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- Kolumne 1/2002
Philosophisches
Quartett
Im
Fernsehen übertragene Gesprächsrunden legen in
ihrer Unverbindlichkeit wohl beredtes Zeugnis unserer Kultur
ab: viele Worte und Aufgeregtheiten, doch in ihrem Ergebnis
gänzlich folgenlos - womit der Charakter unserer Zeit
eine schöne Entsprechung findet.
Peter
Sloterdijk, der publikumswirksamste und folgenreichste zeitgenössische
Philosoph, sprachmächtig, zuweilen bis hin zur Unverständlichkeit,
wird in den kommenden Monaten, gemeinsam mit dem Fachrichtungskollegen
Rüdiger Safranski, der in den letzten Jahren mit leicht
ins populärwissenschaftliche spielenden Publikationen
hervorgetreten ist, eine Gesprächsrunde gestalten,
in der mit zwei Gästen, die zum jeweils zu bewältigenden
Thema als besonders aussagefähig gesehen werden, allgemein
interessierende Lebensfragen aus philosophischer Sicht erörtert
werden.
Wenn
ein Dialog zum Thema "Angst" geführt werden
soll, so jener der Auftaktsendung, fallen dem unvoreingenommenen
Zuschauer ein gutes Dutzend potentieller Gesprächspartner
mit durchaus verwertbarer Angsterfahrung ein: Raubtierbändiger,
Angehörige von Sondereinsatzkommandos, Regierende im
Wahljahr, Taxifahrerinnen der Nachtschicht, Extremsportler,
Studenten des vierten Semesters vor der zweiten Nachprüfung
im Hauptfach... - eine doch recht abwechslungsreich weiterzuführende
Reihe, in der ein Geistlicher eher weniger vermutet würde.
Doch
genau ein solcher, der ostdeutsche Protestpfarrer Schorlemmer,
komplettiert zusammen mit dem Bergsteiger R. Messner das
titelgebende Quartett, deren Erörterungen das Gefühl
der Angst dem Fernsehpublikum von einer Metaebene her verdeutlichen
sollte.
Wenn
ein Pfaffe über Angst schwadroniert und dabei zu erwähnen
vergißt, daß die Geschäftsgrundlage der
von ihm vertretenen Einrichtung seit Jahrtausenden im Schüren
vielfältigster Ängste beruht, verliert das ganze
schöne Geplauder neben seinem Anspruch auf Erkenntnisgewinnung
auch den der Aufrichtigkeit.
Wieviel Grausamkeiten durch Folter und Mord, wieviel an
Leib und Seele kranke Geschöpfe, Fanatiker und im religiösen
Wahnsinn Versunkene haben Glaubenskriege, Moraldiktat, Gesinnungsschnüffellei,
Denunziation im Namen der alleinseligmachenden Kirche hervorgebracht
- eine Institution, die ihrer Klientel hilft, Probleme zu
lösen, die diese ohne sie nicht gehabt hätten.
Als
einziger dieser Runde über praktische Angsterfahrungen
aussageberechtigt war R. Messner, der als Extremsportler
exemplarisch für eine Zeit steht, in der es echte Herausforderungen
an die Instinkte nicht mehr gibt - Instinkte, die wir als
Jäger, Krieger, Entdecker, als die listigen Tiere,
seit Jahrmillionen ausgebildet haben und deren Impulsen
zu folgen die gesellschaftlichen Konventionen uns nicht
mehr zugestehen können. Messners Beiträge zu dem
ansonsten belanglosen Dozieren der Theoretiker hatten den
Vorteil, verarbeitete Erlebnisse darstellen zu können,
was ihn in diesem Kreise als wirkliche Bereicherung erscheinen
ließ.
Was
nimmt nun der Zuschauer des "Quartetts" mit, worin
bestand die Quintessenz dieser "eminent sophistische[n]
Veranstaltung", dieses "Akt[s] des geistigen Schaugewerbes"
(Jan
Ross in der ZEIT)?
Was geben ihm die artigen Statements, die geschliffenen
Sentenzen, nützt es ihm, wenn er seine Gedanken zum
Thema "Angst", die er sich tagtäglich - notgedrungen
- über die großen und kleinen Bedrohungen seiner
Existenz durch den Kopf gehen läßt, einmal in
exquisiter, berufsphilosophischer Diktion vorformulieren
läßt, um sich hinterher sagen zu müssen,
nun zwar wunderbar beschreiben zu können, was ihn da
bedrückt, zu dessen Bewältigung aber nichts hinzugelernt
zu haben?
Es
bleibt, was schon vorher konstatiert: Belanglosigkeiten,
äußerst kompetent vorgetragen, viel Lärmen
um nichts, Sendezeit glücklich herumgebracht, ein paar
Namen wieder einmal gehört, die Erinnerung an ein paar
Gesichter wieder aufgefrischt und die - bis zur Redundanz
wiederholte - Erkenntnis, vom Fernsehen nicht wirklich unterhalten
zu werden.
Lutz
Baseler
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