Lutz
Baseler
Der
Text als Welt und Vorstellung:
Samuel Beckett's Stirrings Still
Die
Realität als Realität ist überwunden. Das Zurückgehen
auf die Funktionen des Bewußtseins und die Gründe
der Objektwerdung, die Forderung der Totalität haben
sie entmaterialisiert und ihr anschauliche, sinnliche
Äquivalente geboren. Die Realität wird mathematisiert,
und zwar arithmetisch-rhythmisch und geometrisch-figürlich.
Max
Raphael
Zeit
seines Lebens hatte Beckett in seiner Kunst versucht,
mit äußerster Ökonomie der Mittel - mit "impotence,
ignorance", wie er einmal selbst in Gegenüberstellung
seines Schaffens zu dem James Joyce' sagte -, zu einer
möglichst tiefen und möglichst umfassenden Fixierung der
Welt der Erscheinungen zu gelangen. Wie er es jedoch immer
wieder gegenüber Freunden und anderen Gesprächspartnern
ausdrückte, habe er sich auf sein eigenliches Ziel zwar
mit jedem neuen Werk "einen Schritt vorwärts" (Juliet,
p. 11) bewegt, doch nicht ohne immer wieder feststellen
zu müssen, "c'est pas trop mal, mais ce n'est pas ça encore"
(Federman 1990, p. 1). Allerdings ist das Konzept
deutlich, das der Autor verfolgte und das ihn immer näher
an das seiner Auffassung gemäße Kunstwerk brachte: Dieses
war von jeher darauf orientiert, den Text zu immaterialisieren
.
Die drei wichtigsten Kompositionsprinzipien, die zur Verwirklichung
dieses Konzeptes führen, sind:
- eine
stets zu durchschauenden Fiktionalität des Textes,
- die
Einbeziehung von Assoziationen und latenten Kenntnissen,
die der Rezipient durch die ihm im Text gebotenen Analogien
und Erinnerungen aktualisiert und
- die
Verwendung musikalischer Gestaltungsmittel.
Die
wesentlichen Merkmale der Kunst Becketts verweisen diese
in eine Traditionslinie, die von den Vorstellungen der
Romantik über den Symbolismus bis zu den Werken der modernen
Literatur reicht, in denen sich das scheinbar ungebundene
Schweifen eines "Bewußtseinsstroms" mit dem Assoziationen
fördernden Potential einer den Klang, den Rhythmus und
der immanenten Harmonie der Sprachkunst nutzenden Dichtung
verbindet. Becketts direct expression hat ihren
Ursprung in der symbolistischen Idee des "reinen Kunstwerks",
der poesie pure.
Die
Suche nach der "absoluten Poesie", wie sie vor allem und
seinerzeit am weitesten von Stephane Mallarmé vorangetrieben
wurde, ging von einer Betrachtungsweise aus, die in der
Musik die ideale Kunstform sah und orientierte sich aus
diesem Grunde an deren Strukturmerkmalen. Es war das Ziel,
vermittels einer von ihren Begriffen, von ihren - nachvollziehbaren
- Gegenständen gelösten Sprache, sich zunächst an das
Gefühl und darüber erst an den Intellekt des Rezipienten
zu wenden. Dazu Hans Heinrich Eggebrecht:
"Die
Kunst sucht ihren Widerhall im Seelischen. Seiner
begrifflichen, logischen, grammatischen Wesenheit
nach muß alles Sprachliche gleichsam erst den Umweg
machen über die Denkfunktionen des Verstandes, während
die Musik in einer ganz unmittelbaren Weise das Zentrum
künstlerischer Erlebnisfähigkeit zu treffen vermag."
(Eggebrecht, p. 9)
Eine
Beziehung zwischen Dichtung und Musik, die der Dichtkunst
dieses unmittelbare Ansprechen des "Seelischen"
gestattet, entsteht allerdings nicht durch das Zusammenwirken
beider Künste, sondern dadurch, daß sich das sprachliche
Kunstwerk in Gestalt, Inhalt und Wirkung der Musik nähert.
Hierbei nennt Eggebrecht zum einen die "musikalisch-akustischen
Wirkungsmöglichkeiten sprachlicher Formulierungen", die
ihren Ausdruck in einer "wohlklingende[n] und zuweilen
wunderbar symmetrische[n] 'Vokalmelodie'" (Eggebrecht,
p. 10) hat. Zum anderen, nicht zum musikalisch-akustischen
Bereich zählend, wird durch eine Erscheinung, die Eggebrecht
"Begriffsklang" nennt, "die Seele spontan mit einer ganzen
Welt von Unsagbarkeiten [erfüllt], und zwar so unmittelbar,
so unbestimmt und gegenstandslos, wie es sonst nur durch
Musik geschieht" (ibid., p. 12).
Mit einer Einschränkung ist hier die Wirkung charakterisiert,
die nach Becketts Auffassung die direct expression
hervorruft. Eggebrecht ist der Ansicht, "daß die den Worten
innewohnenden Begriffe [...] als bloßer Klang das Innere
zum Schwingen bringen, eine ganz allgemeine Gefühlsresonanz
hervorrufen, die Seele in eine gegenstandslose Vibration
versetzen" .
Wenn
Beckett über den von ihm favorisierten Ausdruck sagt,
er bezeichne nicht etwas, sondern "it is that something
itself", geht es ihm nicht um eine allein auf dem Begriffsklang
gründende Affizierung "des Inneren", "der Seele", obwohl
der Klang der Wörter wenn schon nicht Sinn konstituiert,
diesen doch maßgeblich unterstreichen soll.
Überhaupt ist in dieser Ausschließlichkeit kaum vorstellbar,
daß der Klang eines Wortes seinen Inhalt völlig überdeckt.
Wohl ist es möglich, daß die von Eggebrecht ebenfalls
in ihrer musikalischen Wirkung betrachteten Wortwiederholungen
einen primären Klangeffekt, mehr oder minder gesondert
von ihrem begrifflichen Inhalt zeitigen, da "schon bei
der ersten und zweiten Wiederholung des Wortes (innerhalb
eines künstlerischen Sprachorganismus) die Verstandstätigkeit
sich ausschaltet und die rein klangliche Wirkung übrigbleibt"
(ibid., p. 11)
Dieses
Phänomen wird ebenfalls von Wassily Kandinsky in seiner
Schrift Über das Geistige in der Kunst betrachtet.
Auch Kandinsky ist der Auffassung, daß
"eine
innerlich nötige Wiederholung desselben [Wortes] zweimal,
dreimal, mehrere Male nacheinander" eine "geistige
Atmosphäre" hervorruft: "[...] bei öfterer Wiederholung
des Wortes [...] verliert es den äußeren Sinn der
Benennung. Ebenso wird sogar der abstrakt gewordene
Sinn des bezeichneten Gegenstandes vergessen und nur
der reine Klang des Wortes entblößt. [...] dieser
reine Klang [tritt] in den Vordergrund und übt einen
direkten Druck auf die Seele aus." (Kandinsky,
p. 45f.)
Nun
ist allerdings die Wirkung des "Begriffsklanges" demgegenüber
gerade auf das zurückzuführen, was das Wort in seinem
Kontext an Assoziationen, die über diesen hinausführen,
zu evozieren imstande ist. Es ist hier eben nicht nur
der bloße "reine Klang", der Resonanz hervorruft, sondern
es wird durch den begrifflichen Inhalt überhaupt erst
eine Welt latenter Erinnerungen aktiviert, die der Rezipient
im Begriffsklang - ganz gegenständlich - mitschwingen
läßt.
Das von Kandinsky in diesem Zusammenhang gebrachte Beispiel
kann gleichfalls seine These vom Verlust des äußeren Sinnes
der Benennung widerlegen: Wohl vermag es eine Dichtung
zu erreichen, daß ein "einfaches, gewohntes Wort (z. B.
Haare) [...] in richtig gefühlter Anwendung die Atmosphäre
von Trostlosigkeit, Verzweiflung verbreiten [kann]" (ibid.).
Zu der von Kandinsky bei der mehrmaligen Wiederholung
des Wortes "Haare" empfundenen Stimmung des Unbehagens
könnte in der Rezeption die Aktualisierung der übertragenen
Bedeutungen wie "eine haarige Situation" führen sowie
die Assoziation von Haaren, die "zu Berge stehen".
Als
ebenfalls nicht zum Musikalisch-Akustischen gehörend,
führt Eggebrecht "das weltabbildende Wesen der Musik als
ständiger Wechsel zwischen Konsonanz und Dissonanz,
zwischen Spannung und Entspannung" (Eggebrecht, p.
12) auf. Diese nach Schopenhauer herausgestellte Verfahrenweise
der Musik ist analog zum "Leben des Herzens [...] ein
ständiger Wechsel von größerer oder geringerer Beunruhigung
durch Wunsch oder Furcht" (Schopenhauer, p. II/585).
Dissonanzen seien in der Musik - wie auch im Leben - notwendig,
damit Langeweile, die die Folge von ständiger Zufriedenheit
wäre, vermieden wird:
"Demgemäß
besteht die harmonische Fortschreitung in der kunstgerechten
Abwechselung der Dissonanz und Konsonanz. Eine Folge
bloß konsonanter Akkorde würde übersättigend, ermüdend
und leer sein wie der languor, den die Befriedigung
aller Wünsche herbeiführt. Daher müssen Dissonanzen,
obwohl sie beunruhigend und fast peinlich wirken,
eingeführt werden, aber nur, um mit gehöriger Vorbereitung
wieder in Konsonanz aufgelöst zu werden." (ibid.)
In Anlehnung an diese Anschauung sieht
Eggebrecht in der Dichtung die Möglichkeit, den "ganz
unbestimmte[n] Inhalt der Begriffsklänge [...] auf eine
Polarität [zu] reduzieren", wobei der Rezipient "durch
einen ständigen Wechsel 'konsonanter und dissonanter Allgemeingefühle'"
(Eggebrecht, p. 12) geführt wird.
Es
ist bis hierher in bezug auf die Inanspruchnahme von Formen
und Methoden der Musik bei Beckett darum gegangen aufzuzeigen,
daß sich für ihn die Notwendigkeit einer immateriellen
Ausdrucksweise aus dem Zweifel an der Sprache als adäquatem
Mittel ergab, zu nachvollziehbaren Aussagen über die Welt
zu gelangen . Im Mittelpunkt der nun folgenden Analyse
von Stirrings Still sollen in Erweiterung der Betrachtung
dieses Sachverhaltes jene Aspekte stehen, die die Musikalität
des Textes bedingen: das der Sonatenhauptsatzform entlehnte
Kompositionsschema und die indirekten Ausdrucksmittel,
deren symbolische und metaphorische Beziehungen anstelle
von konkreten, logischen Sachverhalten "Sinn" konstituieren.
Sonatenhauptsatzform
Music
puts up a fight against silence, orders the silence,
fills ist with a sense of order and feeling, gives
the illusion that time can be repeated, used over
again, that things once past can still be the same,
that sense can be etched in the stone of the musical
composition, shaped in its expression in time by the
unfolding of its form. Music tells us that the world
can be danced, that it has a shape, that it rises
and falls.
Daniel
Larner
Die
auf diese Weise zusammengefaßte Qualität und Wirkung der
Musik (Larner, p. 6) fixiert für die Kunst Becketts wichtige
Gesichtspunkte: Dem Kampf gegen das Schweigen scheinen
die Protagonisten Becketts wie u. a. Malone und der Unnennbare
verpflichtet, die im Sprechen sich und ihre Welt erschaffen.
Der durch die Musik vermittelten Illusion, aus dem Fluß
der Zeit treten zu können, gehört neben anderem Becketts
Reflexion in Proust und dienen die Leitmotive in seinem
Oeuvre.
Die an keine materiellen Entsprechungen gebundenen Formen
der Musik bieten sich an, gemäß der These Becketts "to
find a form that accommodates the mess is the task of
the artist now" (Beckett; zitiert in: T. F. Driver,
p. 22), zur Ordnung der nicht mehr in einem System
darstellbaren Welt beizutragen. Schließlich ist der zyklische,
symmetrische Charakter der Musik eine treffende Metapher
für das Leben und die Welt, welche in ein möglichst komplexes
Bild zu fassen, Becketts gesamtes künstlerisches Streben
ging.
Die
Suche nach dem Wirken musikalischer Großformen in der
Literatur muß zwei wesentliche Gesichtspunkte beachten.
-
Zum einen sind die der Musik entlehnten Begriffe bei
ihrer Anwendung auf die Form eines Literaturwerkes
in ihrem ursprünglichen Verhältnis zueinander zu sehen.
Die zuweilen recht willkürliche Charakterisierung
literarischer Phänomene mit musikalischen Bezeichnungen
dient weniger dem Aufdecken der dem Werk immanenten
Formen und den zwischen ihnen bestehenden Beziehungen.
Nicht selten wird, anstatt über erwünschte Analogien
Erkenntnisse zu gewinnen, durch Vermischung von miteinander
nicht in Verbindung stehenden Begriffen das eigentliche
Problem nur weiter "verdunkelt" .
-
Zum anderen ist ein durchgehendes Vorhandensein von
Parallelen zu den typischen inhaltlichen Entwicklungen
von Themen und Themenkomplexen zwischen den jeweiligen
musikalischen Großformen und dem in Frage kommenden
Text unabdingbare Voraussetzung.
Stirrings
Still ist ein Text, der sowohl von seiner Struktur
als auch in seiner inhaltlichen Entwicklung eine tiefe
Verwandschaft mit der Sonatenhauptsatzform erkennen läßt.
Der Text ist in drei Teile gegliedert, wobei der erste
Teil noch einmal sieben in Thematik und Charakter zu unterscheidende
Abschnitte aufweist. Wie im Folgenden zu zeigen sein wird,
sind diese drei Teile nach dem Muster der Sonatenhauptsatzform
in Exposition, Durchführung und Coda gegliedert. Entsprechend
dem Musikwerk sind in dem Text die charakteristischen
Entwicklungen der Themenkomplexe durchgeführt. Das Fehlen
der Reprise mit der typischen, meist nur wenig modifizierten
Wiederholung des thematischen Materials aus der Exposition
ist nur scheinbar ein Argument gegen die Möglichkeit,
hier zwischen den Beispielen beider Kunstgattungen inhaltliche
und formale Entsprechungen zu konstatieren. Die Gründe,
daß für Becketts Text eine Reprise nicht in Betracht kommt,
folgen aus den Prämissen der Kunstauffassung des Autors
und seien an späterer Stelle betrachtet.
Die
Exposition, gegliedert in Hauptsatz, Überleitung,
Seitensatz (eventuell einer weiteren Überleitung) und
Epilog, ist "die Aufstellung einer dualistischen, in Haupt-
und Seitensatz oft kontrastierenden und doch stets zur
Einheit eines Grundgedankens vermittelten Themensetzung"
(Brockhaus Riemann Musiklexikon, p. I/384).
Der erste Abschnitt der Exposition von Stirrings
Still stellt als deren Hauptsatz das Thema
vor:
"One
night as he sat at his table head on hands he saw
himself rise and go." (Stirrings Still, p.1)
Dieser
Satz enthält zwei Ansatzpunkte für weitere Überlegungen,
innerhalb derer neue Aspekte zwar die Sicht auf diesen
Satz verändern können, die dargestellte Situation jedoch
keiner klareren Betrachtung, sondern eher einer weiteren
Unentschiedenheit entgegenführen. Dieser erste Ansatzpunkt
("one night") wird gleich durch den nachfolgenden Satz
erweitert: "One night or day" (ibid.), der eine
genauere Festlegung des zeitlichen Bereiches des Geschehens
verhindert.
Der zweite Ansatzpunkt ergibt sich aus der Formulierung
"he saw himself rise and go" (ibid.), die impliziert,
daß die wahrgenommene Bewegung durchaus nur von dem Protagonisten
selbst imaginiert sein könnte. Eine analoge Konstellation
findet sich im Text Company:
"A
voice comes to one in the dark. Imagine." (Company,
p. 6)
Die
Situation wie die Syntax lassen offen, ob jene Stimme
von dem im Dunkeln gehört oder vorgestellt ist. Für eine
bloße Vorstellung dieser Bewegung spricht die Haltung
des Protagonisten am Tisch: "head on hands" (Stirrings
Still, p.1).
Ein erneutes Aufgreifen des ersten Ansatzpunktes geben
die Sätze drei und vier, die die angedeutete Unbestimmtheit
bekräftigen:
"For
when his own light went out, he was not left in the
dark. Light of a kind came then from the one high
window." (Stirrings Still, p.1)
Die
unmögliche - und für die angestrebte Aussage auch unerhebliche
- Entscheidung zwischen Tages- oder Nachtzeit wird schließlich
durch den Schluß des ersten Abschnitts betont, der von
einer Zeit spricht, in der sowohl tags als auch nachts
der Protagonist im Dunkeln gelassen wurde. Die äußere
Lichtquelle, jenseits des Fensters, die dieses "faint
unchanging light unlike any light" (ibid., p. 2)
spendet, ist der Anlaß, das vor dem Fenster liegende "Außen"
ins Spiel zu bringen. Die Auskünfte, die der Rezipient
über das Fenster und den dahinterliegenden Bereich erhält,
werden ebenfalls auf eine Weise gegeben, die Unsicherheit
in Bezug auf Wahrnehmung und Deutung evoziert. Hierzu
führen Formulierungen, die unentschiedene Alternativen
darstellen ("the stool on which till he would or could
no more he used to mount"; "Why he did not crane out to
see what lay beneath was perhaps because the window was
not made to open or because he could or would not open
it. Perhaps he knew only too well what lay beneath and
did not wish to see it again." [ibid.,
p. 1]) sowie ungenaue Beschreibungen, da für diese
Analogien fehlen oder die das Ergebnis vager bzw. nicht
zu fixierender Erinnerung sind ("Its faint unchanging
light unlike any light he could remember..." [ibid.,
p. 2]).
Schließlich eröffnet ein Satz die Erkenntnis über die
Relativität aller Wahrnehmung und gibt eine für die weitere
Lektüre stets präsent zu haltene Erfahrung:
"So
he would simply stand there high above the earth and
see through the clouded pane the cloudless sky." (ibid.,
p. 1)
Der
zweite Abschnitt der Exposition, der noch deren Hauptsatz
zugeordnet werden muß, nimmt das Thema aus dem ersten
wieder auf und berücksichtigt die in diesem gewonnene
Präzisierung durch eine Erweiterung:
"One
night or day than as he sat at his table head on hands
he saw himself rise and go." (ibid., p. 2)
Wurde
im ersten Abschnitt die Umgebung des Protagonisten dargestellt,
soweit sie für die Begebenheit von Belang ist, wird nun
im zweiten der Hauptsatz der Exposition mit der näheren
Beschreibung des "rise and go" und zu der Frage der Befindlichkeit
des Protagonisten selbst abgeschlossen. Gleichzeitig läßt
sich im letzten Satz des nachfolgenden Zitats eine Bestätigung
dafür ablesen, daß Bewegung und Ortswechsel lediglich
imaginiert sind:
"Start
to go. On unseen feet start to go. So slow that only
change of place to show he went. As when he disappeared
only to reappear later at another place. Then disappeared
again only to reappear again later at another place
again. So again and again disappeared again only to
reappear again later at another place again. Another
place in the place where he sat at his table head
on hands." (ibid., p. 3)
Der
einzige im Text genannte Name (die Nennung Walthers
[von der Vogelweide] dient lediglich der Illustration
und der näheren Charakterisierung einer Tätigkeit) mit
einem persönlichen Bezug zum Protagonisten, wird in diesem
Abschnitt erstmals erwähnt:
"The
same place and table as when Darly for example died
and left him." (ibid., p. 3)
Die
Erwähnung gerade dieses Namens als Hervorhebung aus einer
Reihe von Personen, die mit ihrem Tod den Protagonisten
ebenfalls verlassen haben ("As when others too in their
turn before and since" [ibid., p. 3f.]), legt die
Vermutung nahe, daß die Beziehung zu Darly eine engere
gewesen sein mußte als die zu den anderen Personen. Das
mag die abermalige Nennung dieses Namens im vierten Abschnitt
bestätigen .
Die
nicht festzulegenden Gegebenheiten des Ortes, wie sie
der erste Abschnitt beschreibt, korrespondieren mit denen
der inneren Verfassung des Protagonisten, die der zweite
Abschnitt vorstellt. Ähnlich unbestimmt sind die wechselnden,
unentschiedenen Haltungen und Tätigkeiten:
"Head
on hands half hoping when he disappeared again that
he would not reappear again and half fearing that
he would not. Or merely wondering. Or merely waiting.
Waiting to see if he would or would not. Leave him
alone or not again waiting for nothing again." (ibid.,
p. 4)
Die
Überleitung innerhalb der Exposition stellt deren
dritter Abschnitt dar. Einerseits erweitert dieser die
Vorstellung vom sich fortbewegenden Protagonisten und
dessen Situation ("In a strange place blindly in the dark
of night [...]" [ibid., p. 3]). Andererseits schließt
die Erwähnung eines Zieles der Bewegung: "a way out" das
Thema des Hauptsatzes ab.
Der
Seitensatz, vierter Abschnitt des einleitenden
Teils, führt als ein zum Hauptsatz kontrastierendes Thema
die von außen zum Protagonisten dringenden Geräusche "strokes"
und "cries" ein:
"A
clock afar struck the hours and half-hours [...] Strokes
now clear as if carried by a wind now faint on the
still air. Cries afar now faint now clear." (ibid.)
Die
thematische "Einheit des Grundgedankens" in der Exposition
wird durch die auch im Seitensatz betonte, alles betreffende
Unsicherheit hergestellt. Zum einen informiert eine mehrfach
wiederkehrende Satzkonstruktion über die schwankende Einstellung
des Protagonisten gegenüber den zu ihm dringenden Geräuschen
wie zu der Wahrnehmung (bzw. Imagination) seiner Bewegung:
"Head
on hands half hoping when the hour struck that the
half-hour would not and half fearing that it would
not. Similarly when the half-hour struck. Similarly
when the cries a moment ceased." (ibid., p. 6f.)
Gleich
ist hier die Furcht vor dem Ende der akustischen wie der
optischen Wahrnehmung, was offensichtlich jeweils einen,
wenn auch nicht näher bestimmten, so doch gravierenden
Einschnitt in den Lebensfluß des Protagonisten bedeuten
würde. Die in diesen Zusammenhängen geäußerte Hoffnung
allerdings spricht von dem Wunsch nach Veränderung, nach
Stille, dem Endenkönnen. Zum anderen wird - eine innere
Verbindung zwischen den Sinneseindrücken herstellend -
sowohl das Licht des Himmels (im ersten Abschnitt) als
"faint" charakterisiert wie auch das Schlagen der Uhr
und die fernen Schreie.
Schließlich unterstreicht die Unentschiedenheit des Protagonisten
ein bezüglich seiner Konstruktion und seiner Wortwahl
nahezu identischer Abschluß sowohl Haupt- als auch Seitensatz:
"Or
merely wondering. Or merely waiting. Waiting to hear."
(ibid., pp. 4 und 7)
Einen
weiteren Überleitungsteil stellt der fünfte Abschnitt
dar. Wie jener zwischen Haupt- und Seitensatz bringt auch
dieser zwischen Seitensatz und Epilog einen Rückbezug
auf eine vergangene Zeit im Leben des Protagonisten. Hier
ist indes nicht mehr von weiterreichenden Bewegungen in
der Außenwelt die Rede. Die Veränderungen der Haltung
des Protagonisten betreffen jetzt nur noch das - inzwischen
offenbar auch seit langem nicht mehr ausgeführte - Heben
des Kopfes von den auf dem Tisch ruhenden Händen.
Der Epilog der Exposition, deren sechster und siebenter
Abschnitt, greift alle vorangegangenen Themen wieder auf.
Sie werden miteinander verbunden und, in diesem Zusammenklingen,
noch einmal leicht variiert. Im Ganzen wird das für den
weiteren Fortgang des Textes wichtige Wissen resümiert.
Erneut wird, was als Bewegung bezeichnet, als reine Imagination
deutlich und darüber hinaus jede Ortsveränderung in Frage
gestellt:
"Disappear
and reappear at another place again. Disappear again
and reappear again at another place again. Or at the
same. Nothing to show not the same [...] In the same
place as when paced from wall to wall all places as
the same. Or in another. Nothing to show not another.
Where never. Rise and go in the same place as ever."
(ibid., p. 9f.)
Durch
eine Variation des Themas aus dem Seitensatz (vierter
Abschnitt) wird eine Aussicht auf das "Endenkönnen" angedeutet.
Die länger als gewohnt aussetzenden Geräusche und auch
die verlängerten Intervalle des Verschwindens und Wiederauftauchens
sind dem Protagonisten Anlaß für die Vermutung, ein Ende
wäre erreicht, das als eigentlich erhoffter Zustand mit
Geduld erwartet wird:
"Perhaps
thus the end. Unless no more than a mere lull [...]
Then all as before again. So again and again. And
patience till the one true end to time and grief and
self and second self his own." (ibid., p. 11)
Der
zweite Teil von Stirrings Still ist als Durchführung
angelegt. In diesem werden "die Themeneinheiten der Exposition
in ihre motivischen Elemente zerlegt, modulierend verarbeitet,
mit Hilfe kontrapunktischer Techniken [...] umgeformt,
verschieden angeordnet und dadurch in neue Beziehung zueinander
gestellt" (Brockhaus Riemann Musiklexikon, p. I/350f.).
Das eigentliche Hauptereignis des zweiten Teils - der
Wechsel des Schauplatzes, nachdem sich der Protagonist
in "the outer world" (Stirrings Still, p. 13) wiederfindet
-, bringt kein neues thematisches Material. Es eröffnet
sich hierdurch lediglich ein neuer Raum, in dem gleichgeartete
Reflexionen des Protagonisten stattfinden können. Diese
betreffen erneut die Geräusche ("strokes" und "cries")
sowie die - nun neue - Umgebung, "a field of grass".
Als kontrapunktische Variation tritt nun allerdings ein
Gedanke hinzu, der sich durch die gesamte Durchführung
zieht; es ist der einer wachsenden Beunruhigung des Protaganisten.
Ausgelöst wird diese durch sein schließliches Auftreten
in der Außenwelt und erfährt mit allen ihm zuteil werdenden
Wahrnehmungen Steigerungen. Beruhigt ihn zunächst das
auch in der Außenwelt vernehmbare Schlagen der Uhr, wird
es jedoch bald zu einer Quelle der Unruhe, "as being no
clearer now than when in principle muffled by his four
walls" (ibid., p. 14). Gleichartig ist die Empfindung,
die von den Schreien ausgelöst wird. Auch durch das Nachdenken
über die Herkunft beider Geräusche vergrößert sich die
Unruhe des Protagonisten:
"Of
the sole other sound that of cries enlivener of his
solitude as lost to suffering he sat at his table
head on hands the same was true. Of their whenceabouts
that is of clock and cries the same was true that
is no more to be determined now than as was only natural
then." (ibid., p. 14f.)
Weitere
Verwirrung bringt "his soundless tread as when barefood
he trod his floor" (ibid., p. 14) und
auch die Größe des Grasfeldes sowie dessen Farbe. Die
Neuordnung des thematischen Materials in der Durchführung
orientiert sich an zwei Gedanken, die - gleich einem Echo
- in jeweils wiederkehrenden, gleichartigen Satzstrukturen
diesen Teil durchziehen.
Einmal sind es die fehlschlagenden Versuche, vermittels
der Vorstellung und des Gedächtnisses Hilfe für die geistige
Bewältigung seiner Situation zu finden:
"Then
he sought help in the thought of one hastening westward
at sundown to obtain a better view of Venus and found
it of none." (ibid., p. 14)
"[...]
he sought help in the sought that his memory of indoors
was perhaps at fault and found it if none." (ibid.,
p. 15)
"Then
he sought help in the though that his memory of outdoors
was perhaps at fault and found it of none." (ibid.,
p. 18)
Desweiteren
wird eine Reihe von Sinnestätigkeiten dargestellt, über
die der Protagonist schließlich - quasi als ein Ergeben
in das "Unaufhörliche" - eine Beruhigung erreicht. Dazu
geht er, was Gehör und Augen anbelangt, zunächst von aktiver
zu passiver Wahrnehmung über, um dann zuletzt ganz auf
jegliche Aufnahme der Außenwelt zu verzichten und nach
einer Lösung allein in seinem Denken zu suchen:
"So
all ears from bad to worse till in the end he ceased
if not to hear to listen and set out to look about
him." (ibid., p. 15)
"So
all eyes from bad to worse he ceased if not to see
to look (about him or more closely) and set out to
take thought." (ibid., p. 18)
Da
sich auch im Denken kein Erfolg einstellt, findet sich
der Protagonist mit der Undurchdringlichkeit dieser Geheimnisse
ab und läßt sie als solche gelten. Damit erspart er sich
- zunächst - die geistigen Turbulenzen, unter denen bereits
die Titelgestalt in Becketts Roman Watt auf der
Suche nach der Bedeutung eines erlebten Vorgangs leidet:
"But
soon weary of vainly delving in those remains he moved
on through the long hoar grass resigned to not knowing
[...]" (ibid., p. 19)
So
schließt dieser Teil, der den Protagonisten inmitten der
abwechselnd schwachen und dann wieder deutlichen Geräusche
zeigt, mit der einzigen Wünschbarkeit eines Wesens in
dieser Situation: nach einem Ende und dem Bedauern darüber,
daß es ausbleibt:
"Unknowing
and what is more no wish to know nor indeed any wish
of any kind nor therefore any sorrow save that he
would have wished the strokes to cease and the cries
for good and was sorry that they did not." (ibid.)
In
der Sonatenhauptsatzform schließt sich der Durchführung
eine Reprise an. Diese ist, obzwar modifiziert, im wesentlichen
eine Wiederholung der Exposition:
"Hat
die Komposition sich im Verlauf der Durchführung als
ständig Werdendes und Wachsendes dargestellt, so setzt
die Reprise diesem Prozeß ein abruptes Ende. Sie nimmt
den Stand der Entwicklung zurück und präsentiert den
Anfang unverändert, so, als sei inzwischen nichts
geschehen." (Petri, p. 49)
In
diesem Zusammenhang wird Becketts Auffassung von den Fähigkeiten
und den Aufgaben der Kunst deutlich, wie sie sein Gesamtwerk
durchzieht: Alles, was den Eindruck erwecken könnte, eine
nochmalige Erfahrung gleicher Qualität sei dem Aufnehmenden
möglich, wird abgelehnt. Dafür wird ein Darstellungsprinzip
favorisiert, das vielmehr den Prozeß anstelle eines statischen
Ergebnisses gestaltet.
Die Reprise nun, ein "statisches, reaktionäres Element",
konstatiert zum einen eine Wiederholbarkeit:
"Heraklits
Satz, daß es unmöglich sei, zweimal in denselben Fluß
zu steigen, wird von der Reprise für den Sonatenverlauf
aufgehoben." (ibid.)
Zum
anderen stellt die Reprise eine eigentliche Zusammenfassung
von gewonnenem Wissen dar. Feststehendes, sicheres Wissen
ist nach Becketts Auffassung jedoch, wie er es mehrfach
in seinen kunsttheoretischen Schriften betont und wie
es auch als Kompositionsprinzip in seiner Kunst offenbar
wird, nicht erreichbar, da Erkenntnisse stets neu zu gewinnen
seien und darüber hinaus auch nicht durch Fixierung gleich
welcher Art zu vermitteln wären.
Aus diesem Grund folgt auf die Durchführung der dritte
Teil des Textes als Coda, der wiederum eng an das
musikalische Vorbild angelehnt ist. Die Coda erscheint
"als eine Art zweiter Durchführung mit starken modulatorischen
Ausweichungen" und "verleiht einer Komposition besondere
Schlußwirkung z. B. durch epilogartiges Ausklingen oder
im Sinne einer Stretta" (Brockhaus Riemann Musiklexikon,
p. I/261).
Letzteres Gestaltungsmerkmal, die Stretta, die durch Beschleunigung
und Verdichtung der Stimmführung charakterisiert ist,
wird von Beckett auf den dritten Teil des Textes angewandt.
Das zeigen die ersten sechs stark verdichteten Sätze dieses
Teils, deren Syntax an den Stil von Comment c'est
erinnert. Der hier verwendete Satzbau ist zugleich sprachliche
Parabel für das Gedankengewirr des Protagonisten ("the
hubbub in his mind") - ein Beispiel für den Stil der "direct
expression".
Mit diesem Teil wird einmal mehr deutlich, wie sehr Becketts
Texte des gesprochenen Vortrags bedürfen, um neben einer
Sinngliederung auch den Klang der Worte für das Gesamterleben
produktiv werden zu lassen. Verwoben werden hier die Themen
der Exposition (akustische und optische Wahrnehmung) mit
den Elementen der Durchführung (Vordringen in einen anderen
Bereich und Sehnsucht nach einem Ende).
Hatte
sich der Protagonist am Ende des zweiten Teils so weit
in den unbekannten Bereich hineinbewegt, daß er weder
einen Ausweg wußte noch seine Position bestimmen konnte
("[...] he moved on through the long hoar grass resigned
to not knowing where he was or how he got there or where
he was going or how to get back to whence he knew not
where he came." [Stirrings Still, p. 19]), befindet
er sich nun reglos an einer Stelle, um im Geiste zu versuchen,
Klarheit über seine Situation zu erlangen und die Alternativen
weiteren Vorgehens abzuwägen. An seine Ohren dringt lediglich
ein unverständliches Wort aus seinem Inneren ("[...] to
his ears from deep within [...] a word he could not catch
[...]" [ibid., p. 20]).
Dieses
fehlende Wort ("missing word") erscheint gleich der wahrgenommenen
Umgebung, die der Protagonist wiederzuerkennen meint ("[...]
having once found himself in such a place" [ibid.,
p. 21]) als eine verschüttete Erinnerung, in die vorzudringen
Schlüssel dieser Situation wäre, obwohl ein viermal wiederkehrendes
"where never till then" (ibid., p. 19 et passim) Einmaligkeit
suggeriert.
Aufgrund der nicht zurückzugewinnenden Erinnerung bleiben
auch die Zweifel über das von hier aus zu Beginnende erhalten:
"Was
he then now to press on regardless now in one direction
and now in another or on the other hand stir no more
as the case might be that is as that missing word
might be which if to warn such as sad or bad for example
then of course in spite of all the one and if the
reverse then of course the other that is stir no more."
(ibid., p. 21f.)
Diese
Unentschiedenheit schließlich mündet ein, gleichwohl erdrückt
von der Last des Seins, des langsamen, schier unendlichen
Endens, in dem in einem einzigen Seufzer zusammengefaßten
Wunsch:
"Oh
all to end." (ibid., p. 22)
Leitmotive
Bereits
eine frühe Untersuchung der Literatur Becketts, Hugh Kenners
Critical Study von 1961, konstatiert einen elementaren
inneren Zusammenhang aller - bis dahin erschienener -
Werke des Autors (Kenner, p. 201f.). Einerseits,
so für Kenner, ist es möglich, jedes neue Werk als eine
inhaltliche Fortsetzung des vorangegangenen zu
lesen. Dieses mag bis zum 1960 entstandenen Roman Comment
c'est vertretbar sein, der als Abschluß dieser von
Kenner betrachteten Reihe von Romanen und Erzählungen
steht. Die sich hier anschließenden epischen Werke Becketts
gestatten allerdings nicht mehr ihre Einordnung in einen
derart umrissenen Kontext. Bei diesen ist andererseits
eher der Eindruck zu gewinnen, sie betrachteten, jedes
für sich, einen anderen Aspekt eines stets beibehaltenen
und nur wenig variierten Themenkreises - was als übergeordnetes
Prinzip gleichfalls für die von Kenner als chronologische
Reihe interpretierten Texte gelten kann. Die auffällige
innere Zusammengehörigkeit der einzelnen Arbeiten in Becketts
Oeuvre wird durch immer wieder verwendete Symbole, Metaphern
etc. unterstrichen, die, den Leser gleichsam durch das
Gesamtwerk "leitend", den Charakter von Leitmotiven tragen.
Dem
Leitmotiv kommt in Becketts Kunst eine besondere Funktion
zu. Erschließt sich in der Musik die dem Leitmotiv innewohnende
Bedeutung erst in Vollkommenheit aus dem Zusammenhang
seiner ursprünglicher Verwendung, bedarf es dieser Voraussetzung
in der Literatur nicht.
Im
Sprachkunstwerk ist das Leitmotiv in erster Linie ein
komplexer Bedeutungsträger von sowohl allgemeiner
als auch von der Persönlichkeit und Ästhetik des Autors
determinierter Symbolik. Der Einsatz des Leitmotivs in
der Literatur gestattet es, dessen latente Welt
in einem Zusammenhang zu aktualisieren und in diesem produktiv
werden zu lassen, mithin die Rezeptionsleistung in eine
gewünschte Richtung zu lenken, ohne daß jene Welt, für
die das Leitmotiv steht, ausdrücklich werden muß.
"[Das Leitmotiv] ist keine mechanische
Wiederholung, sondern erschließt bei jedem Wiedererklingen
den inneren symbolischen Zusammenhang einer neuen
Erscheinung mit dem Ganzen. Daraus entsteht eine Kunst,
die das ganze Werk mit Chiffren versieht, die alle
aufeinander hindeuten, sich gegenseitig verdeutlichen
und die Beschreibung ersetzen." (Wildenstein; zitiert
in: Inboden, p. 92)
Ein
vollständiges Erfassen der potentiellen Tragweite des
einzelnen Leitmotivs ist jedoch erst dann möglich, werden
die verschiedenen Erscheinungsweisen im Gesamtwerk in
Beziehung zueinander gesetzt. Einen weiteren Aspekt erwähnt
Thomas Mann in bezug auf seinen Roman Der Zauberberg.
Danach dienten Leitmotive im Lebenswerk eines Autors "dem
Versuche [...], Einheit zu schaffen, Einheit fühlbar zu
machen und das Ganze im Einzelwerk gegenqärtig zu
halten" (Mann, p. XI/603).
Es gibt wenige Autoren, die gleich Beckett bestrebt waren,
die Gestaltung ihrer Grundthematik in den einzelnen Werken
gleichsam monolithisch im Gesamtwerk erscheinen zu lassen.
Nicht nur deutliches Streben nach Konkordanz zielt darauf
hin, sondern auch und gerade das Schaffen eines "Universums",
in dem jedes Werk "Fragment eines größeren Ganzen ist,
des Lebenswerkes, ja des Lebens und der Person selbst"
(ibid.).
Schließlich ist gerade in Becketts Ästhetik ein weiterer
Zusammenhang relevant, in dem die Anwendung von Leitmotiven
bedeutsam erscheint. Dadurch, daß nicht nur frühere und
spätere Werke zu einer Einheit verschmelzen, sondern daß
das Leitmotiv "die vor- und zurückdeutende magische Formel
ist, seiner [des Lebenswerkes] inneren Gesamtheit in jedem
Augenblick Präsenz zu verleihen" (ibid.), gelingt
es einmal mehr, die Zeit zu überwinden, aus dieser
zu fliehen.
Horst
Petri unterscheidet zwei Gruppen von Leitmotiven in der
Literatur:
-
Zum
einen sind es "ständig wiederkehrende Situationen,
Stimmungen (z. B. Gewitter, Schwüle, Regen usw.) oder
Personen, die keine andere Funktion haben, als den
Leser auf bestimmte Momente der Handlung aufmerksam
zu machen" (Petri,
p.58).
In der Rezeption sind diese als Elemente zu sehen,
die Aspekte der Handlung unterstreichen, Ahnungen
hervorrufen oder auch zur vorausschauenden Klärung
von Handlungstendenzen beitragen. Bei dieser Art Leitmotiv
geht dessen "eidetischer Sinn unmittelbar aus der
sprachlichen Bedeutung" (ibid., p. 59).hervor.
-
Zum
anderen sind es Leitmotive, die sich nicht allein
aus der "unmittelbaren Begriffswelt der Sprache [ergeben],
sondern aus einer zweiten, willkürlich geschaffenen
und damit mittelbaren Aussageschicht, die nur dem
Leser verständlich ist, der den Schlüssel dazu in
den Händen hat" (ibid.). Diese "zweite, verschlüsselte
Aussageschicht" (ibid., p. 61) bildet gleichzeitig
eine "Klammer", die den inneren Zusammenhalt einer
vom Autor in seinem Werk geschaffenen, untereinander
in Beziehung stehenden Begriffswelt gewährleistet.
In
bezug auf Becketts Werk läßt sich das Wirken einer dritten
Art des Leitmotivs nachweisen. Dieses besteht aus Elementen,
die - für sich genommen - durchaus hinreichend verständlich
sind. Dadurch jedoch, daß die Begriffe und Situationen,
aus denen das jeweilige Leitmotiv besteht, verschiedentlich
im Gesamtwerk Verwendung finden, ermöglicht die Kenntnis
der übrigen Zusammenhänge, in denen es steht, eine weiterdeutende
Interpretation der aktuellen Stelle. Diese Gruppe der
Leitmotive gleicht mithin Variablen, die durch
das Ersetzen mit der vollständigen Situation, für die
sie stehen bzw. in der sie bereits verwendet wurden, einen
tieferen Einblick in den Kontext ermöglichen, als es ohne
die zu erinnernde Situation gegeben wäre.
Ein
solches Leitmotiv in Becketts Gesamtwerk ist beispielsweise
der Begriff "eyes". Der Bedeutungsgehalt des Motivs wird
wohl am umfangreichsten in Krapp's Last Tape entwickelt.
Der 39jährige Krapp spricht auf dem Tonband seines gerade
beendeten Lebensjahres zunächst zweimal von Frauen, an
die ihm lediglich eine Erinnerung über den Eindruck lebendig
geblieben ist, den ihre Augen hinterlassen haben:
"Not
much about her, apart from a tribute to her eyes.
Very warm. I suddenly saw them again. [Pause.]
Incomparable!" (Krapp's last tape; in: Collected
Shorter Plays, p. 58)
"The
face she had! The eyes! Like ... [hesitates]
... chrysolite!" (ibid., p. 60)
In der hierauf folgenden Stelle dann, die
sich der alte, 69jährige Krapp zweimal anhört, wird die
Symbolik des Auges als ein einzigartiger Zugang zu einem
anderen Menschen, über den der persönliche Bannkreis durchbrochen,
das "Für-sich-sein" überwunden werden kann, fixiert:
"I
asked her to look at me and after a few moments -
[Pause.] - after a few moments she did, but the eyes
just slits, because of the glare. I bent over her
to get them in the shadow and they opened. [Pause.
Low.] Let me in." (ibid., p. 61)
Demgegenüber
betonen geschlossenen Augen oder ein nicht erwiderter
Blick Isolation, unterstreichen das Scheitern sozialer
und zwischenmenschlicher Beziehungen. So schließt Krapp
zum Beispiel seine Augen als er sich die Dinge vorzustellen
versucht, die seinen endgültigen "Farewell to love", seinen
Rückzug aus sozialen Kontakten rechtfertigen sollen:
"Sat
before the fire with closed eyes, separating the grain
from the husk." (ibid., p. 57)
In
seinem neunundsechzigsten Lebensjahr spricht er davon,
daß er "scalded the eyes out of me" (ibid.,
p. 62), als er wieder einmal Effi Briest las - die
unerfüllte Sehnsucht korrespondiert hier mit den vergebens
suchenden Augen. Die Blindheit verschiedener Protagonisten
im Werk Becketts, so Hamms (Endgame) und Mr. Rooneys
(All That Fall) symbolisiert gleichfalls Isolation,
unterstreicht deren Unnahbarkeit gegenüber anderen Personen.
Besonders deutlich wird scheiternder persönlicher Kontakt
über das Motiv nicht zustande kommender Blickverbindung
in Murphy dargestellt. Nach seinem Schachspiel
mit Mr. Endon kniete Murphy neben dessen Bett nieder,
"took Mr Endon's head in his hands and brought the eyes
to bear on his, or rather his on them, across a narrow
gulf of air, the merest hand's-breadth of air" (Murphy,
p. 139). Trotz der ungewöhnlichen Vertrautheit, die
offensichtlich zwischen dem Patienten und seinem Pfleger
besteht - die Insassen des Magdalen Mental Mercyseat erscheinen
als Murphys wahre Verwandte im Geist - und auch der oben
beschriebenen Nähe der Augen beider, gelingt es Murphy
nicht, über einen erwiderten Blick auch eine persönliche
Nähe zu Mr. Endon herzustellen:
"The
relation between Mr Murphy and Mr Endon could not
have been better summed up by the former's sorrow
at seeing himself in the latter's immunity from seeing
anything but himself." (ibid., p. 140)
In
Rockaby, dessen Thema die jahrelange Isolation
einer Person ist, wird als Metapher gleichfalls ein ausbleibendes
Begegnen von Blicken verwandt:
"all
eyes
all sides
high and low
for another another like herself
another creature like herself
a little like
going to and fro" (Rockeby; in: Collected Shorter
Plays, p. 275 et passim)
"facing
other windows
other only windows
all blinds down
never one up
hers alone up" (ibid., p. 278)
Verstärkt
wird dieses Bild durch das Rollo am Fenster, das solange
geöffnet ist, wie der Blick der Frau hinter den ihrem
gegenüberliegenden Fenstern nach "another living soul"
(ibid., p. 276 et passim) Ausschau
hält, die so wäre wie sie. Als sie die Hoffnung aufgibt,
daß ihre Einsamkeit durch die Begegnung mit einem anderen,
ebenso einsamen Wesen enden könnte, schließt sie das Rollo,
um dann, wie schon vorher ihre Mutter in einem Wippstuhl
im Keller zu sterben. (Nebenbei: Das Schließen des Rollos
hat wiederum Leitmotivcharakter. Es symbolisierte bereits
in Krapp's Last Tape den Tod eines Menschen und
wird hier sinnbildlich erneut verwandt um einerseits das
Sterben und andererseits das Zurücklassen einer Welt zu
repräsentieren.)
Die in den vier Teilen des Stückes immer mehr abnehmende
Wahrscheinlichkeit, einen Ausweg aus der Isolation finden
zu können, korrespondiert mit den Bewegungen der Augen,
für die es in der Regieanweisung heißt:
"Eyes:
Now closed, now open in unblinking gaze. About equal
proportions section 1, increasingly closed 2 and 3,
closed foor good halfway through 4." (ibid., p.
273)
Das
in Stirrings Still wieder aufgenommene "all eyes"
(Stirrings Still, p. 18) ist freilich in seinem
Kontext zunächst Ausdruck für die Suche nach einem Ausweg
aus der beängstigenden Situation des in der unbekannten
Außenwelt orientierungslosen Protagonisten. Gleichzeitig
schwingt jedoch mit diesem Motiv und den daran geknüpften
Erinnerungen ein Gefühl von trostloser Einsamkeit und
Isolation, von fehlendem menschlichem Beistand.
Eine engere Verbindung von Stirrings Still besteht
mit dem 1981 entstandenen Ohio Impromptu. Becketts
späterer Text mag sogar als dessen mögliche Fortsetzung
gelesen werden. Daß in Stirrings Still nur
ein Mann am Tisch sitzt, spricht nicht dagegen; denn in
Ohio Impromptu gibt es den direkten Hinweis auf
die Einheit beider Personen:
"With
never a word exchanged they grew to be as one."
(Ohio Impromptu; in: Collected shorter plays, p.
287)
Die
Ausgangssituation sieht einen alten, alleingelassenen
(verwitweten) Mann am Tisch sitzen, der mit seinem alter
ego Zwiesprache hält. Leitmotivisch ist das Sitzen
des Protagonisten an einem Tisch und dessen offenkundiges
Nachdenken über vergangene Zeiten. Das ist in Ohio
Impromptu bereits mit einem ähnlichen Satz, wie er
auch mehrfach in Stirrings Still verwendet wird,
beschrieben:
"One
night as he sat trembling head in hands [...]" (ibid.)
Auch
in dem älteren Text findet die Polarität des Wortpaares
"appeare" und "disappeare" Verwendung und das Interieur
wird als Ensemble gleicher sparsamer Requisiten umrissen,
wie es der erste Teil von Stirrings Still aufweist:
ein Tisch und ein Fenster, das ein gleichfalls unbestimmtes
Licht einfallen läßt.
Die
Arbeit mit den Leitmotiven ist wie das oben bereits angesprochene
Streben Becketts nach einer Konkordanz in seinem Gesamtwerk
- beides steht überhaupt in einem engen Zusammenhang -
darauf gerichtet, eine innere Geschlossenheit des Oeuvres
herzustellen. Begriffe, Motive, Themen und Themenkomplexe
verweisen aufeinander und vermögen sich gegenseitig zu
erhellen. In einzelnen Werken unklar gebliebene Stellen
erschließen sich häufig durch die Kenntnis anderer Werke,
in denen gleiche Themen unter einem anderen Gesichtspunkt
betrachtet werden. Das Universum Becketts ist zwar, wie
H. Kenner schreibt, "permeated by mystery and bounded
by darkness", dem Rezipienten stünde indes frei, "to note
recurrences, cherish symmetries, and seek [...] means
of placating the hidden powers: more for our own comfort
than for theirs" (Kenner, p. 10).
Das
Beckett-Universum
Von
der Beckett-Literatur ist bereits sehr früh die enge Verflochtenheit
der einzelnen Texte des Autors erkannt und in den Untersuchungen
berücksichtigt worden. So spricht Hugh Kenner 1961 von
"the Beckett universe" und Eva Hesse beschreibt in einem
"Versuch einer Koordinierung" die Welt des Samuel Beckett
(1961), in der "verwandte Motive, Bilder und Anspielungen
sie [diese Welt - L. B.] als ein roter Faden durchziehen,
wobei sie aus dem veränderten Zusammenhang jeweils eine
zusätzliche Bedeutung, vor allem jedoch eine wachsende
Bestimmtheit erlangen":
"Offensichtlich
geht die Absicht des Autors dahin, mit der durchlaufenden
Verknüpfung der Motive seine verschiedenen Arbeiten
als integrale Teile eines durchdachten und koordinierten
Kunstwerks auszuweisen, und tatsächlich spielt er
in den Romanen wiederholt auf seine früheren Publikationen
und Gestalten an." (Hesse, p. 246f.)
Auch
in den achtundzwanzig Jahren, nachdem diese Feststellung
getroffen wurde, hat sie ihre Gültigkeit behalten; jeder
neue Text bis hin zum 1990 posthum erschienenen What
is the word hat jene Aussage bestätigt. Auch diese,
die bislang letzte bekannt gewordene Arbeit des Autors,
behandelt das Thema einer sich der sprachlichen Fixierung
entziehenden Welt und deren scheiternder Wahrnehmung durch
ein in Nuancen abgestuftes Sehen:
"see
-
glimpse -
seem to glimpse -
need to seem to glimpse -
folly for to need to seem to glimpse -" (What is
the word, in: As the story was told, p. 132)
Wieder
stellt, selbst in diesem kurzen Text von 180 Wörtern,
eine Wortkombination die Verbindung zu einer anderen Arbeit
- dem What Where von 1983 - her und aktualisiert
die Aussage dieses Stückes für den hier gegebenen Zusammenhang,
in dem sie gleich einer Variablen steht:
"folly
for to need to seem to glimpse what where -" (ibid.,
p. 133)
Diese
Technik brachte auch die Möglichkeit und die Berechtigung
mit sich, die späteren Texte immer kürzer werden zu lassen,
unter anderem wohl auch, da sie jeweils die vorangegangenen
- vermittels jener Variablen, von Leitmotiven, eines übergreifenden
Themenkreises - in sich aufgenommen haben und sie nun
weiterführen. Das einzelne Werk wird belebt durch eine
höchst produktive Spannung zwischen den in der Darstellung
wirkenden Motiven und dem Universum der Beckettschen Kunst,
das hinter diesen Motiven steht und auf das sie gleich
Stichworten verweisen.
Hierin
besteht auch das Besondere im Charakter des Beckettschen
Oeuvres, das eine diesem angepaßte Rezeption fordert.
Die Syntax, in der die Interpunktion immer sparsamer verwendet
wird, eine rhythmische Gliederung in Sinngruppen und die
zunehmend nominale Ausdrucksweise läßt ein rasches Überlesen
des Textes unmöglich werden. Damit wird eine größmögliche
Aufmerksamkeit des Rezipienten quasi erzwungen, die dessen
Blick für die Nuancen in der Darstellung öffnen kann.
Weiterhin dienen Elemente des Textes dieser zu gewinnenden
Aufmerksamkeit, die sich an den akustischen (durch Rhythmus,
Satz- und Wortmelodie, im Text beschriebene Geräusche
etc.) und den optischen (durch die variantenreiche Beschreibung
von Umgebungen und Personen, Farb- und Lichtwirkungen
etc.) Sinn des Aufnehmenden wenden.
Die Themen Becketts, die Grund- bzw. Schlüsselsituationen
des menschlichen Daseins wie Warten, Suchen, Lernen, Bewegen,
Sterben etc. betreffen, nehmen direkt auf den persönlichen
Erfahrungsbereich des Rezipenten Bezug. Die Darstellung
dieser Themen, die geeignet ist, ein aktives Mitwirken,
ein Einbringen von Erinnerungen, Gefühlen und Erkenntnisen
anzuregen, vermag diesem die Ahnung eines Eingebundenseins
in eine alles umfassende Einheit zu vermitteln.
[zuerst
veröffentlicht in Samuel Beckett's Epik in ihrer
Tendenz zum Gesamtkunstwerk, Dissertation, Leipzig,
1990; überarbeitete Fassung © L. Baseler 2000]
Literatur
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Mallarmé
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Metzler 1978 |
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Über
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| Kenner,
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Beckett. A Critical Study, University of California
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| Larner,
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Reflections
on Musical Form in "King Lear", Manuskript eines
am 20. April 1990 bei den Shakespeare-Tagen in Weimar
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| Mann,
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Gesammelte
Werke in dreizehn Bänden, Deutscher Bücherbund
Stuttgart, 1977 |
| Petri,
Horst |
Literatur
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1964 |
| Schopenhauer,
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Sämtliche
Werke, Frankfurt am Main, Suhrkamp, 1986 |