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15.
August 2005
Dino
Buzzati, Die
Tatarenwüste
Kein
Trost, Nirgends.
Das
Scheitern ist neben seinem Gegenentwurf, der Liebe, das
allgegenwärtige Thema der Kunst. Allerdings erfüllt letztere
so gut wie nie ihre Verheißung - außer in seltenen Fällen
wie vielleicht bei Philemon und Baucis oder Orpheus und
Euridike.
Ist das strebend sich Bemühen ohne die Liebe meist der direkte
Weg in das Mißlingen, so ist es unter Einfluß des Gegengifts,
der Liebe, ein Scheitern mit retardierenden Momenten und
wiegt doppelt schwer, da es noch die Hoffnung zu begraben
gilt.
Alles
liebt, alles scheitert: von Tristan und Isolde, über Faust
und Gretchen oder Romeo und Julia; bis die Kunst der Gegenwart
Protagonisten wie Rönne, Krapp oder Meursault vorstellt,
die der Liebe, dem - wenngleich trügerischen - Heilmittel,
bereits nicht mehr zugänglich sind.
Die
Literatur des 20. Jahrhunderts ist ein Kompendium der Gründe,
die dazu führten, die Versprechungen der jeweiligen
Lebensentwürfe nicht eingelöst zu finden.
Seien es die äußeren Lebensumstände, die Verhältnisse, die
nicht so sind, wie es der Bettlerkönig Peachum bei Brecht
zu seiner Entschuldigung anführt, das Innere, die Veranlagung,
die sich jeglicher Anleitung zum Glücklichsein verschließt,
oder - wie in den meisten Fällen - eine schicksalhafte Verknüpfung
beider Momente, die letzten Endes nur in das Scheitern,
nur in den Untergang führen - können.
Und das ist unausweichlich: im passiven Verfolgen der fremdbestimmten
Lebensbahn oder als aktive Entscheidung über den eigenen
Weg, der zuletzt als Irrtum sich erweist.
So
sieht sich auch Giovanni Drogo, der traurige Held in Buzzatis
"Tatarenwüste", am Ende seines Lebens vor
dem Scherbenhaufen einer Existenz, in der alle Hoffnung
getrogen, alles Sehnen vergebens und alle Versuche selbstbestimmten
Handelns die Misere des Ausgeliefertseins nur noch verschlimmerten.
Dabei
gestalteten sich, wie stets für den unerfahrenen, jugendlichen
Betrachter, die Prämissen vielversprechend, waren die
Möglichkeiten unendlich und es die Varianten ihrer
Verwirklichung gleichermaßen.
Doch
bald, wenn Routine und Wagnis nicht mehr als Gegensatz gelten,
sondern wenn die Routine zum Wagnis wird, zersplittert der
eigene Lebensentwurf, endet in Resignation und muß
sich nicht zu beinflussenden Gesetzen beugen.
Damit
ist das Sujet umrissen, das als die wohl wesentliche künstlerische
Entsprechung des industriellen Zeitalters in die Literatur
eingegangen ist.
Die
Handlung ist so sparsam wie ihr Ort: in einem weit vorgeschobenen
Fort wird die Grenze eines nicht näher bezeichneten
Reichs beobachtet, da aus dieser Richtung ein Angriff der
Tataren erwartet wird. Das Leben der hier Stationierten
folgt strengen Regeln, ist karg wie die Landschaft und erfährt
seine Impulse lediglich aus der - wie es scheint imaginierten
- Gefahr.
Das
ist die Oberfläche, die ruhig erscheint, unter der
jedoch Turbulenzen von Metaphern , Symbolen und Anspielungen
wirbeln, welche zusammengesetzt das Mosaik einer existentialistischen
Parabel ergeben.
Das
wuchtige Finale, in dem der kranke Drogo aus dem Fort wie
aus dem Leben scheidet, gerade als sich nach den Jahrzehnten
des Wartens mit einem vermutlichen Aufmarsch der Tataren
die Stunde der Erfüllung anzubahnen scheint, setzt
den Kontrapunkt zum bisherigen Geschehen: in seiner beschleunigten
Handlung, der vollendeten Desillusionierung, mit einem verstörenden
Gleichnis, das das Vorangegangene, das Leben, in seiner
Hoffnungs- und Trostlosigkeit resümiert.
Lutz
Baseler
(Dino
Buzzati Die
Tatarenwüste
broschiert - 237 Seiten - Fischer (Tb.), Frankfurt, März
2002
ISBN: 3596136385)
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