Lutz
Baseler
Herbstmusik
(2)
IV
Er
war schon unterwegs, als ihm einfiel, daß er es versäumt
hatte nachzusehen, wie die dritte Strophe des Gedichtes
lautete. Noch immer waren es nur die ersten zwei Verse,
die in ihm klangen, ohne daß er sich besinnen konnte,
was diesen folgte. Auch nachdem er verschiedene Male die
ersten beiden Strophen sich vorgesprochen hatte, war es
ihm nicht möglich, die dritte anzuschließen. Zwar war
ihm eingefallen, daß der Titel des Gedichtes in dieser
letzten Strophe wiederkehrte und seine Auflösung fand,
doch half auch das ihm nicht weiter.
Der Hochschullehrer wohnte in einem Vorort; man mußte
mit der Straßenbahn fahren und von deren Endstelle mit
dem Bus, doch warteten an dessen Haltestelle derart viele
Menschen, daß er sich entschloß, den etwa einstündigen
Fußweg der Fahrt im überfüllten Bus vorzuziehen. Sein
Gepäck wog nicht schwer, und er lief gern durch natürliche
Landschaft. Der Weg, auf dem er ging, hielt sich parallel
zur Straße und führte zum Teil durch kleinere Waldstücken;
Mischwald, dessen Farben er in dieser Jahreszeit besonders
liebte. Das Licht der Sonne gab dem Laub die Kraft, in
all seinen Nuancen zu leuchten. Er freute sich, den Weg
zu Fuß zu gehen, entging er doch damit dem Gedränge, dem
Angestoßenwerden, der üblen Luft in dem Verkehrsmittel
und der Wahrscheinlichkeit, Zeuge von persönlichen Wortwechseln
werden zu müssen, die von Menschen bar jedes Feingefühls
in zum Mithören zwingender Lautstärke ausgetragen wurden.
Auch hier nun, auf diesem Wege, sprach er wieder und wieder
die in sein Gedächtnis zurückgekehrten Verse des Gedichtes,
ohne die noch fehlenden ergänzen zu können.
Er fand gleich das Haus des Dozenten. Eine sehr junge
Frau öffnete, bat ihn herein und führte ihn in ein Zimmer,
das, die lange, auf die Terrasse weisende Fensterfront
ließ es ahnen, wohl jenes war, in dem das Bild seinen
Platz finden sollte.
Die Begrüßung durch seinen Auftraggeber fiel erwartet
herzlich aus. Man hatte sich seit einem guten halben Jahr
nicht gesehen; nur zwei Briefe waren von beiden jeweils
gesendet und empfangen worden - gleichsam in der Überzeugung,
daß ihre Gedanken des persönlichen Gespräches bedurften.
Die junge Frau, die ihm geöffnet, wurde von dem Dozenten
als dessen Gattin vorgestellt; in einem selbstbewußten
Tone, als wolle er einen über jede kleinliche Bürgermoral
erhabenen Stolz ausdrücken. Dieser Stolz war es auch,
der ihm als bislang im Wesen des Dozenten noch nicht erkennbarer
Zug auffiel, als dieser ihm antrug, ihn durch sein renoviertes
Haus zu führen.
Als sie in das Zimmer, von dem aus sie die Besichtigung
begonnen, zurückgekehrt waren, bat ihn der Dozent, nun
sein Bild zu präsentieren. Er entnahm der Wand einen Kunstdruck,
der offenbar nur eine Platzhalterfunktion bis zum Eintreffen
des Auftragswerkes innehatte. Der Künstler hatte inzwischen
sein Gemälde aus der Umhüllung befreit und hängte es an
die Wand. Der Dozent, der währenddessen aus dem Fenster
gesehen hatte, wendete sich nun um.
Lange blickte dieser auf das Bild, ohne daß aus seinen
Zügen ein Urteil zu lesen war. Dann zeichnete sich um
den Mund des Dozenten ein Lächeln ab, das Freude und Genugtuung
spiegelte; schließlich sah er seinen Gast an und nickte
ihm wohlwollend zu:
Ein interessanter Aspekt dieser Geschichte, begann er,
und vor allem, das möchte ich mit Befriedigung feststellen,
scheint die Beschäftigung mit diesem Thema Ihnen den Horizont
erweitert zu haben. Ich betone das, weil es nicht die
Regel ist, junger Mann, daß es neben dem materiellen Produkt
des Schaffens noch einen ideellen für den Schöpfer gibt.
Letzterer scheint in diesem Falle in ihrer Erkenntnis
zu liegen, daß es etwas wie eine Notwendigkeit gibt, die,
gerade weil es eine Notwendigkeit ist, die Schönheit einer
Sache bedingt. Da ist eben kein Platz für ein Denken,
daß unter einem Zwang gehandelt wird und daß es auch vorkommen
kann, daß kurz vor der Ernte die Frucht auf dem Halme
vernichtet wird. In Ihrem Bild herrscht die begrüßenswerte
Überzeugung vom Sinn des Tätigseins schlechthin, ein Gesichtspunkt
in Ihrem Denken, den ich auf Ihrer Ausstellung noch vermißte.
Ja, Sie haben recht, lassen Sie die Gesichter der Babylonier
fröhlich sein; sie wollen sich doch einen Namen machen
- ist es ihnen nicht zuletzt auch durch diese Arbeit gelungen?
Niederlagen und Rückschläge gibt es allenthalben und gab
es zu allen Zeiten: hat die Erde deshalb irgendwann aufgehört,
sich zu drehen. Sie sehen, weshalb ich dieses Bild von
Ihnen schätze. Es ist das Große Trotzdem, das Sie dargestellt
haben, der eigentliche Triumph unserer Spezies, mit der
wir uns wahrhaft als die Krone der Schöpfung verstehen
dürfen: wir bewältigen unser Dasein aktiv; wir erkennen,
daß wir vor Alternativen gestellt sind und wählen! Da
ist nicht nur das Ertragen, das Dulden, die Abhängigkeit
- natürlich gibt es das alles auch - aber mindestens im
gleichen Maße gibt es die Auflehnung dagegen, gibt es
gerichtete Handlungen, mit denen wir die Umstände, unter
denen wir leben müssen, nach unserem Entwurf zu formen
versuchen, sooft wie auch Niederlagen und Rückschläge
zu erleiden haben. In Ihrem Werk gestalten Sie den großen
Gedanken der griechischen Tragödie: Der Zuwachs an Kraft,
die Lebenssteigerung aus dem Erlebnis der Niederlage;
denn die Tragödie ist ein Bekenntnis zum Leben, gerade
weil es Höhen und Tiefen gibt und mit den Letzteren und
deren Meisterung die Rechtfertigung der menschlichen Existenz.
- Verfolgen Sie, junger Mann, den Weg weiter, auf den
Sie sich hier begeben haben. Zeigen Sie das Dunkel nicht
als Widerpart, sondern als Bedingung des Lichts!
Der Dozent hatte sich erneut dem Bilde zugewandt. Er betrachtete
es genau, abwechselnd aus größerer und kleinerer Entfernung.
Inzwischen hatte seine junge Frau ein Tablett mit Teegeschirr
gebracht und einen runden Tisch in der Nähe des Kamins
gedeckt.
Der Künstler indes stand, wie betäubt im Strudel der Empfindungen,
unschlüssig zwischen der Wand mit seinem Bild und dem
Tisch, und er versuchte, das gerade gehörte auf sich und
sein Werk zu beziehen. War das aus seinem Bilde zu lesen?
Sprach daraus ein Plädoyer für die Einsicht in die Notwendigkeit
alles Scheiterns? Vermeinte denn sein Auftraggeber, er
hätte für das Erdulden eines Schmerzes die Lanze brechen
wollen, nur weil dieser irgendwie dazugehören mußte? Gut,
er wollte durchaus zustimmen, daß sein Bild eine derartige
Sicht nicht nur zuließ, sondern sogar begünstigte. Was
ihm indes jegliche Kraft zur Entgegnung nahm, war die
Absolutheit, die Festlegung, die der Dozent in seiner
Interpretation traf. Zweifellos war das, was ihn getrieben,
das Bild auf diese Weise zu malen, etwas der Ansicht des
Dozenten völlig Entgegengesetztes. Er hatte jedoch vermutet,
daß sein Auftraggeber sich zumindest in die Nähe seiner,
des Künstlers Auffassung begeben hätte. Es wäre ihm sogar
recht gewesen, hätte der Dozent zu seinem Bild nicht sofort
ein definitives Urteil gewußt. Daß es in der Bewertung
für diesen nur diese eine Interpretation geben sollte,
war ihm unverständlich. Sah er denn nicht in die Zeit
"nach dem Bild", hielt er diesen Augenblick fest, ohne
sich um das Danach zu bekümmern? Wäre es so, wog in des
Dozenten Anschauung ein Augenblick des Glücks den ewigen
Schmerz auf?
Ich sehe es ihrem Gesicht an, wandte sich der Dozent dem
Künstler wiederum zu, ich unterstelle Ihnen eine Intention,
die Ihnen nicht die Hand bei diesem Werke führte, die
wohl kaum auch nur bei einem Ihrer Bilder der Urgrund
gewesen sein mochte. Sie hatten natürlich auch hier nichts
anderes im Sinn, als den von Ihnen bestgefürchtetsten
Gedanken zu gestalten, der Ihre Handlungen und Reflexionen
bestimmt: die umfassende Einsicht in die Endlichkeit alles
Seins, also nicht das Tragische in seiner vorwärtsweisenden
Ausrichtung, sondern das Elegische, das die tatenlose
Trauer repräsentiert. Sehen Sie, fuhr er fort, auch ich
halte das Tragische für gestaltenswert, aus dem Sie Ihre
Bilder komponieren, nur haben Sie nicht die nötige Distanz
zu Ihrer Kunst und bringen sich mithin in einen Widerspruch:
indem Sie, von der Sinnlosigkeit alles Werdens aufgrund
seines unaufhaltsamen Zugrundegehens überzeugt, dennoch
schaffen. Denken Sie an das, was ich Ihnen sagte. Das
Zuendegehen ist die Bedingung für alles Fortschreiten.
Diese Überzeugung hat nichts mit einem diffusen Hoffen
zu tun, es ist eine reine Konsequenz.
Als er den Scheck entgegengenommen, mit dem man seine
künstlerische Leistung honorierte, fühlte er sich wie
für einen Verrat an seinen ästhetischen Überzeugungen
bezahlt. Aber schwerer noch wog seine Enttäuschung: hier
war es nicht, wo er seine Texte lesen konnte, wo seinen
niedergeschriebenen Gedanken Verständnis wurde. Hatte
er das noch am Morgen für möglich gehalten, dann aus den
Erfahrungen, die er während des Gespräches mit dem Dozenten
in seiner Ausstellung gewonnen zu haben glaubte. Hier,
in dieser Welt der Sicherheit, der Überzeugung von der
Richtigkeit des eigenen Handelns und Glaubens, würde ein
memento mori ungehört verhallen. Die Einladung
zum Abendessen schlug er unter einem Vorwand aus; nach
einem raschen Abschied von dem Dozenten und dessen Frau
eilte er auf die Haltestelle zu. Diesmal würde er mit
dem Bus fahren; denn er sehnte sich nach seinem Park.
V
Sein
Park - wie eine Zuflucht empfing ihn dieser. Die Sonne
war gerade untergegangen, eine wohltuende Dämmerung hüllte
Bäume und Wiesen, Seen und Brücken, Wege und Bänke in
ein alles verbindendes Grau; noch leuchtete schwach der
rötliche Himmel des vergangenen Sonnentages. In dieser
besänftigenden Umgebung suchte er Ruhe, die innere Harmonie.
Bei sich hatte er seine Texte, weniger, um nach einer
erneuten Beschäftigung mit diesen sich zu befragen, ob
sie dennoch dem Dozenten zu zeigen gewesen wären, als
vielmehr den Versuch zu unternehmen, aus ihnen eine Intention
abzuleiten, wie sie der Dozent seinem Bilde unterstellt.
Er bedurfte nicht des zum Lesen ohnehin viel zu schwachen
Lichtes; zu genau kannte er seine niedergelegten, erlittenen
Gedanken; vieles wußte er auswendig. Er brauchte nur die
Fühlung, die spürbare Anwesenheit jener Empfindungen,
Ängste und enttäuschten Hoffnungen, denen er mit seiner
Niederschrift Dauer verliehen hatte.
Da
war die Geschichte eines Mannes, der sich nach einer Veränderung
seines Daseins sehnte, der es schließlich beginnt, diesen
tiefen Wunsch zu verwirklichen, alle Brücken hinter sich
bricht, mit der ganzen ihm verfügbaren Kraft diese Veränderung
einleitet, welche ihm auch hilft, Gefahren auf diesem
Wege zu überwinden, an denen er im geregelten Leben zerbrochen
wäre, bis dann das gewünschte neue Leben erkämpft und
er erkennen muß, daß ihn nur ein noch größeres Hoffen,
eine strengere Selbstüberwindung und ein neues Verleugnen
seiner Sehnsüchte durch dieses von ihm selbst herbeigeführte
Dasein begleiten muß, wollte er nicht nur das Neue, sondern
auch das Bessere des Erreichten erkennen. - War etwa auch
aus diesen Gedanken eine Lesart abzuleiten, die von einem
Gewinn aus dem Wechsel der Lebensumstände sprach, den
Wagemut des Mannes pries, aus dem Durchsetzen seines Willens
zur Veränderung die Überzeugung ableitete, daß ihn jener
Wille auch das Neue sicher und erfolgreich führte? Konnte
man in dem Gefühl, das diesen Mann nach dem Erreichen
seines Zieles bestimmte, lediglich eine vorübergehende
Müdigkeit nach übermenschlichen Anstrengungen sehen? Und
waren diese Gedanken nicht Ausdruck einer Angst vor der
eigenen Courage, ein Ansporn mithin, es anders, besser
zu beginnen? Das Erreichen des Zieles gab dem Manne doch
recht und bestätigte seine Kraft und die Berechtigung
dieses Zieles. Ja, so mochte es sein. Er durchlief in
Gedanken noch einmal jene Geschichte. Es war möglich.
Nichts sprach zwar für die Richtigkeit seiner gerade gefundenen
Interpretation, aber auch nichts vermochte, seine ursprüngliche
Intention, das, was ihn zum Schreiben dieses Textes bewogen
hatte, als alleingültig auszuweisen. Weshalb kam ihm indes
diese neue Lesart in all ihrer Schlüssigkeit zu seinem
Text so irreal vor?
In diesem Augenblick, mit der Antwort, die er sich auf
seine letzte Frage gab, fielen ihm die Verse der dritten
Strophe des Gedichtes ein, das ihn durch den Tag begleitet:
Uralt
war dein Verlangen,
uralt
Sonne und Nacht,
alles: Träume und Bangen
in die Irre gedacht,
immer endender, reiner
du in Fernen gestuft,
immer schweigender, keiner
wartet und keiner ruft.
So
wurde ihm Antwort, nun, in dieser Stunde in seinem Park,
da die Dunkelheit ihn erfüllt, Licht nur aus wenigen Laternen
wurde, die unregelmäßig, hier und da die Wege beschienen,
auf denen er so oft gegangen. Und diese Antwort begleitete
ein Schrecken, den man stets empfindet, wenn das Dasein
einen schließlich der Tatsache gegenüberstellt, die das
Denken immer dann als ein Schemen formt, wenn man versucht,
die Grenzen der Vorstellung vom Schlimmstmöglichen zu
überschreiten:
alles:
Träume und Bangen
in die Irre gedacht
Doch
merkwürdig, je tiefer diese Antwort von seinem Denken
Besitz ergriffen, umso mehr schwand ihr Schrecken und
wich einer Leichtigkeit, als hätte er sich vorstellen
können, nie ein Bild gemalt, nie eine Zeile geschrieben
zu haben.
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