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- Kolumne 1/2001
Zwei
Nachrichten
Die
Enttäuschung war groß: nicht 60 000 bis 100 000 Gene sind
es, die uns Menschen zu dem machen, das wir sind, sondern
knapp die Hälfte, wenn nicht gar nur ein Drittel. Schnell
mußte da zum gewollt hinkenden Vergleich der Spulwurm
herhalten mit seiner Gen-Anzahl, die der des Menschen nach
neuesten (Hand-?)zählungen nur um weniges nachsteht.
Ist
da etwas dran, fragt sich nun so mancher, dem die bislang
eher als defätistisch angesehene Analogie von der "Krone
der Schöpfung", vom Schwein dem Menschen in den Sinn kommt.
Gregor Samsa mehr als nur ein Gleichnis? Der kleine Gott
der Welt, tatsächlich tierischer als jedes Tier?
Der Schein des Himmelslichts, die Vernunft, kann sich demnach
wohl doch nur auf eine begrenzte Zahl von Genen stützen,
was in Anbetracht der allermeisten Entäußerungen auf kulturellem
Gebiet durchaus nachvollziehbar ist.
Andererseits
ist es auch ein beruhigendes Gefühl: man gehört noch dazu,
zur Fauna, könnte, wenn das Experiment "Mensch" endgültig
gescheitert ist, wieder abtauchen in den warmen Sumpf der
Gen-Genossen, könnte sagen: war halt nur 'mal so eine Idee
von uns, und sich dann wieder auf die Bäume setzen, auf
die man sich im Innersten bereits ohnehin wieder zubewegt.
Unsere Hervorbringungen, vom Kaugummi, über die Cola bis
zu den Kernwaffen erscheinen für ein mit der Kakerlake genetisch
verbandeltes Wesen als eher läßliche Sünden. Die neu
entdeckte Nähe zur Kreatur bietet zudem angesichts der erreichten
Qualität unserer Kultur eine nur zu willkommene Entschuldigung.
Doch
da scheint eine andere Meldung des Tages, die auf den ersten
Blick so gar nichts mit dem Mikrokosmos in unseren Zellen
zu schaffen hat, neuen Optimismus zu verbreiten, den ob
seiner Gen-Armut mit dem Schicksal hadernden Menschen wieder
aufzurichten. Psychologen und zwar - wie könnte es anders
sein - amerikanische fanden heraus, daß es nicht Geld
oder Luxus sei, was Glücksgefühle in uns Menschen hervorruft,
sondern, wer hätte es gedacht, selbstbestimmtes Handeln,
Kompetenz, die Nähe zu anderen Menschen und Selbstachtung.
Ja, so möchte man ausrufen, genau diesen Eindruck hat man
schon immer gehabt, wenn man sich die glücklichen Menschen
unserer Tage, namentlich die junge Generation ansieht: kein
Modetrend vermag das selbstbestimmte Handeln einzuschränken,
souverän werden für das eigene Wesen relevante Werte hochgehalten,
für die sich in freier Auswahl entschieden wird, öffentliche
Äußerungen vor allem jüngerer Leute zeugen von umfassendem
Wortschatz, tiefer Allgemeinbildung, Kompetenz spricht aus
ihren fundiert vorgetragenen Auffassungen, Hilfsbereitschaft,
das Einstehen für andere, enge familiäre Bindungen prägen
die Sozialisation, Neid, Egoismus und Konkurrenzdenken sind
längst überwunden, Nachmittagstalkshows und Big-Brother-Container
sind Orte, an denen Selbstachtung und Menschenwürde fröhliche
Urständ feiern.
Lehnen
wir uns zurück: Lebewesen mit unseren unvergleichlichen
Eigenschaften stünden Milliarden und Abermilliarden
von Genen zu. Aber unsere Glück spendende Selbstachtung
sieht mit Größe über diese Laune der Natur
hinweg.
Lutz
Baseler
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