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Lutz
Baseler
Paradigmatische
Pole
Becketts Kunstauffassung im Spiegel der
Malerei Brams und Geers van Veldes
Keinen Werken der bildenden Kunst hat Beckett in seinen
theoretischen Betrachtungen größere Aufmerksamkeit geschenkt
als der Malerei der holländischen Brüder Gerardus (Geer)
und Abraham (Bram) van Velde. Er war mit beiden befreundet
und schrieb mehrere Essays und auch kürzere Texte über
deren Werke.
Nicht zuletzt diesen Arbeiten verdanken die van Veldes
ihre Bekanntheit. Die erste Ausstellung des damals bereits
fünfzigjährigen Bram van Velde kam 1945 auf Vermittlung
Becketts in Paris zustande.
In ihrer Bedeutung für die ästhetische
Positionsbestimmung des Künstlers Beckett ist die Malerei
der van Veldes als Bezugspunkt von zumindest gleichem
Gewicht wie die literarischen Werke Prousts und Joyce'
oder auch die Philosophie Schopenhauers. Der Vergleich
der Malerei beider Künstler, die von gleichen Voraussetzungen
ihrer Kunstauffassung ausgehend, diese mit unterschiedlichen
Mitteln umzusetzen suchten, bot für eine allgemeine
Betrachtung den Vorteil, die Tauglichkeit der jeweiligen
Methode an den Ergebnissen der anderen messen zu können.
Was Beckett als Quintessenz sowohl der Methode Abrahams
als auch der Gerardus' Malerei herleitet, läßt sich
in ihrem Grunde als Muster zweier Darstellungsweisen
erkennen, die der Autor in seiner Kunst, der Literatur,
anwendet. Die Gestaltungsprinzipien beider Maler arbeitet
Beckett als völlig entgegengesetzt, sogar als sich widerlegend
heraus. Sie erscheinen mithin als zwei Pole, die Beckett
als Extreme nimmt, zwischen denen sich seine eigene
Darstellungsweise entwickelt. Die Interpretation der
Malerei der van Veldes ist daher mehr als eine Deutung
bildender Kunst - "Avec les mots on ne fait que
se raconter" sagt
Beckett ganz allgemein -, es ist gewissermaßen die Suche
nach Bestätigung eigener ästhetischer Positionen.
In La Peinture des
van Veldes ou le monde et le pantalon geht der eigentlichen
Analyse der Kunst der van Veldes eine allgemeine Betrachtung
zum Wesen der modernen Malerei und deren Aufnahme durch
das Publikum voran.
Voller Ironie stellt
Beckett eine Art der Kunstauffassung bloß, die anhand
einer eher willkürlich festgelegten Traditionslinie
der Malerei ("'Tout ce qui est bon en peinture,
tout ce qui est viable, tout ce que vous pouvez admirer
sans crainte, se trouve sur une ligne qui va depuis
les grottes des Eyzies jusqu'à la Galerie de France.'")
entscheidet, welchen Wert moderne Kunstwerke haben.
Dieser Maßstab wird allerdings nur für den oberflächlichen
Konsumenten von Kunst als gültig und ausreichend ausgewiesen,
für jene, die sich von Kunst nicht betroffen fühlen,
sondern in deren Betrachtung nur Genuß und Vergnügen
suchen:
"[...]
l'inoffensif loufoque qui court, comme d'autres au cinéma,
dans les galeries, au musée [...] avec l'espoir - tenez-vous
bien - de jouir. Il ne vent pas s'instruire, le cochon,
ni devenir meilleur. Il ne pense qu'á son plaisir."
Es erscheint nur natürlich, daß ein
Publikum, welches durch ein imaginäres Regelwerk von
tiefen Vorurteilen über die Gestalt "wahrer",
"wirklicher" Malerei geprägt ist, die abstrakte
Malerei als ein Produkt "par une bande d'escrocs
et d'incapables" gilt,
die auch zu nichts anderem fähig wären, da sie weder
malen oder zeichnen noch mit Farbe umzugehen wüßten.
Aus Becketts Argumentation und dem Engagement, mit dem
sie vorgetragen, wird ersichtlich, daß es ihm hier offenbar
nicht ausschließlich um die Malerei geht, sondern um
die moderne Kunst überhaupt, die Literatur eingeschlossen.
Diese Argumentation richtet sich gegen die - damals
wie heute gegenüber bestimmten Werken und Richtungen
in Musik, Malerei und Literatur allenthalben vertretene
- Auffassung, die Mittel der Darstellung taugten nur
dann etwas, wenn sie durch die Tradition legitimiert
seien. Diesem stellt Beckett eine Sichtweise entgegen,
die dem gewandelten Charakter der Kunst Rechnung trägt,
der sich zunächst nicht als ein Wille zum Abbild, sondern eher als ein Wille zum
Erschaffen zeigt:
"'Il
n'y a pas de peinture. Il n'y a que des tableaux. Ceux-ci,
n'étant pas des saucisses, ne sont ni bons ni mauvais.
Tout ce qu'on peut en dire, c'est qu'ils traduisant,
avec plus ou moins de pertes, d'absurdes et mystérieuse
poussées vers l'image, qu'ils sont plus ou moins adéquats
vis-à-vis d'obscure tensions internes. Quant à décider
vous-même du degré d'aqédation, il n'en est pas question,
puisque vous n'êtes pas dans la peau du tendu. Lui-même
n'en sait rien la plupart du temps. C'est d'ailleur
un coefficient sans intérêt. Car pertes et profit ce
valent dans l'economie de l'art, où le tu est la lumiere
du dit, et toute presence absence. Tout ce que vous
saurez jamais d'un tableau, c'est combien vous l'aimez
[...]'"
Dieses sind die Voraussetzungen, unter
denen Kunst, die sich weder rein mimetischen Vepflichtungen
beugt noch Produkt gestalterischer Willkür ist, betrachtet
werden sollte: als die von inneren Spannungen ausgelösten
Hervorbringungen eines Mediums, die sich dessen Fähigkeit,
etwas darzustellen, bedienen. Der Künstler selbst habe
hier lediglich Einfluß auf eine mehr oder minder vollständige
Wiedergabe der Vision und bereits ihm, geschweige dem
passiven Betrachter, ist kein Urteil darüber möglich,
ob diese Wiedergabe gelang.
Nach Becketts Erachten geht es in der
Kunst nicht darum, sich etwas bewußt
werden zu lassen, ein greifbares Ergebnis zu schaffen,
"mais [il s'agit] d'une prise de vision, d'une
prise de vue tout cour":
"Et
d'une prise de vision au seul champ qui se laisse parfois
voir sans plus, qui n'insiste pas toujour pour être
mal connu, qui accorde par moments à ses fidèles d'en
ignorer tout ce qui n'est pas apparance: au champ intérieur."
Beckett hebt hervor, daß die darstellenden
Künste seit jeher ein Ziel verfolgt haben: "A vouloire
arrêter le temps, en le représentant".
Im Streben nach diesem Ziel unterscheiden sich die im
Mittelpunkt von La Peinture des van Velde stehenden Künstler
nach Becketts Auffassung grundlegend. Es ist die "objectivité
prodigeuse" des
Abraham van Velde, der es gelingt, das Dargestellte
so wiederzugeben, "strictement telle qu'elle est,
figée réellement", es somit für einen Moment aus
dem Verfließen der Zeit zu lösen und "la chose
immobile dans le vide [...] l'objet pure" zu
erfassen. Um dieses "reine Objekt" darstellen
zu können, bringt es Bram van Velde, nach Becketts Worten,
zum Stillstand, was bedeutet, daß "il l'idéalise,
en fait un sense interne".
Gerardus
van Velde - im Gegensatz hierzu - "est entièrement
tourné vers le dehors, vers le tohu-bohu des choses
dans la lumière, vers le temps". Dessen Methode, die verfließende Zeit
zu verdeutlichen, ist die Darstellung der von der Zeit
veränderten Dinge, die aufgrund ihrer steten Veränderung
sich einer Wiedergabe entziehen.
Die Arten der Darstellung beider Maler
heben sich - auf eine Formel gebracht - in folgenden
entscheidenden Punkten voneinander ab:
"A. van Velde peint
l'étendu.
G.
van Velde peint la succession."
Die Werke der van Veldes, die sich - nach Becketts Auffassung
- zu widerlegen scheinen ("qui semblent se réfuter"),
treffen sich allerdings in der gemeinsamen Suche nach
einem Ziel, das er als das eigentliche Dilemma der bildenden
Künste bezeichnet: "Comment représenter le changement".
Die ständige Veränderung alles Seienden
ist für Beckett nicht nur der bedeutendste Hinderungsgrund
dafür, keine feststehenden Aussagen über die Welt treffen
zu können, sondern wird zur zentralen Frage jeglicher
künstlerischen Kreation überhaupt erhoben.
Für diese Malerei, deren Inhalt als ein stetes Ankämpfen
gegen ihre eigentliche Unmöglichkeit erscheint, hat
Beckett die Begriffe l'empêchement-oeil und l'empêchement-objet geprägt. In seiner
zweiten größeren Arbeit über die van Veldes, dem Essay
Peintres de l'empêchement faßt Beckett das Problem der Darstellungsweise
beider Künstler in die Frage:
"Car que reste-t-il
de représentable si l'essence de l'objet est de se dérober
à la représentation?"
und
deutet mit der Antwort ("Il reste à représenter
les condition de cette dérobade. Elles prendrons l'une
ou l'autre de deux form, selon le sujet.")
folgende zwei Formen der Verhinderung an, die er aus
dem Schaffen der van Veldes ableitet:
"L'un
dira: Je ne peux voir l'objet, pour le représenter,
parce qu'il est ce qu'il est. L'autre: Je ne peux voir
l'objet, pour le représenter, parce que je suis ce que
je suis."
Becketts vorgeschlagene Lösung nun
- entsprechend beider Arten von Verhinderung, "l'empêchement-objet
et l'empêchement-oeil"
- läßt die Formen erkennen, die der Autor zur Bewältigung
des "Dilemmas der Repräsentation"
in der Kunst als möglich ansieht:
"La résolution s'obtient
chez l'un par l'abandon du poids, de la densité, de
la solidité, par un déchirement de tout ce qui gâche
l'espace, arrête la lumière, par l'engloutissement du
dehors sous les conditions du dehors. Chez l'autre parmi
les masses inébranlables d'un être écerté, enfermé et
rentré pour toujour en lui-même, sans traces, sans air,
cyclopéen, aux brefs éclair, aux couleurs du spectre
du noir.
Un
dévoilement sans fin, voile derriére voile, plan sur
plan de transperances imparfaites, un dévoilement vers
l'indévoilable, le rien, la chose à nouveau. Et l'ensevelissement
dans l'unique, dans un lieu d'impénétrables proximités,
cellule peinte sur la pierre de la cellule, art d'incarcération."
Das gemeinsame Ziel sowohl der van
Veldes als auch - das mag als Folgerung der vorliegenden
Analyse gerechtfertigt erscheinen - Becketts, ist im
Versuch zu sehen, das Objekt mit künstlerischen Mitteln
zu fixieren, das, als sich unablässig verändernd, deshalb
sich jeder Darstellung entziehend, keinem Begriff, keinem
Symbol, keiner Erfahrung als Analogon dient. Was für
die Malerei gilt - die Bedingungen wiederzugeben, unter
denen sich das Objekt der Repräsentation entzieht, die
ungenaue Wahrnehmung des Objektes und die Untauglichkeit
der Mittel ihrer Wiedergabe -, gilt gleichfalls für
die Literatur.
In diesem Zusammenhang sind die im vorstehenden Zitat
für die Malerei der van Veldes herausgestellten unterschiedlichen
Darstellungsweisen auch als Charakteristik bestimmter
Werke Becketts zu sehen. Als Beispiele des zum einen
durch Bram, zum anderen durch Geer van Velde repräsentierten
Schaffensprinzips in der Kunst Becketts können die Romane
Watt und The
Unnamable stehen. In Watt erscheint die Vagheit jeglicher Aussage,
die Zurücknahme jeder Information, das Relativieren
zunächst gefaßter Feststellungen, der Zweifel am Begriff,
an der Wahrnehmung selbst als die "Preisgabe des
Gewichts, der Dichte, der Festigkeit", als ein
"Verschlingen des Außen unter den Bedingungen des
Außen". Das hartnäckige Forschen Watts beispielsweise
nach dem "what the figure appeared to be, in reality" gleicht
jenem "Enthüllen ohne Ende", dem "Enthüllen
auf das Unenthüllbare hin, das Nichts". Demgegenüber
ist der Unnennbare dieses "zurückgedrängte, eingeschlossenen
und für immer in sich selbst zurückgezogene Wesen",
dessen endlose Reflexionen - "an inferno of words" -
einer sich immer weiter verengenden Spirale gleichen,
dem "Einhüllen in das Einzige, an einem Ort undurchdringlicher
Nachbarschaften", einer "Einkerkerungskunst".
Neben
verschiedenen Geleitworten, die Beckett für einzelne
Ausstellungen der van Veldes schrieb, sind die drei
wichtigsten Texte La Peinture des van Velde ou le monde et le pantalon (1945; Zitate
als La Peinture
des van Velde), Peintres de l'empêchement (1948) und der
dritte der Three
Dialogues mit Georges Duthuit über Bram van Velde
(1949).
La Peinture des van Velde; in: Disjecta, p. 119
Die
im folgenden Zitat hinreichen allgemein ausgedrückten
Gedanken zum Schaffensprozeß des Künstlers gestattet
auch hier, für peinture "art", für tableaux
"oeuvres d'art" und für l'image
"l'oeuvre" zu setzen. (vgl. die mögliche
Analogie innerhalb der Three Dialogues, S. 10)
La Peinture des van Velde;
in: Disjecta, p. 123
Peintres de l'empêchement;
in: Disjecta, p. 136
Dieser Begriff stammt
aus Olga Bernals Untersuchung gleichen Titels.
Peintres de l'empêchement; p. 136f.
Die im letzten Absatz
verwendeten deutschen Zitate folgen der in Zusammenarbeit
mit Elmar Tophoven von Dieter Mettler angefertigten
deutschen Übersetzung von Peintres
de l'empêchement; in: Samuel
Beckett, hg. von Engelhardt, H. und Mettler, D.;
p. 19.
Literatur
| Beckett,
Samuel
|
La Peinture des van
Velde ou le monde et le pantalon (1945)
Peintres de l'empêchement (1948)
Three
Dialogues (1949) |
| Bernal,
Olga |
Das
Dilemma der Repräsentation, in: Engelhardt,
H./Mettler, D.; Materialien |
| Kenner,
Hugh |
Samuel
Beckett. A Critical Study, University of California
Press, Berkeley, Los Angeles, London, 1973 |
| Engelhardt,
Hartmut (Hg.) |
Samuel
Beckett, Frankfurt am Main, Suhrkamp, 1984 |
| Engelhardt,
Hartmut; Mettler, Dieter (Hg.) |
Materialien
zu Samuel Becketts Romanen "Molloy" "Malone stirbt"
"Der Namenlose" Frankfurt am Main, Suhrkamp,
1976 |
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