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- Kolumne 4/2001
Regression
Die
Pisa-Studie hat an den Tag gebracht, was für diejenigen,
die mit offenen Augen durch unsere geistige und kulturelle
Wirklichkeit gehen, längst eine feste Größe war: eine katastrophale
Schulbildung bringt ebensolche Schülerpersönlichkeiten hervor.
Eine
Studie erschüttert das Feuilleton: In einem Wissensvergleich
mit 31 anderen Staaten belegt Deutschland gerade noch den
25. Platz.
Lese- und Textkompetenz, mathematische Fähigkeiten, das
Erfassen naturwissenschaftlicher Sachverhalte habe ein Niveau
erreicht, das sich zwar gegenüber dem Rußlands, Rumäniens
und Brasiliens recht gut behaupten kann, aber weit hinter
dem von Staaten wie Kanada, Japan und Finnland liegt.
"Sind deutsche Schüler doof?" fragt der SPIEGEL auf seiner
Titelseite, die ZEIT stellt, ebenfalls auf Seite 1 fest
"Die Schule brännt" (sic) und verweist in ihrem online-Angebot
auf nach Dutzenden zählende Texte und Einrichtungen, die
sich diesem Thema widmen.
Um ihre Wahlchancen bangende Politiker diskutieren mit Fachleuten
über die Frage der Schuld an diesem Zustand und so manch
ein Rundfunksprecher, dessen erfrischender Zynismus ansonsten
die verlogenen Auswüchse des Zeitgeistes bloßzustellen vermochte,
erstarrte in betroffener Sachlichkeit.
Eine Reaktion, befremdlich in ihrem Ungestüm; denn dieses
Problem ist durchaus nicht neu. Seit (west-) deutsche Schulexperimente
in den sechziger Jahren begannen, die Orte des Lernens in
multikulturelle Erlebnisbereiche mit hohem Selbstverwirklichungswert
der Heranwachsenden umzugestalten und in neueren Untersuchungen
- mit zwei Jahrzehnten Verspätung - ein verhängnisvoller
Zusammenhang zwischen der "Bildungskatastrophe" und dem
geistigen und wissenschaftlichen Klima sowie der Fachkräftesituation
in Deutschland hergestellt wurde, beklagte man, was eher
einer radikalen Änderung bedürfte.
Die Symptome werden gerne diskutiert: die zurückgehende
Zahl deutscher Spitzenwissenschaftler, die auch im Lande
wirken - und nicht im Ausland jenseits von schrumpfenden
Mitteln und steigender Frauenquote nach besseren Bedingungen
für Forschung und Lehre suchen, der funktionale Analphabetismus
großer Teile der Bevölkerung, deren höchstes Bildungserlebnis
die nachmittägliche Quizshow im Werbefernsehen ist, die
fast schon wieder zur Belustigung taugende Unfähigkeit deutscher
Journalisten, Sachverhalte verständlich und grammatikalisch
korrekt in ihrer Muttersprache auszudrücken.
- Der Beispiele gäbe es viele in einem Umfeld, das
in der unsäglichen
Egomanenshow eines wildgewordenen Deutschlehrers
das non plus ultra gegenwärtiger Literaturkritik
sieht.
Wenn
es in einem SPD-geführten Bildungsministerium heißt, "30
Jahre sozialdemokratischer Schulpolitik waren offenbar vergebens"
(im SPIEGEL zitiert), könnte man da nicht versucht sein,
zu vermuten, nicht trotz, sondern wegen dieser Schulpolitik
stünde man jetzt vor diesen "katastrophalen Ergebnissen"?
Nebenbei: Gedanken, wie sie - aufgrund ähnlichen Realitätsverlusts
- auch in Unionskreisen geäußert werden könnten. In diesen
mag allerdings die Freude über den schönen Erfolg groß
sein, daß in ihrem Einflußbereich ein Abbild
des Werkzeugs, mit dem der Nazarener hingerichtet wurde,
weiterhin Klassenräume schmücken darf.
Nicht
nur die Pisa-Studie hat offenbart, was Schule in Deutschland
gegenwärtig vor allem ist: der Ort, an dem unter Aufsicht
die Jahre bis zur Eingliederung in die Erwachsenenwelt,
ob nun in das Berufsleben oder in die Warteschlange des
Sozialamts, verbracht werden.
Es ist billig, den Lehrern anzulasten, was diese nicht heilen
können. Die meisten erledigen ihren Job auf eine den Umständen
entsprechend respektable Weise.
Nur sollte man diesen Job nicht unbedingt in erster Linie
mit dem Vermitteln von Kenntnissen in Verbindung bringen.
Lutz
Baseler
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