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Rückblick
An
heiligem Ort
Seit
1978, zu Zeiten, als noch kein Dienstreise-Tourismus Vertreter
Philosophischer oder Germanistischer Fakultäten zur
Pflichtveranstaltung nach Röcken spülte, besuchte
ein kleiner Kreis alljährlich am 15. Oktober den Geburtsort
und das Grab des Philosophen.
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| Reimann
und Baseler 1987 in Röcken am Grabe
des Philosophen |
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Verschiedentlich
von auffällig unauffälligen Herren beobachtet
- Nietzsche zählte nicht gerade zu den Haus- und Hof-Philosophen
der damaligen Regierung, und es interessierte offensichtlich
durchaus, wer hier gedachte -, aber ansonsten in angenehmer
Ruhe und Einsamkeit, war es für den Kreis um Reimann
und Baseler alljährlich Bedürfnis, des Philosophen
an seinem Grabe zu gedenken.
Es ist nicht ganz ausgeschlossen, daß in den Jahren
bis zur Eingemeindung Ostdeutschlands vom Geburtstag des
Philosophen kaum jemand Notiz nahm, zumindest nicht an dessen
Geburtsort.
Offensichtlich
hatte der damalige Röckener Pfarrer das Grab an der
Südseite der Kirche mit Blumen geschmückt und
sich auch ansonsten um die Pflege der Grabstellen Nietzsches
sowie der ebenfalls hier beigesetzten Eltern und der Schwester
des Denkers gekümmert. Doch selten fand sich, wenn
der Kreis aus Leipzig am Nachmittag nach Röcken kam,
ein weiteres Zeugnis für anderer Anwesenheit an diesem
Ort, an diesem Tage.
Wenig Hinweise auf Nietzsche gab es von je in der Herkunftsregion
des Unzeitgemäßen: Informierte noch ein maschinengeschriebener
Text im Schaukasten an der Röckener Kirche knapp über
den bedeutendsten Sohn des Ortes, gab es weder Tafeln an
den Leipziger Wohnhäusern aus Nietzsches Studentenzeit,
noch an dem Haus im Jenaer Ziegelmühlenweg oder etwa
am Sterbehaus des Philosophen am Weimarer "Silberblick".
Eine
heute eher wehmütig vermißte Zurückhaltung:
Jene, "die betasten um zu glauben", haben gerade
zur einhundertsten Wiederkehr von Nietzsches Todestag ein
bezeichnendes Beispiel für die deutsche
Gedenk-Kultur
gegeben.
Was durchaus anders vorzustellen wäre: Unaufdringlich
und eindrucksvoll zugleich gedenkt man beispielsweise in
Turin des deutschen Gastes, der in dem Haus
an der Piazza Carlo Alberto
einige Monate verbracht hatte.
Da
es jedoch hierzu eines weniger kleinkrämerischen Verhältnisses
zur eigenen Geschichte und eines Vermögens bedürfte,
auch ambivalente Leistungen zunächst als Leistungen
betrachten zu können, wird es in dem Land mit der großen
Geschichte kaum mehr als einen mittelmäßigen
Umgang mit dieser geben.
Thomas
Brandstätter
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