Ludwig
Schumann
Hilbigs
Nachlaß
10
Postkarten mit Vorgeschichte
Er
war froh, daß ihn hier niemand kannte. Sie alle dachten,
er sei ein ehrbarer Mann. Einer, der es sich eben leisten
kann, eine Kreuzfahrt zu bezahlen und Seeluft zu schnuppern.
Es war Hilbig angenehm, daß er einmal aus seiner in eine
gänzlich andere Rolle, nämlich die des erfolgreichen Mittelständlers,
schlüpfen konnte.
Wer
hätte auch wissen können, daß er sich den Smoking, der
zum Abendessen in der Messe gefordert war, in der Pfandleihe
geborgt hatte. Er kannte den Chef des Pfandleihhauses
und der wiederum wußte, daß der Besitzer des Smokings
nicht vor vier Wochen würde auslösen können, es sei denn,
es passierte ein Wunder. Aber wann passiert einem Spieler
schon mal ein Wunder? Hilbig, also der, von dem alle glaubten,
daß er ein ehrbarer Mensch sei, zumindest hier auf dem
Schiff glaubten sie das, Hilbig hätte sich nicht einmal
den Smoking leihen können. Mit kühlem Kopf hatte er die
Reise gebucht. Dreitausendvierhundertsechsundsiebzig Euro.
Für vierzehn Tage. Ansonsten lebte er davon ein Jahr.
Mindestens. Aber ehe das Finanzamt den Irrtum bemerkte,
er hatte aus heiterem Himmel eine Steuerrückzahlung über
dreitausendvierhundertsechsundsiebzig Euro erhalten, und
gerade, als er den Schein des Finanzamtes auf den Tisch
legte, fiel sein Blick auf die Werbepost und mithin auf
die Offerte der "Titania", des größten Kreuzfahrtschiffes
der Welt, und da stand die Reise: Schnäppchen: Drei Wochen
Kreuzfahrt in aller Welt für nur dreitausendvierhundersechsundsiebzig
Euro. Mit der heißesten Bordkapelle der Welt, den "Dear
Old Titania Stompers", die aus einem etwas lange über
die Meere gefahrenen und dabei heruntergekommenen Gitarrenspielers
zigeunerhaften Aussehens und mehreren adretten Damen,
die dem musizierenden Musikständer Form, Melodie und Rhythmus
gaben, bestanden und so im Prospekt ordentlich herausgestellt
waren.
Hilbig
hatte erst ungläubig auf den Finanzamtsbrief und dann
auf die Offerte geschaut und schließlich seinen Entschluß
gefaßt. Und schon war er damals zur Bäckerin gelaufen,
im Laden, unten im Haus. Sie ließ ihn, wie immer, telefonieren.
Seine Telefonleitung hatte die Telekom seinerzeit still
gelegt. "Ich hätte nicht gedacht", hatte er damals zur
Bäckerin zu sagen, "daß die Telekom in solcher Weise rücksichtsvoll
agieren kann. Sie müssen wissen, daß ein Poet die Stille
braucht, aus der er schöpfen kann. Sie haben die Leitung
einfach abgeklemmt und seither können mich, beispielsweise,
meine Schuldner nicht mehr erreichen. Sehr praktisch,
diese Telekom. " Die Bäckerin sagte, wie immer, "Jaja,
Hilbig, erstaunlich, wie sie alle Rücksicht nehmen. Kommt
eigentlich auch niemand mehr zu dir." Hilbig nickte. "Keiner
mehr." echote er. "Bärbel", sagte er dann, "Bärbel, ich
mache eine Kreuzfahrt." Er strahlte über das ganze Gesicht.
Bärbel tippte sich an die Stirn, "Kreuzfahrt? Du? Die
brauchen keine Heizer mehr. Und als Matrose gehst du auch
nicht durch. Da siehst du viel zu europäisch aus." Hilbig
ließ sich nicht beirren und buchte auf der Titania.
Das
Schiff enttäuschte Hilbig nicht. Es machte seinem Namen
Ehre. Es ging unter. Wie auf dem großen Vorbild spielte
die Band bis zum Abrauschen des Schiffes in die Tiefe.
Der einzige, wirklich der Einzige, der mit dem Leben davonkam,
war Hilbig. Als er wieder aufwachte, befand er sich am
Strand einer sonnenüberschienenen kleinen Insel, auf der
man genau 47, 53 Meter zurücklegen mußte, um vom Nordstrand
zum Südstrand zu gelangen. Eine kleine amerikanische Flagge
wehte an einem Masten, der als einziges Inselmobiliar
in den Boden gerammt war. Dream Island stand quer über
dem Mast, am Schluß mit Slash versehen und, daß es auch
der Dümmste weiß, wem das Eiland denn nun wirklich gehörte,
stand hinter dem Slash USA. Ach, und noch etwas sahen
Hilbigs erstaunte Augen: Mitten auf der Insel lag ein
kleines, silbernes Kästchen mit einem goldenen Vorhängeschloß
ohne Schlüssel. Auf dem silbernen Deckel, das hatte er
der gleißenden Sonne wegen vorher nicht sehen können,
stand als Gravur das kleine Wörtchen "Amo". Hilbig sah
sich spontan als Siebenkläßler im Lateinunterricht: Amo,
amas, amat... Ich liebe, du liebst, er, sie, es liebt...
amamus... wir lieben... Liebesbriefe auf einer einsamen
Insel, was ein Glück." Hilbig nahm einen Stein und schlug
dem Silberding quer über die Gravur. Zunächst erklang
nicht mehr als ein Ton. Noch ein Ton. Eher ein Mißton.
Dann öffnete sich der Kasten. Auf seinem Grund lagen zehn
Postkarten mit einer seltsamen Fotografie. Ein langer
Flur war darauf zu sehen, mit einer Tür am Ende des Ganges.
"Scheiße", dachte Hilbig, "wäre es doch wenigstens ein
Buch gewesen." Aber kaum hatte er daran gedacht, schlief
er bereits ein...
Jahre
später erhielt die Bäckerin ein Päckchen mit einem ramponierten
silbernen Kästchen, deren ramponierte Gravur das Wörtchen
Mu zu enthalten schien, was die Bäckerin auf sich bezog.
Sie war, was eine Dame, mittleren Alters inzwischen, bei
dem Anblick dieser beiden Buchstaben empfand, empört.
Wer mag sich da einen Scherz auf ihre Kosten erlauben
wollen? Mich eine Kuh zu schelten. Empört warf sie die
Schachtel, ohne auch nur einmal hineinzublicken, in die
Mülltonne. Hätte sie doch nur einmal hineingeblickt, sie
hätte 10 beschriebene Postkarten lesen können, an sie
adressiert. Aufgefunden worden war das Kästchen mit den
Karten neben den skelettierten Resten eines unbekannten
Toten auf einer kleinen Insel, über dem an einem Masten
eine beinahe weiße, ausgeblichene Fahne wehte... Der Kapitän
eines amerikanischen Torpedobootes hatte hier haltmachen
lassen, um die Flagge zu wechseln und war dabei über die
kleine Schatulle gestolpert. Hilbig hatte sämtliche Postkarten
mit feiner Handschrift adressiert. So war es ein Leichtes,
die Post zuzustellen. Hätte die Bäckerin nur genauer hingesehen
und das Kästchen geöffnet, dann hätte sie gelesen, was
auf der Gravur wirklich stand: Amo statt Mu, also "Ich
liebe". Und hätte zur Belohnung alle die an sie gerichteten
Postkarten in der Hand halten können. Statt dessen landeten
sie im Müll. Schließlich hatte sie ihm ja schon zu Lebzeiten
nie zugehört, weshalb sollte sie ihren Hilbig jetzt lesen?
Die
1. Postkarte
Gegeben
im 13. Jahrhundert der Existenz unserer wunderbaren Stadt
Magdeburg
Meine
liebe Bäckerin, liebste Bärbel,
ich
sehne mich nach Magdeburg. Was für eine propere, pulsierende
Stadt. Welch Leben am Hassel, sogar Bomben gehen dort
hoch, wenn die Fußgänger gerade nicht da sind. Aber hier,
verstehst du, meine liebe Bäckerin, hier, auf dieser Insel
von etwa fünfzig Metern im Geviert, ist der Hund begraben.
Links Gischt, rechts Gischt, vorn und hinten auch. Ein
Schrei, meine Liebe, ein Schrei wäre hier so nutzlos wie
eine Lesung schönster Poesie in Magdeburg. Und doch, was
ist doch die Sehnsucht für eine große Kraft...
Dein
Hilbig, der Sehnsüchtige
Die
2. Postkarte
Gegeben
im 13. Jahrhundert der Existenz einer der letzten Städte
auf dieser Welt, die mit der Schließung der Volksbäder
die Tradition der proletarischen Eros-Center kappte
Meine
liebste Bäckerin, Inhaberin zweier wohlgerundeter Hokkaido-Kürbisse
unterhalb des Busenblattes deines Decolletés...
Ich
hasse Orte, an denen niemand seine Tage haben kann.
Hilbig,
etwas rattig
Die
3. Postkarte
Gegeben
im 13. Jahrhundert der Existenz des einzigen Ortes auf
dieser Welt, dem die dort lebenden Dichter bescheinigten,
daß, wolle man die Dichter ausrotten, man sie nach dieser
Stadt verbringen müsse
Meine
liebste Bäckerin, verehrte Bärbel,
hier
ist die selbe Öde wie in Magdeburg vor jeder Kirchentür.
Ich schreibe Liebesgedichte und lese sie meiner amerikanischen
Flagge vor. Sie knattert dann im Wind, als wollte sie
mich erschießen. Ich glaube, sie hasst Gedichte. Insofern
fühle ich mich auch bereits ein wenig heimisch. Dichterlos
ist Heimatlos. Und heimatlos zu sein ist das Los des Magdeburgers.
Dein Gehilbigter
Die
4. Postkarte
Gegeben
im 13. Jahrhundert der Existenz einer Stadt, die über
Jahrhunderte jegliche Bedeutung, die sie auch nur ahnte,
daß sie auf sie zukäme, sofort aufs Neue flugs verlor,
wie der flinke Vogel seine Scheiße.
Meine
liebstes Bärbele, alte Bäckersemmel,
wer
sein Unvermögen nicht vorzeigen kann, wird es nie zu etwas
bringen. Vogelkot fällt als eine natürliche Einrichtung
manchmal im Steilflug auf die Glatze eines Mannes und
seine Haare wachsen trotzdem nicht. Wir müssen uns auch
einmal über die Sünde unterhalten. Haben Heilige wenigstens
sich selbst befleckt?
Ratlos.
Dein Hilbi
Die
5. Postkarte
Gegeben
im 13. Jahrhundert der Existenz einer Stadt, die um Ottos
wegen Rom kopieren sollte, als wüsste die Welt auch nur
einen Weg, der in diese Stadt führen sollte...
Liebste
Bäckerin,
der
Sir Peter, der Ustinov also, bevor er starb, antwortete,
befragt, welches Buch er auf eine einsame Insel mitnehmen
wolle: "Keines, sondern Papier zum Schreiben." Wer solches
sagt, wird um das Sterben nicht herumkommen. Aber wenigstens
taugt die Karte für ein Gedicht:
wenn
der raum die wände verliert, stirbt die geborgenheit.
möglicherweise verlaufen sich auch die augen, die uns
überwachen. ganz gewiss jedoch findet der mund, der uns
küßte, den halt nicht mehr.
Hilbig,
irrdichternd...
Die
6. Postkarte
Gegeben
im 13. Jahrhundert der Existenz einer Stadt, in der einzig
das Vakuum auf Dauer seine Heimat fand...
Liebste
Bäckerin,
Es
ist ungnädig heiß auf diesem baumlosen Eiland. Ich wünschte
mir hier die Kunst des Magdeburger Deckelns, daß man die
Hitze nicht so erlebe. Sobald das Licht von irgendeiner
Existenz Kenntnis nimmt, kann man sie unter dem Deckel
auf ewig verbergen. Wie es die Stadt schaffte, den Eklat
im Dom vor aller Welt zu vertuschen, als die Saubilder
vom Weidenbach, dem Meisterschüler Willi Sittes, natürlich,
heimlich und gegen den Willen des Künstlers abgehängt
wurden. Ein deutscher Dom darf auch nach Barlach nur rein
bleiben und die Kunst wird ihn nicht beschmutzen. Am wenigsten
dieses ungesunde Gepinsel dieses malerischen Mösenpoeten.
Ich werde das auf dieser Insel auch einführen: Daß das
Volks sich nicht an der Kunst erhitze, wird die der Kultur
beigeordnet. So einfach lautet der Trick. Heil. Hilbig.
Die
7. Postkarte
Gegeben
im 13. Jahrhundert der Existenz einer Stadt, die seit
Beginn immer schon am Rand ihrer jeweiligen Existenz lebte,
damit sie ihre Mitte gar nicht erst finden müsse...
Mein
allerliebstes, edelheißes Bärbelkind,
nachts
träume ich von Plisseeröcken. Mädchen mit Tropfenfängern
zwischen den Beinen lesen sich gegenseitig meine Gedichte
vor, die ich über dich schrieb. Ich will nicht Hilbig
heißen, Liebste, wenn ich dich nicht über den Tresen lege,
sollte ich jemals wieder die Elbe wiedersehen. Manchmal
sehe ich Frauenwasser die Flaggenstange hinablaufen, als
wäre es ein Frauenbein... Ich muß mich mit Gewalt zum
Schlafen bringen. Verzeih.
Woher
kommen die Stimmen, all diese Stimmen in mir? Hilbig,
ja.
Die
8. Postkarte
Gegeben
im 13. Jahrhundert der Existenz einer Stadt... was für
einer Stadt eigentlich? Wer in Magdeburg eine Stadt sieht,
dem muß im Menschen das Göttliche begegnet sein, auf Augenhöhe!
Bäckerin,
du meine, liebes Bärbel, schönes Kind,
laß
es dir doch von 1-Euro-Kräften besorgen. Es heißt, sie
sind willig und wissen nicht, wohin mit ihrer Kraft.
Mir
versiegt sie im Sand auf dieser unseligen Insel.
Hilbig
mit gerissenen Lippen
Die
9. Postkarte
Gegeben
im 13. Jahrhundert der Existenz einer Stadt, deren erstes
Innovations- und Gründerzentrum eine Festung war
Bärbel!
Ich
träume davon, wie das Wasser dir wie Gemsen über Felsvorsprünge
über deinen Busen springt:
morgens
möchte ich dein wasser sein,
zart und wild werd ich dich umfließen.
sollt ich auch ein wenig nasser sein,
so will ich dich in dir genießen.
Nicht
nur Dichter waren hier eingesperrt. Wir brachten alles
hinter Gitter, was wir kriegen konnten. Meist kluge Leute.
Irgendwie muß man denen ja helfen, wenn sie drohen, sich
zu verzetteln. Die Karten gehen zu Ende, Liebste. Meine
Kraft auch. Hilbig
Die
10. Postkarte
Gegeben
im 13. Jahrhundert der Existenz einer Stadt, die am Ende
ihrer Geschichte plötzlich als Hauptstadt eines Landes
von Frühaufstehern gilt...
Schnuckelchen,
liebstes Bärbelein,
ich
habe mich immer gefragt, wohin dieser enge Gang, der Flur
sozusagen, den man auf diesen unseligen Postkarten sieht,
führt. Jetzt, wo es beinahe zu spät ist, durfte ich es
erfahren. Es ist der Weg ins Land der Frühaufsteher. Nur
er kann so beengend sein. Wenn dich die senile Bettflucht
antreibt, malst du dir zwangsläufig eine Tür an das Ende
eines jeden Ganges, in der Hoffnung, die Tür noch vor
der Katastrophe zu erreichen. Wenn nichts mehr hilft und
die Hoffnung mit dem Tode Kirschen essen gegangen ist,
dann, so denkt man, kann nur noch eine Frühauferstehung
die Not abwenden. Ach, was trügt der Schein doch übel.
Mir scheint, die Politiker haben nicht verstanden, daß
den Aufständigen die Beunruhigung ins Bett gelegt ist.
Ich werde wohl dahin sein, wenn die Revolution ausbricht.
Aber ich sehe sie noch das junge Haupt wieder schütteln.
Und wie ein Zeichen davon blaßt die merkwürdige Flagge
zu meinen Häupten aus. Sie ähnelt immer mehr dem Slip
einer fröhlich in die Inkontinenz gesprungenen forschen
Mittfünfzigerin.
Bäckerin,
Liebste, scheu den Frieden einer Stadt wie der Teufel
das Weihwasser!
Ich
hätte dir gern bei der Revolution geholfen. Hilbig. Die
Hand, die schrieb, sie fließt bereits auseinander...