Juristen und jeder sonstige kriminelle Abhub, der das
Schöpferische leugnet oder ignoriert, das sind die Kranken,
das sind die permanenten Veranstalter von Götterdämmerungen.
Über den Ursprung des psychischen Verfalls Hölderlins
kann nur gemutmaßt werden; sicherlich waren der Verlust
zweier Väter und der jüngsten Schwester, die am 20.
Dezember 1783 im Alter von fünf Jahren starb, nie gänzlich
verarbeitete Traumata. Das Gedicht Einst und Jezt
sagt hierüber einiges aus:
Einst
tränend Auge! sahst du so hell empor!
...Einst schlugst du
mir so ruhig, empörtes Herz!
...... So, wie die Wallungen
des Bächleins
.........Wo die Forell'
am Gestade hinschlüpft.
Einst
in des Vaters Schoose, - des liebenden
...Geliebten Vaters -
aber der Würger kam
......Wir weinten flehten
doch der Würger
.........Schnellte den
Pfeil; und es sank die Stüze!
Jezt wandl' ich einsam an dem Gestade hin,
...Ach keine Seele keine
für dieses Herz?
......Ihr frohen Reigen?
Aber weh dir
.........Sehnender Jüngling!
sie geh'n vorüber!
Zurük
dann in die Zelle, Verachteter!
...Zurük zur Kummerstätte,
wo schlaflos du
......So manche Mitternächte
weintest,
.........Weintest im
Durste nach Lieb und Lorbeer.
Lebt
wohl, ihr güldnen Stunden vergangner Zeit,
...Ihr lieben Kinderträume
von Größ' und Ruhm,
......Lebt wohl, lebt wol,
ihr Spielgenossen,
.........Weint um den Jüngling
er ist verachtet!
Ferdinand
Gottlob Gmelin, der Arzt, der Hölderlins Leiche obduzierte,
bemerkte Wasser in einer Gehirnhöhle und eine Verschwartung
großer Teile des Gehirns. Wann die Verwässerung des
Gehirns eingetreten ist, liegt jedoch im Dunkeln. Sie
kann angeboren, aber auch durch physische Einwirkung,
durch einen Schlag oder Sturz etwa, selbst durch einen
Zeckenbiß ausgelöst werden und muß nicht notwendigerweise
zu Geistesgestörtheit führen.
Als wahrscheinlicher ist anzunehmen, daß Hölderlin an
einer Zwangsneurose litt. Hinweise darauf sind die devoten
Gebärden und Anreden, die er gegenüber Besuchern im
Turm gebrauchte, Euer Hochwohlgeboren, Eure Majestät
usw., wohingegen er sich mit Herr Bibliothekar
anreden ließ, sich damit tiefer stellte als seine Besucher.
Er gibt sich einen Decknamen, will unerkannt bleiben:
"Ich heiße Scardanelli."
Teilweise Erlösung aus der Neurose gelingt ihm in
der Dichtung und in der Natur, auch anläßlich des neu
aufgeflammten Befreiungskampfes der Griechen gegen die
Türken anfangs der 20er Jahre.
Völlig abwegig ist die Annahme, Hölderlin habe seine
Zerrüttung vorgetäuscht. Solcher Unsinn kann nur einem
französischen Akademikerhirn entspringen, weil dortzulande
bis auf den heutigen Tag in Schulen und höheren Bildungsanstalten
Denken bei Strafe verboten ist. Stattdessen wird darin
geschult, abstruse Thesen aufzustellen und solcherart
Absurditäten auch noch zu begründen.
Hölderlin ist an den Menschen verzweifelt, die der Gründe
zum Verzweifeln zu allen Zeiten genug abgeben. Für Kompromisse
mit dem Gelichter taugte er nicht, dazu war er zu rein.
Schon im Sommer 1795 ist Hölderlin so nah am Abgrund,
daß Deutschland nur noch durch ein Wunder vor der Umnachtung
seines größten Dichters gerettet werden kann. In Rückschau
auf einen Besuch Hölderlins in eben jenem Sommer 1795
schreibt Magenau an Neuffer am 24. November 1796: "Holderlin
habe ich voriges Jahr bei meinen Eltern gesprochen,
gesehen wollt' ich sagen, denn er konnte nicht mehr
sprechen, er war abgestorben allem Mitgefühl mit seines
Gleichen, ein lebender Todter!"
Das Wunder geschieht. Einer der größten Glücksfälle
für Deutschland ist Hölderlins Anstellung als Hofmeister
im Hause Gontard in Frankfurt. Was in Frankfurt von
Januar 1796 bis Ende September 1797 stattfindet, ist
zwar auch die Begegnung des Götterlieblings mit dem
Schmutz, vor allem aber Aufschub des Zusammenbruchs.
Diesem Aufschub sind der Hyperion, der Empedokles,
die Sophokles-Übersetzungen und die schönsten je in
deutscher Sprache geschriebenen Gedichte zu verdanken.
Frankfurt ist eine Geldkloake, das gesellschaftliche
Leben dominiert der Aussatz der Menschheit: "Hier
[...] siehst du, wenig ächte Menschen, ausgenommen lauter
ungeheure Karikaturen. Bei den meisten wirkt ihr Reichtum,
wie bei Bauern neuer Wein; denn grad so läppisch, schwindlich,
grob und übermüthig sind sie. Aber das ist auch gewissermaaßen
gut; man lernt schweigen unter solchen Menschen, und
das ist nicht wenig", schreibt Hölderlin rückblickend
über Frankfurt an die Schwester.
Hölderlin ist in dieser Stadt Domestik der niedrigsten
Sorte Mensch, eines Bankers, und er wird von diesem
Geldsack auch als Domestik behandelt.
Unsterbliche deutsche Gedichte entstehen in Hölderlins
Frankfurter Isolation und im Sommer 1796, da Magister
Hölderlin Madame Gontard und deren Sohn Henry, seinen
Zögling, nach Bad Driburg begleitet. Gontard hatte seine
Familie in Begleitung des Hofmeisters aus Frankfurt
fortgeschickt, weil die Franzosen den Rhein überschritten
hatten und sich auf Frankfurt zu bewegten.
Hölderlin erlebt diesen Sommer als glückliche Zeit.
In einer brüchigen Welt. Die Französische Revolution,
mit der Hölderlin, Hegel und Schelling in Tübingen,
aus der Ferne, heiß sympathisiert hatten, zeigte nun
auch in Deutschland ihr wahres Gesicht: Les citoyens
rauben, plündern, vergewaltigen. Tiere. Schlimmer als
Tiere. Bluttrunkener Pöbel. Hoffnung konnte von diesen
Horden schon seit 1793 ganz und gar nicht mehr erwartet
werden. Die erhoffte Gemeinschaft mit Weltverbesserern
erwies sich als Trug. Weltverbesserer stiften nicht.
Sie zerstören. Dichter sind nicht zuletzt deshalb Dichter,
weil sie einsam sind und auf Einsamkeit, so verzweifelt
sie sich auch dagegen wehren, immer wieder zurückgeworfen
werden.
Einsamkeit ist die Grundvoraussetzung für Dichtung,
für Kunst überhaupt. "Zum Schaffen, und das es einem
gelingt, gehört Glücklichsein und tiefe, tiefe Einsamkeit",
schreibt Robert Schumann an Clara Wieck.
Zu Hölderlins Einsamkeit tritt in Frankfurt nun etwas
hinzu, was Hölderlin zuvor, wie im Gedicht Einst
und Jezt noch zu bewältigen wußte: zwiefache Verachtung.
Die Verachtung, die Hölderlin von seinem Dienstherrn
erfährt, umgekehrt Hölderlins Verachtung für diesen
Trottel und für das Geldgesindel im allgemeinen. Solchem
ist mit Gedichten allein nicht mehr beizukommen. Solches
ist zu fliehen. Räumlich. Oder in die Illusion.
Hölderlin packt seine Koffer nicht. Er flieht in den
Gegenschmerz, in die Illusion aller Illusionen, in die
Leidenschaft.
Wilhelm Waiblinger, Hölderlins erster Biograph, fand
für die Ambivalenz dieses Affekts folgende Verse:
Die
Ruh' ist wohl das Beste
Von allem Glück der Welt,
Mit jedem Wiegenfeste
Wird neue Lust vergällt.
Die Rose welkt in Schauern,
Die uns der Frühling gibt,
Wer haßt ist zu bedauern,
Und mehr noch fast, wer liebt.
Warum Susette Gontard? Susette Gontard
war schön, das reicht gemeinhin aus. Nicht so für Hölderlin,
der mit Frauen generell nicht allzuviel anzufangen wußte.
Er gehörte den Musen an, war vergeben. Susette spielte
leidlich Klavier, sang leidlich gut, war leidlich gebildet,
aber das waren andere und noch schönere Frauen sicherlich
auch. (Nicht wahr, eine Griechin, Neuffer!!!, aber auch
das ist es nicht, Neuffer bestätigt ihn in seiner Illusion.)
Entscheidend war, daß von Anfang an feststand, sie würde
ihn verletzen, tiefer als die gesamte übrige Welt, und
nur so konnte er der übrigen Welt entkommen. Diotima
war der Weg zum Hyperion, nach dem Hölderlin
verzweifelt suchte, ein Weg, der dem ins Unerträgliche
gesteigerten Leiden an der Welt Leid entgegensetzt,
das individuell bewältigt werden kann. Unglückliche
Leidenschaft ist milliardenfach schon bewältigt worden,
durch Jagen, Sammeln, Rauschmittel, Symphonien, Opern,
Operetten, Bilder, Doktorarbeiten, gelegentlich wohl
auch durch Verlegenheitslyrik und Knickprosa, auch durch
Dichtung. Das Leiden an der Welt und den Menschen hingegen
ist unheilbar.
Der
Versuch, das Leiden am Leben unter schmutzigen Gestalten
zu bewältigen, mißlingt im Hyperion, das Leiden
an der Leidenschaft wird überwunden. Die Diotima-Episode
hat Hölderlin für eine Zeitlang aus tiefstempfundenen
Schmerz in seichteren Schmerz geführt, hat das unausweichliche
Zusammenbrechen hinausgezögert.
Diotima, der Name, den Hölderlin seiner Geliebten gab,
sagt es, ist zu keiner Zeit ein Wesen aus Fleisch und
Blut gewesen, sie war von Anfang an eine Vision, ein
Kunstobjekt, Flucht in eine bessere, schöpfungsumschleierte
Welt. Griechenland. Göttlich. Hölderlin hat Diotima
geschaffen. Wäre Hölderlins Freund Hegel, der fast auf
den Tag genau ein Jahr nach Hölderlin eine Hofmeisterstelle
bei einer den Gontards befreundeten Familie in Frankfurt
antrat, Hofmeister bei den Gontards geworden, gäbe es
Diotima nicht und die Phänomenologie des Geistes
trotzdem, und ob die Dame des Hauses unter Hegels Abstraktion
der "schönen Seele" mitzuzählen sei, wäre so
unklar wie gleichgültig.
Hyperion hat Diotima entsagt, und damit war ihm endlich
getattet, dem Leben, dem Leiden zu entsagen, selbst
den Göttern, von denen er sich im Stich gelassen glaubt,
die ihn aber nicht im Sich lassen, ihn endlich zu sich
holen, weil er die schwierigste aller Prüfunge bestanden
hat, die kein Sterblicher sonst hätte bestehen können.
Er hat sich nach dieser Erlösung gesehnt, glaubte aber
nicht mehr daran, klagte die Götter an:
Ihr
wandelt droben im Licht
...Auf weichem Boden,
seelige Genien!
......Glänzende Götterlüfte
.........Rühren euch
leicht,
............Wie die Finger
der Künstlerin
...............Heilige
Saiten.
Schicksallos,
wie der schlafende
...Säugling, athmen die
Himmlischen;
......Keusch bewahrt
.........In bescheidener
Knospe,
............Blühet ewig
...............Ihnen
der Geist,
..................Und
die seeligen Augen
.....................Bliken
in stiller
........................Ewiger
Klarheit.
Doch
uns ist gegeben,
...Auf keiner Stätte zu
ruhn,
......Es schwinden, es
fallen
.........Die leidenden
Menschen
............Blindlings
von einer
...............Stunde zur
andern,
..................Wie Wasser
von Klippe
.....................Zu
Klippe geworfen
........................Jahr
lang ins Ungewisse hinab.
III
Am 22. Mai 1873, es ist Richard Wagners
60. Geburtstag, lesen Wagner, der unbestritten deutscheste
aller Tonkünstler, Cosima, Nietzsche und dessen Freund
Carl von Gersdorff in Tribschen folgende Passagen aus
Hölderlins Hyperion: "So kam ich unter die Deutschen.
Ich forderte nicht viel und war gefaßt, noch weniger
zu finden.
[...]
Barbaren von Alters her, durch Fleiß und Wissenschaft
und selbst durch Religion barbarischer geworden, tiefunfähig
jedes göttlichen Gefühls, verdorben bis ins Mark [...],
in jedem Grad der Übertreibung und der Ärmlichkeit belaidigend
für jede gutgeartete Seele, dumpf und harmonielos, wie
die Scherben eines weggeworfenen Gefäßes - das, mein
Bellarmin, waren meine Tröster.
Es ist ein hartes Wort, und dennoch sag' ichs, weil
es Wahrheit ist: ich kann kein Volk mir denken, das
zerrißner wäre, wie die Deutschen. Handwerker siehst
du, aber keine Menschen, Denker, aber keine Menschen,
Priester, aber keine Menschen, Herrn und Knechte, Jungen
und gesezte Leute, aber keine Menschen - ist das nicht,
wie ein Schlachtfeld, wo Hände und Arme und alle Glieder
zerstükelt untereinander liegen, indessen das vergoßne
Lebensblut im Sande zerrinnt?
Ein jeder treibt das Seine, wirst du sagen, und ich
sag' es auch. Nur muß er es mit ganzer Seele treiben,
muß nicht jede Kraft in sich erstiken, wenn sie nicht
gerade sich zu seinem Titel paßt, muß nicht mit dieser
kargen Angst, buchstäblich heuchlerisch das, was er
heißt, nur seyn, mit Ernst, mit Liebe muß er das seyn,
was er ist, so lebt ein Geist in seinem Thun, und ist
er in ein Fach gedrükt, wo gar der Geist nicht leben
darf, so stoß ers mit Verachtung weg und lerne pflügen!
Deine Deutschen aber bleiben gerne beim Nothwendigsten,
und darum ist bei ihnen auch so viel Stümperarbeit und
so wenig Freies, Ächterfreuliches. Doch das wäre zu
verschmerzen, müßten solche Menschen nur nicht fühllos
seyn für alles schöne Leben, ruhte nur nicht überall
der Fluch der gottverlaßnen Unnatur auf solchem Volke.
-
Die Tugenden der Alten sei'n nur glänzende Fehler,
sagt' einmal, ich weiß nicht mehr, welche böse Zunge;
und es sind doch selber ihre Fehler Tugenden, denn da
noch lebt' ein kindlicher, ein schöner Geist, und ohne
Seele war von allem, was sie thaten, nichts gethan.
Die Tugenden der Deutschen aber sind ein glänzend Übel
und nichts weiter; denn Nothwerk sind sie nur, aus feiger
Angst, mit Sclavenmühe, dem wüsten Herzen abgedrungen,
und lassen trostlos jede reine Seele, die von Schönem
gern sich nährt, ach! die verwöhnt vom heiligen Zusammenklang
in edleren Naturen, den Mislaut nicht erträgt, der schreiend
ist in all der todten Ordnung dieser Menschen.
Ich sage dir: es ist nichts Heiliges, was nicht entheiligt,
nicht zum ärmlichen Behelf herabgewürdigt ist bei diesem
Volk, und was selbst unter Wilden göttlichrein sich
meist erhält, das treiben diese allberechneden Barbaren,
wie man so ein Handwerk treibt, und können es nicht
anders, denn wo einmal ein menschlich Wesen abgerichtet
ist, da dient es seinem Zwek, da sucht es seinen Nuzen,
es schwärmt nicht mehr, bewahre Gott! es bleibt gesezt,
und wenn es feiert und wenn es liebt und wenn es betet
und selber wenn des Frühlings holdes Fest, wenn die
Versöhnungszeit der Welt die Sorgen alle löst, und Unschuld
zaubert in ein schuldig Herz, wenn von der Sonne warmem
Strale berauscht, der Sclave seine Ketten froh vergißt
und von der gottbeseelten Luft besänftiget, die Menschenfeinde
friedlich, wie die Kinder, sind - wenn selbst die Raupe
sich beflügelt und die Biene schwärmt, so bleibt der
Deutsche doch in seinem Fach' und kümmert sich nicht
viel ums Wetter!
Aber du wirst richten, heilige Natur! Denn wenn sie
nur bescheiden wären, diese Menschen, zum Geseze sich
nicht machten für die Bessern unter ihnen! wenn sie
nur nicht lästerten, was sie nicht sind, und möchten
sie doch lästern, wenn sie nur das Göttliche nicht höhnten!
-
Oder ist nicht göttlich, was ihr höhnt und seellos nennt?
[...]
Es ist auch herzzerreißend, wenn man eure Dichter,
eure Künstler sieht, und alle, die den Genius noch achten,
die das Schöne lieben und es pflegen. Die Guten! Sie
leben in der Welt, wie Fremdlinge im eigenen Hauße,
sie sind so recht, wie der Dulder Ulyß, da er in Bettlergestalt
an seiner Thüre saß, indes die unverschämten Freier
im Saale lärmten und fragten, wer hat uns den Landläufer
gebracht?
Voll Lieb' und Geist und Hoffnung wachsen seine Musenjünglinge
dem deutschen Volk' heran; du siehst sie sieben Jahre
später, und sie wandeln, wie die Schatten, still und
kalt, sind, wie ein Boden, den der Feind mit Salz besäete,
daß er nimmer einen Grashalm treibt; und wenn sie sprechen,
wehe dem! der sie versteht, der in der stürmenden Titanenkraft,
wie in ihren Proteuskünsten den Verzweiflungskampf nur
sieht, den ihr gestörter Geist mit den Barbaren kämpft,
mit denen er zu thun hat.
Es ist auf Erden alles unvollkommen, ist das alte
Lied der Deutschen. Wenn doch einmal diesen Gottverlaßnen
einer sagte, daß bei ihnen nur so unvollkommen alles
ist, weil sie nichts Reines unverdorben, nichts Heiliges
unbetastet lassen mit den plumpen Händen, daß bei ihnen
nichts gedeiht, weil sie die Wurzel des Gedeihns, die
göttliche Natur nicht achten, daß bei ihnen eigentlich
das Leben schaal und sorgenschwer und übervoll von kalter
stummer Zwietracht ist, weil sie den Genius verschmähn,
der Kraft und Adel in ein menschlich Thun, und Heiterkeit
ins Leiden und Lieb' und Brüderschaft den Städten und
den Häußern bringt.
Und darum fürchten sie auch den Tod so sehr, und
leiden, um des Austernlebens willen, alle Schmach, weil
Höhers sie nicht kennen, als ihr Machwerk, das sie sich
gestoppelt.
O Bellarmin! wo ein Volk das Schöne liebt, wo es
den Genius in seinen Künstlern ehrt, da weht, wie die
Lebensluft, ein allgemeiner Geist, da öffnet sich der
scheue Sinn, der Eigendünkel schmilzt, und fromm und
groß sind alle Herzen und Helden gebiert die Begeisterung.
Die Heimath aller Menschen ist bei solchem Volk' und
gerne mag der Fremde sich verweilen. Wo aber so belaidigt
wird die göttliche Natur und ihre Künstler, ach! da
ist des Lebens beste Lust hinweg, und jeder andre Stern
ist besser, denn die Erde. Wüster immer, öder werden
da die Menschen, die doch alle schöngeboren sind; der
Knechtsinn wächst, mit ihm der grobe Muth, der Rausch
wächst mit den Sorgen, und mit der Üppigkeit der Hunger
und die Nahrungsangst; zum Fluche wird der Seegen jedes
Jahrs und alle Götter fliehn.
Und wehe dem Fremdling, der aus Liebe wandert, und
zu solchem Volke kömmt, und dreifach wehe dem, der,
so wie ich, von großem Schmerz getrieben, ein Bettler
meiner Art, zu solchem Volke kömmt! -
Genug! du kennst mich, wirst es gut aufnehmen, Bellarmin!
Ich sprach in deinem Nahmen auch, ich sprach für alle,
die in diesem Lande sind und leiden, wie ich dort gelitten.
Ich wollte nun aus Deutschland wieder fort. Ich suchte
unter diesem Volke nichts mehr, ich war genug gekränkt,
von unerbittlichen Belaidigungen, wollte nicht, daß
meine Seele vollends unter solchen Menschen sich verblute.
Aber der himmlische Frühling hielt mich auf; er war
die einzige Freude, die mir übrig war, er war ja meine
lezte Liebe, wie konnt' ich noch an andre Dinge denken
und das Land verlassen, wo auch er war?"
Das
wurde gelesen zu Richard Wagners sechzigstem Geburtstag.
Nur Eingeweihte sind zugegen. Da wird, weil Nietzsche
rekonvaleszent ist, wenig musiziert, stattdessen das
Wahrhaftigste, was Deutschland zu bieten hatte vor Wagner
und Nietzsche, vorgelesen, und Wagner wie Nietzsche
fühlen sich dem zugehörig. Nietzsche sicherlich stärker
als Wagner; Cosima dürfte geschwiegen haben. Wahrscheinlich
hat Gersdorff vorgelesen, auf Nietzsches Anregung hin,
der das damals wenig verbreitete Buch mitgebracht haben
dürfte, denn erst zu Weihnachten 1874 bekommt Wagner
Höldelins Werke von Malwida von Meysenbug geschenkt,
zeigt sich allerdings wenig erbaut über diese Gabe.
Cosima notiert in ihr Tagebuch: Malwida hat Richard
Hölderlin's Werke geschenkt. Richard und ich erkennen
mit einiger Besorgnis den großen Einfluß, den dieser
Schriftsteller auf Professor Nietzsche ausgeübt; rhetorischer
Schwulst, unrichtige aufgehäufte Bilder (der Nordwind
welcher die Blüten versengt usw.), dabei ein schöner
edler Sinn; nur, sagt Richard, könne er nicht gut an
solche Neugriechen glauben, er erwarte immer, er würde
plötzlich sagen: Ich studierte in Halberstadt usw.
Es ist wahrscheinlich, dass Nietzsche den Kontakt zwischen
Hölderlin und Wagner vermittelt hat. Obwohl Wagner nicht
sonderlich erbaut war von Hölderlins Hyperion, war sein
Verhältnis zu den Deutschen doch nicht weniger gespannt
als das Hölderlins und Nietzsches. Hier einige Äußerungen
Wagners über die Deutschen: Für dich Germania keinen
Richard. (16. Oktober 1873) Die Welt, und namentlich
auch 'Germania', wird mir immer widerwärtiger. (Brief
an Emil Heckel, 04. Februar 1876) Nicht eine Illusion
habe ich mehr! Als wir die Schweiz verließen, dachte
ich, es sei ein merkwürdiges Zusammentreffen, das der
Siege und das des Schlusses meines Werkes, ich frug
an, ob sich 1000 Menschen in Deutschland fänden, welche
300 Mark für eine solche Unternehmung hätten, wie elend
ist mir geantwortet, ich kam in die elendeste Zeit,
welche Deutschland je gehabt, mit diesem Sauhetzer an
der Spitze. ( 18. März 1880) Zu dem deutschen
Gehirn kommt man immer wie durch eine Art Stockschnupfen.
(23. Januar 1881)
Affirmatives Deutschtum ist jedem großen Deutschen fremd
gewesen und bis heute fremd. Das wenige Wesentliche,
in diesem Falle Hölderlin, was den wenigen wesentlichen
Geistern zufällt, fällt den wesentlichen Geistern zwangsläufig
zu. Stehen sie doch in ewigen Gespräch, über Jahrhunderte,
über Äonen hinweg. Sie suchen einander, und sie finden
einander; nichts ist gewisser.
(wird
fortgesetzt)
Seitenanfang
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