Gottfried
Benns erste autobiographische Schrift fällt sehr kurz
aus: "Geboren 1886 und aufgewachsen in Dörfern
der Provinz Brandenburg. Belangloser Entwicklungsgang,
belangloses Dasein als Arzt in Berlin." Sie stammt
aus dem Jahre 1919 und wurde abgefaßt für die von Kurt
Pinthus herausgegebene Lyriksammlung Menschheitsdämmerung.
Hier
sagt ein Dichter: Wenn Sie etwas über mich erfahren
wollen, dann lesen Sie meine Gedichte. Benedetto Croce,
der zu unrecht in Vergessenheit geraten ist, schlug
sich seinerzeit auf die Seite der Dichter, als er bemerkte:
"Der Dichter ist also nichts anderes als seine
Dichtung: diese Feststellung ist nicht paradox, wenn
man bedenkt, daß der Philosoph nichts anderes als seine
Philosophie und der Staatsmann nichts anderes als seine
Tat und sein politisches Werk ist".
Dichtung
ist für Benn wie für jeden Dichter der Versuch, individuelles
Unbehagen an der Kultur durch das Wahre zu lindern.
Um Geringeres als um das Wahre ging es Benn nicht, und
weil er Nietzsche gelesen hatte, mit dessen Ästhetik
er sich weitestgehend identifizierte,
wußte er, daß das Wahre nur durch das Schöne transparent
wird, selbst wenn dieses Schöne das Häßliche ist, ohne
das es nicht existierte.
Es
ist nicht irgendein Dichter, der hier ausschließlich
auf seine Dichtung verweist; Gottfried Benn war der
letzte Dichter deutscher Sprache, ganz im Sinne von
Croce, der, obwohl er mit der aristotelischen und der
auf ihr fußenden Gattungstheorie der Anciens wenig am
Hut hat, Dichtung und Literatur scharf trennt.
Wohl kamen nach Benn noch deutsche Gedichte, deutscher
Dichter indes kam keiner mehr in Sicht. Fast jedes Gedicht
Gottfried Benns ist selbständige Existenz.
1928
erscheint Epilog
und lyrisches Ich
als Essay in der Gesammelten Prosa. Dort ist zu lesen:
"... siebenunddreißig Jahre und total erledigt,
ich schreibe nichts mehr."
Natürlich alles ironisch. Dr. med. Gottfried Benn schrieb
weiter, weil Dichtung und nicht die Behandlung von Trippern
sein Fernbestimmtes war. Über die Zunft der Mediziner
und das medizinische Handwerk hatte er sich schon 1920
vor Medizinstudenten geäußert: "... ich will Mißtrauen
säen in Ihre Herzen gegen Ihrer Lehrer Wort und Werk,
Verachtung gegen das Geschwätz vollbärtiger Fünfziger,
deren Wort der Staat lohnt und schützt, und Ekel vor
einem Handwerk, das nie an eine Schöpfung glaubte."
Dies korrespondiert mit Nietzsches Schöpfungsbegriff:
"Im Verhältnisse zu einem Genie, das heisst zu
einem Wesen, welches entweder z e u g t
oder g e b i e r t,
beide Worte in ihrem höchsten Umfange genommen -, hat
der Gelehrte, der wissenschaftliche Durchschnittsmensch
immer etwas von der alten Jungfer: denn er versteht
sich gleich dieser nicht auf die zwei werthvollsten
Verrichtungen des Menschen."
Das
Berlin der Zwanzigerjahre, wo Benn als Arzt für Haut-
und Geschlechtskrankheiten praktizierte, ist der Sündenfall,
weil die amerikanischste Stadt Europas, das sich von
Paris aus mit dem Surréalisme
noch einmal verzweifelt zu verteidigen versucht hatte
gegen die Übermacht des Unausweichlichen. Wenige sahen
das Menetekel, wenige durchlitten das. Benn war einer
der Wenigen, während die Berliner Durchschnittsfamilie
sich über Schilder in Gartenkneipen freute, auf denen
verzeichnet war: "Hier dürfen Familien Kaffee kochen";
das war Freiheit.
Freilich
sind die Menetekel der Zeit, ist das Leiden an der Gegenwart
immer nur Metapher dafür, daß das Leben generell und
zu allen Zeiten abzuleiden ist.
Geeigneter als Berlin ist kein Ort der Welt zu dieser
Zeit, um des zu überwindenden Zeitgeists innezuwerden.
Der Amerikanismus
trifft hier in der Metropole auf den deutschen Frust
nach dem Friedensvertrag von Versailles, der "die
epochemachende diplomatische Fehlleistung dieses Jahrhunderts
darstellt".
Der deutsche Masochismus, der sich von der Gründerzeit
bis zum Ersten Weltkrieg in Größenwahn verkehrt, tobt
sich während der Zwanzigerjahre, vor allem in Berlin,
als schier ungebremster Hedonismus aus, bevor er unter
den Nazis durch einen gesamtgesellschaftlichen Konsens
des Sadismus kompensiert wird.
Nosce te ipsum ist der deutschen Seele spätestens seit
1871 und bis auf den heutigen Tag fremd. Ausnahmen bestätigen
hier nur die Regel und dürfen mit Nachsicht oder gar
Verständnis nicht rechnen. Und gerade durch den Umstand,
daß Deutschland seine hervorragendsten Geister: Heine,
Wagner, Marx, Engels, Nietzsche, Thomas Mann, Benjamin,
Adorno, Einstein, um nur einige zu nennen, von jeher
ins Exil getrieben, zum Schweigen- oder kurzerhand umgebracht
hat, ist es zum Verharren in selbstgefälliger Borniertheit
gezwungen.
Manch
Deutscher, der der Weimarer Republik ausgesetzt war,
irgend fühlen konnte, und dessen IQ nicht im Minusbereich
angesiedelt war, mußte dies Staatsgebilde zum Erbrechen
finden. Gottfried Benn war weder geistig minderbedarft
noch unsensibel. Dergleichen ist tragisch – "dumm
sein und Arbeit haben: Das ist Glück."
Summa
summarum erscheint
1926 in Ossietzkys Weltbühne.
Auch das noch Spiel, noch nicht Wirklichkeit.
In Summa summarum
geht es ums Geld, von dem seit Marx und Freud jeder
weiß, was es ist. Der deutsche Dichter Gottfried Benn
rechnet der Welt vor, was Dichtung wert ist: Vier Mark
fünfzig im Monat. Dabei hatte ihn kein Geringerer als
"Herr Soupault zu den fünf größten Lyrikern nicht
nur Deutschlands, sondern Europas" gezählt.
"Willkommen in Sils-Maria". Das
steht als Motto unter dem Titel dieses autobiographischen
Lebensrückblicks von 1926 und spielt auf Nietzsches
materielle Not an.
Für Genie gibt es selten Geld, Mediokrität ist lukrativ.
Benn wußte das, und er litt darunter, obwohl er das
wußte. "Aber, wie gesagt, ich beklage diesen Zustand
nicht", heißt es in Summa
summarum. "Beklagte ich ihn, müßte ich die
Gesellschaftsordnung beschuldigen, aber die Gesellschaftsordnung
ist gut. [...] Diese Politiker und Minister, was verjauchen
sie nicht alles rhetorisch vom Pfingstwunder bis zur
Apokalypse [...]."
Resignierend schließt Summa
summarum: "... - alles für vier Mark fünfzig
pro Monat, aber ich zurück zu meinen Trippern und jeden
Monat ein Gedicht! Gedicht ist eine unbesoldete Arbeit
des Geistes, der Fonds perdu, eine Art Aktion am Sandsack:
einseitig, ergebnislos und ohne Partner –: evoë!"
Dem
ging die Kunst nicht nach Brot, und insofern war er
ein Fossil. Die Zeitung, die im letzten Drittel des
19. Jahrhunderts die Menschheit profund zu verblöden
sich anschickte,
hatte das Phänomen des Literaten gezeitigt, der für
Geld schrieb und davon auch leben konnte, mehr oder
weniger. Der Dichter Gottfried Benn verweigerte sich
den Gesetzen des Marktes,
er hatte, als Dichter, den Markt nicht nötig. Kunst
als Ware mit Tauschwert ist korrumpierte Kunst.
Spätestens
vom 27. Februar 1933 an war in Deutschland nichts mehr,
wie es vorher war. Der Führer Adolf, dem die Weimarer
Republik nach dem 9. November 1923 einen Sanatoriumsaufenthalt
mit Sekretär bewilligt hatte, setzte sein bei dieser
Gelegenheit diktiertes literarisch-philosophisches Hauptwerk
nach dem Reichstagsbrand offen und terroristisch in
die Tat um, und er hatte dabei tatkräftige Helfer. In
allen Bevölkerungsschichten.
Gottfried
Benn hat Mein
Kampf nie gelesen; er ist überhaupt nicht auf die
Idee gekommen, dieses Buch anzufassen, und das war ein
Fehler. Es hätte ihm einen Irrtum erspart. Benns politisches
Desinteresse führt im Verbunde mit dem nur allzu begründeten
Ressentiment gegen die Weimarer Republik kurzzeitig
dazu, daß er glaubt, von den neuen Machthabern, die
er zu dieser Zeit allerdings als Verbrecher noch nicht
erkannt hat, durch scheinbares Entgegenkommen in Ruhe
gelassen zu werden. Dokumentiert ist dies u. a. in der
Rundfunkrede Der
neue Staat und die Intellektuellen und in der Antwort
an die literarischen
Emigranten von 1933. Dieser Irrtum geht freilich
auch mit dem Umstand einher, daß Benn sich existentiell
bedroht fühlt von den neuen Machthabern, die weitaus
weniger Spaß verstanden als die Weimarer Jauchepolitiker.
Bereits am 22. April 1933 hatte Oskar Loerke in sein
Tagebuch notiert: "Benn meinte, wir würden nicht
nur ausgeschaltet, sondern auch körperlich vernichtet
werden."
Angesichts solch realer und auch als real empfundener
Bedrohung ist die Frage zu stellen, wie Benn auf den
Brief von Klaus Mann hätte reagieren sollen?
Er
hat sehr wohl bemerkt, daß viele Schriftsteller und
Intellektuelle Deutschland verließen, aber er taugte
nicht für das Exil, auch nicht für den organisierten
Widerstand. "Ich persönlich hatte keine Veranlassung,
Berlin zu verlassen, ich lebte von meiner ärztlichen
Praxis und hatte mit politischen Dingen nichts zu tun",
schreibt er dazu in Doppelleben.
Wäre Gottfried Benn im Exil draufgegangen oder in einem
Konzentrationslager, dann hätten einige gute Menschen
ihn als guten Menschen betrauern können, und es ist
gut für die guten Menschen, daß sie immer wissen, was
gut und was böse ist. Gottfried Benn war kein guter
Mensch; auch seine Dichtung steht jenseits von Gut und
Böse.
Die
Wunde Weimar sitzt tief, und Benn versucht, die Zeichen
der neuen Zeit zu verdrängen. Am 21. Oktober 1933 heißt
es in einem Brief an Gertrud Hindemith: "Wenn jetzt
die Abgetakelten schrein: was wird aus der Kunst, denke
ich bei mir: die Epigonen des II. Reichs sind nicht
schutz- und pflegebedürftiger als die Dilettanten im
III. Wer damit nicht fertig wird, soll die Schn[auze]
halten, wer was ist, wird damit fertig. Hier ist
Stoff u. inneres Erlebnis – ran! Hier ist Geschichte
– ertrage sie. Hier ist Schicksal – friß Vogel oder
stirb! Gefahren, Untergang – liebe sie! Amor fati".
Doch
niemand kann in seiner Zeit leben und zugleich frei
von ihr sein. Spätestens seit Ende der Zwanzigerjahre
stand Benn im Kreuzfeuer der ideologischen Auseinandersetzungen.
Er war jedoch alles andere als ein homo politicus, forderte
immer wieder für den Dichter die Freiheit, sich gegen
den Zeitgeist abzuschließen
und stellte selbst im Vorwort zu Der
neue Staat und die Intellektuellen klar: "Das
Schöpferische ist weder rechts noch links, sondern immer
zentral."
Gottfried
Benn hatte weder bei linken noch bei rechten Eiferern
je Freunde. Bereits 1933 wird seine Lage insofern existentiell
bedrohlich, als der nationalsozialistische Ärztebund
ihn von einer Liste strich, auf der Ärzte standen, die
bestimmte Atteste ausstellen durften, und auch die Angriffe
von im III. Reich als Schriftsteller geltenden Dummköpfen
ließen nicht lange auf sich warten. Im April 1934 denunziert
der Balladenbarde Börries von Münchhausen Benn in einem
an Hinterhältigkeit nicht zu übertreffenden Brief als
Juden,
und dies, nachdem Goebbels anläßlich der Bücherverbrennung
am 10. Mai 1933 unmißverständlich verkündet hatte: "Das
Zeitalter eines überspitzten jüdischen Intellektualismus
ist nun zu Ende".
Mit
Ahnenschwierigkeiten, einem autobiographisch-genealogischen
Abriß, der wenig später in Lebensweg eines Intellektualisten unter der Kapitelüberschrift Die Erbmasse nachgedruckt wird, verteidigt
Benn, der seines expressionistischen Frühwerks wegen
ohnehin als entartet galt, seine Haut. Ohne Zweifel
ist diese unter einer Zwangssituation und sehr rasch
entstandene Schrift peinlich; weil die Adressaten peinlich
sind, die sie herausforderten. Dennoch: Die Kunst und
damit sich selbst hat Benn in Lebensweg eines Intellektuellen nicht verraten.
Er unterscheidet hier, nicht ohne vorher seine romanische
Abstammung hervorgehoben zu haben, zwischen Kunstträger
und Kulturträger, ähnlich wie der von ihm zeitlebens
verehrte Thomas Mann 1919 in den Betrachtungen eines Unpolitischen Kultur und Zivilisation unterschied,
um damit die Franzosen abzukanzeln. Benns ästhetischer
Diskurs ähnelt dem Thomas Manns, kehrt dessen chauvinistische
Ausfälle jedoch um. Als Kunstträger sieht Benn Baudelaire,
Flaubert, Nietzsche, George, in deren Tradition er sich
begreift, als Kulturträger all jene seit Platon, die
gesellschaftliche Intentionen haben, am Ephemeren hängen,
denen Wahrheit nicht zugänglich ist. Dies bedeutet nichts
anderes als Verachtung der Macht und Geringschätzung
des Staates, gerade durch den Verweis auf Platon.
Die großen Geister Frankreichs und Deutschlands sind
für Benn eines: Träger der Kultur, "statistisch
asozial",
und der Rest ist Schweigen. Oder die Menschheit.
Benns
Argumentation geht, insofern sie Kunst über das Ephemere
stellt, auch über die des von ihm bewunderten George
hinaus, der gesagt hatte: "Die Wahrheit ist in
jedem Äon eine andere", worauf der sich naiv gebende
Ernst Robert Curtius zurückfragte: "Es muß aber
doch ein Letztes über den wechselnden Äonen geben?"
George fährt daraufhin jäh auf und herrscht Curtius
an: "Ja, das gibt es. Aber das geht Sie nichts
an. Mit dem darf selbst ich mich nicht befassen."
Nach
Lebensweg eines Intellektualisten folgt
die große Autobiographie Doppelleben
(1950), die Benn wohl ohne das Drängen seines Verlegers
Max Niedermayer nie geschrieben hätte. Also liegt dieser
Autobiographie, wie der vorangegangenen, eine Nötigung
zugrunde, wenn auch diesmal eine freundliche. Es gehört
zur deutschen Paranoia und ist, nebenbei, ein Signum
des provinziellen wie des totalitären Staats, daß Dichter
und Schriftsteller dortzulande bis auf den heutigen
Tag
genötigt werden, der kollektiven germanischen Dummheit
Erklärungen über ihr Werk hinaus zu geben. Benn wußte
indes sehr genau, was er von der Öffentlichkeit und
von Politik zu halten hatte, wie aus einem Brief an
Thilo Koch vom 12. Oktober 1950 hervorgeht: "Die
Öffentlichkeit ist der Gestank einer Senkgrube und die
Politik ist das Gebiet von Reduzierten."
Über
Doppelleben ist viel geschrieben worden
und über Benns Irrtum hinsichtlich des Nationalsozialismus
auch. Das alles hier aufzulisten und womöglich noch
zu kommentieren geriete ins Uferlose und ist auch der
Mühe nicht wert. Jürgen Schröders Feststellung trifft
den Nagel auf den Kopf: "Benn hat lange genug als
Medium der Selbstbefragung und Vergangenheitsbewältigung
der Deutschen gedient, er hat oft genug als Sündenbock
und Ersatzopfer im apologetischen Selbstgericht der
Deutschen herhalten müssen."
Dabei befindet sich Benn nicht in der schlechtesten
Gesellschaft; Hölderlin gehört dazu, Nietzsche, George,
Spengler, Heidegger, Jünger und neuerdings wieder Ernst
Robert Curtius.
In diesen Schlammschlachten wird versucht, ob bewußt
oder unbewußt ist hierbei ohne Belang, an herausragenden
Geistern die in Deutschland nie bewältigte Nazivergangenheit
endlich in den Griff zu kriegen. Auch dies ist ein Beitrag
zur deutschen Paranoia. Begleitet ist dieser Umgang
mit Benn von unfreiwilliger Komik, wovon die Wissenschaft,
wie spätestens seit Flauberts Dictionnaire des idées reçues bekannt ist,
immer genügend parat hat: "Benn selbst hat es oft
ausgesprochen: der moderne Dichter reicht mit den Antennen
seines Wesens in das zeitgenössische Geschehen hinein.
Es ist sein hervorstechendes Charakteristikum, daß er
reflektiert – ganz allgemein über Strukturen und Vorkommnisse
seiner Zeit und insbesondere über die Kunst."
– Hier wird festgestellt, daß Dichter reflektieren,
noch dazu über Kunst – ungeheuerlich; und hier wird
gelogen, denn von "den Antennen seines Wesens"
hat Benn nie etwas verlauten lassen. Gottfried Benn
fühlte sich nicht in der Nachfolge Friederike Kempners,
eher in der Nietzsches, obgleich Else Buddeberg von
"seiner nicht sehr gründlichen Nietzsche-Aneignung"
genauestens unterrichtet zu sein scheint und diesen
Mangel an deutscher Gründlichkeit als eine Ursache für
Benns Irrtum 1933 ansieht.
Diesen
Irrtum sah Benn rasch ein, schon 1934, nach der sogenannten
Röhm-Revolte, und er bekennt diesen Irrtum auch in Doppelleben
als solchen: "Dieser Siebenundzwanzigjährige",
heißt es mit Bezug auf Klaus Mann, "hatte die Situation
richtiger beurteilt, die Entwicklung der Dinge genau
vorausgesehen, er war klarerdenkend als ich, meine Antwort
[...] war demgegenüber romantisch, überschwenglich,
pathetisch".
Klaus
Manns Achtung vor Benn blieb, und in dieser geistigen
Noblesse unterscheidet sich Klaus Mann von seinen pathischen
Volksgenossen der Nazizeit und des Nachkriegs: In Doppelleben
äußert sich Benn kurz zu Klaus Manns Roman Mephisto,
den Klaus Mann ihm "1937 mit einer reizenden und
melancholischen Widmung schickte", und der Benn
auch erreichte.
Benn
wählte 1935, nachdem er seinen Irrtum eingesehen hatte,
den Eintritt als Arzt in die Armee als "aristokratische
Form der Emigration",
und sicher hat ihn dieser Schritt vor physischem Untergang
bewahrt; aristokratisch-preußisch gesonnene Militärs
deckten ihn, als er beispielsweise 1936 vom Schwarzen
Korps und vom Völkischen Beobachter als "Selbsterreger"
angegriffen wurde;
daran, daß es in der Wehrmacht solche Strömungen gab,
sei mit einem Verweis auf den Widerstand um Stauffenberg
erinnert. Benns vorgesetzter General reagierte auf die
Attacke vom Schwarzen
Korps folgendermaßen: "Er sagte, lassen Sie
mir diese Zeitung da, geben Sie mir einige Ihrer Bücher
und andere Kritiken über Sie und melden Sie sich in
achtundvierzig Stunden bei mir zur Entgegennahme meiner
Entscheidung. Diese Entscheidung lautete: Das 'Schwarze
Korps' ist ein solches Saublatt, es kann einen Offizier
gar nicht beleidigen – wenn es Sie lobte, wäre es anders
– der Fall ist erledigt. Sie bleiben."
1938
wird Benn von der Reichsschrifttumskammer ausgeschlossen,
erhält Schreibverbot mit der Begründung, er verfüge
nicht über "die für die Ausübung der schriftstellerischen
Tätigkeit erforderliche Eignung".
Benns
Essayistik, seine Briefe, nicht zuletzt seine Gedichte
zwischen 1935 und 1945 sind beredtes Zeugnis dafür,
daß er die Nazis und die Hitlerei verachtete, und es
war auch nicht ganz ungefährlich, was er da in seine
Schublade hineinschrieb; für weit Geringeres drohte
Konzentrationslager, wenn es nur in falsche Hände geriet.
Auch über das Publikationsverbot setzte Benn sich hinweg.
1943 ließ er auf eigene Kosten ein Heft mit 22 Gedichten
drucken, das er an Freunde verschickte.
Damit soll nicht unterstellt werden, der Dichter Gottfried
Benn sei zum Widerstandskämpfer mutiert, er blieb lediglich
einer Wahrheit verpflichtet, die, weil sie jenseits
des Zeitgeists liegt, nie das ist, was manipulierte
Massen für die Wahrheit halten. Wenige tragen das Leid
aller; dergleichen sucht sich gewiß niemand aus. "Es
gibt fast unerträglich viel, das wir nicht wissen, und
der Gründe zum Klagen und Verzweifeln sind Legion. Aber
es wird so sein müssen, und es wird unsere Aufgabe bleiben,
die Stunde dieser geistigen Welt, solange sie dauert,
weiter mit unseren menschlichen Bildern zu erfüllen,
so trauerüberladen, so untergangssicher, so monologisch
oder so hybrid sie sind."
– Dies steht auf der letzten Seite von Doppelleben,
klingt verhalten optimistisch, ein wenig auch nach Vermächtnis
und wird als solches wiederholt in Gottfried Benns letzter
autobiographischer Notiz 1956: "Sich absondern – das klingt
vielen nicht gut, das klingt vielen provokatorisch und
wahlurnenfeindlich, ist es aber nicht, es handelt sich
vielmehr um etwas Innerliches, das man lange vergaß:
Im Anfang war das Wort, und am Ende wird nicht die Propaganda
sein, sondern wieder das Wort."
Resumé
Seit
Ende der Zwanzigerjahre war Gottfried Benn Angriffen
politischer Eiferer ausgesetzt, gegen die er sich zu
verteidigen hatte. Der Dichter selbst, über dessen herausragenden
Rang innerhalb der deutschen Dichtung unseres Jahrhunderts
kein Zweifel besteht, sah sich nie als politischen Menschen.
Mit der Herrschaft des Nationalsozialismus wird Benns
Lage existentiell bedrohlich. Er unterschätzt kurzzeitig
die kriminelle Energie der neuen Machthaber und glaubt,
von ihnen in Ruhe gelassen zu werden, bevor er mit dem
Eintritt in die Armee als Arzt die "aristokratische
Form der Emigration" wählt.
Infolge
seines kurzen Irrtums im Jahre 1933 wurde nach der Nazizeit
Benn häufig als Vehikel mißbraucht, um die in Deutschland
nie bewältigte Nazivergangenheit in den Griff zu bekommen.
Gottfried
Benns autobiographische Schriften, die ihm sämtlich
mehr oder weniger abgenötigt wurden, werden im politischen
Spannungsfeld, dem Benn zeitlebens ausgesetzt war, als
Versuch des Dichters gesehen, der kollektiven germanischen
Paranoia durch Wahrheit entgegenzuwirken.
Attaqué par les extremistes politiques depuis la
fin des années vingt, Gotttfried Benn fut obligé de
se défendre. Lui même ne se considéra jamais comme quelqu'un
de politisé. Dès la prise du pouvoir par les nazis,
Benn se trouva rapidement exposé à divers dangers dont
certains menaçaient son existence même. Il sous-estima,
pendant un moment très bref, l'énérgie criminelle dont
était capable un nouveau régime politique dont il éspérait
qu'il ne l'inquièterait pas outre mésure. Puis il finit
par choisir "la forme aristocrate de l'exil"
en s'engageant comme médecin dans la Wehrmacht.
Du fait de son erreur en 1933, Benn fit longtemps
figure de bouc émissaire susceptible d'aider les Allemands
à surmonter un passé nazi sur lequel la société allemande
n' avait jamais véritablement accompli de travail du
deuil.
Les textes autobiographiques que Benn s'est vu contraint
d'écrire sont analysés ici en tant que que tentative
d'un écrivain, pris
toute sa vie dans les tensions du champ politique,
de faire pièce à la paranoïa germanique collective en
recourant à la vérité.