Kolumne
Harold
Pinter -
Literaturnobelpreisträger 2005
Der
Zeitplan der Schwedischen Akademie
bringt es mit sich, daß der Name des aktuellen Nobelpreisträgers
für Literatur immer kurz vor der alljährlichen
Pilgerfahrt der Herausgeber dieser Seiten zum Geburts-
und Begräbnisort Friedrich Nietzsches, nach Röcken,
bekanntgegeben wurde, worüber beide dann auf dem
Wege dorthin sich trefflich streiten bzw. gemeinsam freuen
konnten.
Letzteres
kam nicht so häufig vor: sei es, daß - wie
auch noch heute - die literarischen Vorlieben doch durchaus
eigene Wege gingen, die kulturhistorische Sozialisation
Baselers und Reimanns immer wieder andere Favoriten hervorbrachte
oder daß an dem Range des Laureaten mehr oder weniger
leise Zweifel angebracht schienen.
Hätten
es berufliche Verpflichtungen, die Urlaubsplanung oder
andere Unwägbarkeiten zugelassen, auch noch in diesem
Jahre dem Philosophen in Röcken die Aufwartung zu
machen, wäre sicherlich auf dem Wege der seltene
Fall gemeinsamer Freude über die Entscheidung der
Akademie eingetreten: Harold Pinter hat spät, doch
gerade noch rechtzeitig die höchste Würdigung
seines literarischen Schaffens erhalten.
Nun
wird diese Freude gerade von der literarischen Welt nicht
überall geteilt, was an und für sich auch gar
nicht so verwunderlich ist: gibt es doch die unterschiedlichsten
Geschmäcker und gerade, was die Kunst anbelangt,
ist es genauso unmöglich wie unnötig, in deren
Bewertung auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen.
Der
Ton allerdings, der von manchem angeschlagen wird, verwundert
doch sehr. Denis
Scheck
spricht gar davon, daß die Weltliteratur beleidigt
worden sei und die Jury sich blamiert habe. Eine Reaktion,
die ein Jahr zu spät kommt; ein Urteil, das zu erwarten
gewesen war, als jene unsägliche, Texte absondernde
Schreckschraube zum Entsetzen aller Literaturliebhaber
das non plus ultra der Literaturauszeichnungen
hinterhergeschickt bekam.
Verwunderung
nicht zuletzt deshalb, da doch mit Schriftstellerpersönlichkeiten
wie Robert Musil, Hugo von Hofmannsthal, Arthur Schnitzler,
Hermann Broch oder Robert Walser aus diesem Land bedeutsame
Beiträge zur deutschen Nationalliteratur kamen, die
jedoch nicht die Krone der Literaturpreise erringen konnten.
Auch,
daß die Auszeichnung für Pinter dreißig
Jahre zu spät käme, wie andere Kritiker meinen,
kann nicht unbedingt geteilt werden. Die Entscheidungen
der Jurys, denen die Auswahl der Preisträger obliegt,
zeichnet sich weder bei der Literatur noch den naturwissenschaftlichen
Disziplinen durch zeitliche Nähe von Leistung und
deren Würdigung aus: hier sei nur an Thomas Mann
erinnert, dessen Auszeichnung unter nachdrücklichem
Verweis auf seinen Roman "Buddenbrooks" erfolgte,
dessen erste Auflage im Jahr der Preisverleihung an den
Autor bereits 28 Jahre zurücklag.
Ebenso
sollte nicht beunruhigen, daß Sigrid Löffler,
die sich als Counterpart unseres Literaturpapstes ihre
literaturkritischen Sporen verdiente und sich - wie es
manchmal so kommt - für maßgeblich in Fragen
der Literatur hält, "nicht im Entferntesten"
Pinter für preiswürdig erachtet und ihn im übrigen
für "démodé" hält.
Da die Gute ihr Kunstverständnis hinreichend als
ein Viertel des "Literarischen Quartetts" unter
Beweis gestellt hat, spricht dieses Urteil nicht gegen
die Entscheidung der Nobelpreis-Jury.
Überhaupt
"démodé": Es ist eine Eigenart
des (west-)europäischen Kulturbetriebs, die Mode
als Kriterium für Güte und Gültigkeit,
für Qualität und Aktualität zu setzen.
Gerade die Diskussionen dieses Gedenkjahres um die Gegenwärtigkeit
des vor 200 Jahren verewigten Dichterfürsten sollten
zumindest Denkanstoß dafür sein, zurückliegende
Betrachtungen durchaus als Analogon für zeitgenössische
Probleme heranzuziehen: Das
gegenwärtige Ringen in der Berliner Politik um personelle
und programmatische Konstellationen, die den erdrückenden
Problemen angemessen und gewachsen wären, erinnert
beispielsweise fatal an "The Dumb Waiter", ein
frühes Stück Pinters.
Dieses
endet, wie es zu befürchten war.
Lutz
Baseler