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Freund, was die Kunstärzte der neuern Periode auch immer
heilen und flicken mögen, sie bringen doch die von der
tückischen Zeit verstümmelten Götter, wie z. B. diesen
daliegenden Torso, nicht wieder auf die Beine, und sie
werden immer nur als Invaliden und emeriti hier in Ruhe
gesezt verbleiben müssen. Einst, als sie noch aufrecht
standen, und Arme und Schenkel und Häupter hatten, lag
ein ganzes großes Heldengeschlecht vor ihnen im Staube;
iezt ist das umgekehrt, und sie liegen im Boden, während
unser aufgeklärtes Jahrhundert aufrecht steht, und wir
selbst uns bemühen leidliche Götter abzugeben. Kunstfreund,
wohin sind wir gekommen, daß wir es wagen, diese großen
Göttergräber aufzuwühlen, und die unsterblichen Todten
ans Licht zu ziehen, da wir doch wissen, wie hart bei
den Römern die bloße Verletzung der Menschengrüfte verpönt
war. Freilich achten Aufgeklärte diese Verstorbenen jezt
geradezu für Götzen, und die Kunst ist nur noch eine heimlich
eingeschlichene heidnische Sekte, die an ihnen vergöttert
und anbetet aber was ist es auch mit ihr, Kunstfreund?
Die Alten sangen Hymnen und Aeschylus und Sophokles dichteten
ihre Chöre zum Lobe der Götter; unsere moderne Kunstreligion
betet in Kritiken, und hat die Andacht im Kopfe, wie ächt
Religiöse im Herzen. Ach, man soll die alten Götter wieder
begraben! "
August
Klingemann
(Bonaventura)