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- Kolumne 3/2001
Masse
und Geist
Allenthalben
und wirkungslos: Die Kritik am Medium "Fernsehen"
- Daß ein Produkt, das für die Masse hergestellt
wird, auch von dieser angenommen werden muß, steht
außer Zweifel. Aber gerne wird vergessen, daß
ein solches Produkt nicht die Eigenschaften haben kann,
die sublimierteren Geschmäckern gefallen.
In
mehr oder weniger regelmäßigen Abständen, wenn eine Gebührenerhöhung
das Fernsehvolk erschüttert oder ein Privatsender wieder
einmal versucht, in bislang unbekannte Tiefen geschmacklicher
Verirrung vorzudringen, beginnen Kulturredakteure, das Medium
im allgemeinen und dessen Protagonisten im besonderen zu
reflektieren.
Für
den unvoreingenommenen Beobachter wenig nachvollziehbar
und den Kenner am Gegenstand vorbei, wird ein "Bildungsauftrag"
postuliert, Niveau angemahnt und Kompetenz bezweifelt, wo
derlei nicht einmal als Verlust zu beklagen ist, sondern
bereits seiner grundlegenden Idee ursächlich widerspricht.
Fernsehen
ist wesentlich Ersatzhandlung. Ersatz für Kommunikation,
für soziale Beziehungen, Ersatz für das Leben - geworden.
Vielleicht war es wirklich einmal so in den grauen Vorzeiten
der Schwarz-Weiß-Bildröhre, daß Nachrichten, Populärwissenschaft
und Unterhaltung in einer gesunden Mischung gesendet wurden
und all das mit einem Niveau, das den Gebildeten nicht vernachlässigte
aber auch das einfachere Gemüt mit Anspruch zu erreichen
vermochte.
Doch
das ist Geschichte. Inzwischen wird Sendezeit an Werbekunden
verkauft und der hierdurch erzielte Erlös ist umso höher,
je mehr Zuschauer das den Werbesendungen beigegebene Programm
konsumieren wollen. Wie immer, wenn es um Menge geht, darf
das Niveau eine gewisse, durchaus sehr niedrig anzusetzende
Stufe nicht übersteigen. Geist verprellt die Majorität.
Natürlich
freut dies das Feuilleton, wetzen sich die Federn am Niveau,
das gerade den IQ eines Sechstklässlers zu bedienen anstrebt,
placiert es gekonnt Sarkasmus, Hyperbole und Expolitio und
trägt mithin seinerseits zur folgenlosen Unterhaltung bei
- wenngleich es auf diesem Gebiet auch seltene Sternstunden
gibt wie Matthias Altenburgs Beitrag "Futter
für die Trottel mit Abitur"
in der Zeit (35/2001).
Aber
wer sagt denn, daß es anders sein m u ß? Angebot
und Erfolg eines den Geist ansprechenden Produkts widerspiegeln
den intellektuellen Querschnitt der Gesellschaft - und der
hat im eher Simplen ein deutliches Übergewicht. Und das
von jeher: Die Verkaufszahlen von Goethes zu Lebzeiten erschienenen
Spätwerk dümpelten beispielsweise in der Regel im dreistelligen
Bereich, während ein nach Tausenden zählendes Publikum Schwager
Vulpius' "Rinaldo Rinaldini" goutierte.
Masse
und Geist sind nun einmal nicht in Kongruenz zu bringen.
Dergleichen von einem auf Massenkonsum zielenden Medium
wie dem Fernsehen zu verlangen, heißt von falschen Prämissen
auszugehen. Unterhaltung ist zu einem passiven "unterhalten
werden" mutiert. Und die Erkenntnis, von der Brecht noch
vermeinte, sie sei das Unterhaltsamste, ist inzwischen von
dem, was sich heute als Unterhaltung versteht, suspendiert.
Das
Fernsehen hat die nicht zu unterschätzende Funktion, das
Übermaß an Freizeit kompensieren zu helfen, das Gesellschaften
mit hoher Produktivität und geringem Personalbedarf hervorbringen.
Der fast ausnahmslos ins Beliebige degenerierte Sendeinhalt
eignet sich, dem "Programm" der meisten Radiosender gleich,
als Hintergrundrauschen wahrgenommen zu werden.
Das ins Leere kommunizierende Gerät offeriert nurmehr die
Möglichkeit, nicht die Notwendigkeit einer ihm entgegenzubringenden
Beachtung. Damit entspricht es der allgemeinen Unverbindlichkeit,
die der abendländischen Gesellschaft zum Wesensmerkmal geworden
ist.
Allerdings
sollte man sich hüten, hieraus eine spezielle Qualität der
decadénce der Neuzeit abzuleiten. Die Masse war immer
bildungsfern. Erst als die Arbeitswelt und die Wartezeit
bis zur Eingliederung in diese eine allgemeine Schulbildung
forderten und in dessen Folge die eigentlichen Transportmittel
des Geistes zum massenhaften Konsumprodukt wurden, paßte
sich deren Inhalt ihren Rezipienten an und täuschte Kultur
vor.
Gerade
zu Zeiten einer vermeintlichen Demokratisierung aller Lebensbereiche
zeigt sich, daß es immer Aspekte des Daseins geben wird,
die sich nicht der Allgemeinheit öffnen werden.
Daran ist nichts Negatives, aber daran, dies als veränderlich
darzustellen.
Lutz
Baseler
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