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- Kolumne 1/2003
Die
Fachsprache der Laien
Die
Sprache ist ein lebendig Ding, und ihre Entwicklung hängt
nicht vom Wollen oder von Zielvorstellungen bestimmter Interessengruppen
ab.
Viele sprachferne Gesichtspunkte tragen zur Sprachentwicklung
bei: die Lebensweise der Sprachnutzer, der technische Hintergrund
einer Gesellschaft, Wege und Chancen, die zur Sicherung
des täglichen Überlebens nötigen Gegenstände zu
erlangen...
Dieser Aspekte gibt es viele und mithin auch der Spielarten
und Tendenzen der gesprochenen und geschriebenen Sprache.
Da
Sprache, wie alle Instrumente, derer sich der Mensch bedient,
einem Hang zur Effizienz, zur Wirtschaftlichkeit bei ihrer
Verwendung unterliegt, nimmt es nicht wunder, daß sich Formen
der Kommunikation entwickeln, die mit sparsamstem Einsatz
der Mittel das gewünschte Ergebnis zu zeitigen vermögen
- gerade in einer Epoche, in der die arbeitsteilige Gesellschaft
so viel individuelle Freizeit geschaffen hat wie nie zuvor
und die, trotz der Notwendigkeit des Ersinnens immer ausgeklügelterer
Methoden, die Langeweile zu bekämpfen, immer neue Wege sucht,
weitere freie Zeit zu gewinnen.
"Der
Mensch besitzt die Fähigkeit Sprachen zu bauen, womit sich
jeder Sinn ausdrücken lässt..." (Wittgenstein). Ein solches
"Bauen" wird gerade durch eine technische Neuerung befördert,
mit der das Wesen der gegenwärtigen westlichen Zivilisation
wunderbar versinnbildlicht wird: das Mobiltelefon. Omnipräsenz
des Individuums, Kommunikation als Ersatzhandlung, Offenlegung
der Persönlichkeit, brachiales Erscheinen und folgenloses
Verschwinden und, per SMS, einem sich nur noch Eingeweihten
erschließenden sprachlichen Code.
Dieser,
so fürchten von Berufs wegen mit Sprache befaßte, verderbe
die guten sprachlichen Sitten. (Man ist geneigt einzuwenden,
es sei hier nicht mehr viel zu verderben - konnte vor Jahrzehnten
dem Heranwachsenden Zeitungslektüre und der Hörfunk als
Lehrbeispiel für schriftlichen und mündlichen Sprachgebrauch
empfohlen werden, hält man sie inzwischen von diesen zu
Sprachverhunzern mutierten Medien fern.) In der Tat bedarf
es einiger Übung, in einem Gebilde wie "B4, we usd 2 go
2 NY 2C my bro, his GF & thr 3 :-@ kds FTF. ILNY, its gr8"
(aus einem schottischen Schüleraufsatz) einen Mitteilung
transportierenden Code zu sehen. Wittgensteins Aussage:
"Der Satz ist ein Bild der Wirklichkeit" lässt sich hier
in zweifacher Hinsicht deuten: Zum einen übermittelt die
dargestellte Zeichenfolge denen einen Sinn, die Zugang zu
einer Entschlüsselung der durch die verwendeten Zeichen
repräsentierten Mitteilung haben und zum anderen zeigt die
Form der Mitteilung einen bestimmten Zustand der verwendeten
Sprache innerhalb einer kommunikativen Gruppe, von der andere
Sprecher ausgeschlossen sind: "'Die Grenzen meiner Sprache'
bedeuten die Grenzen meiner Welt" (Wittgenstein).
Wie
weit die Welt derjenigen, die den SMS-Stil als Kulturkrise
behandeln, von den Nutzern dieser Sprachform entfernt ist,
läßt sich an den doch recht aufgeregten Reaktionen
erahnen. Der Einbruch mündlich verwendeter Besonderheiten
in die Schriftsprache wird von Puristen häufig als
Signal verstanden, daß Gefahr im Verzuge ist.
Man muß es zwar nicht begrüßen, aber doch
anerkennen, daß es ungezählte Sondersprachen
und Sprachexperimente gibt, die ihre Welt, den Bereich ihrer
Gültigkeit, erst dann verließen, um Allgemeingut
zu werden, wenn von der Mehrheit der Sprachnutzer die Veränderungen
als sinnvoll für eine eindeutige Verständigung
und Kommunikation erachtet wurden.
Gemeinhin
stoßen Sondersprachen rasch an Grenzen, die sie für
eine allgemeine Verwendung untauglich werden lassen. Deshalb
kann in jedem dieser Fälle mit einiger Gelassenheit
reagiert werden.
Und
das auch dann, wenn einige Elemente Eingang in die Alltagssprache
finden sollten; denn man muß diese (wie beispielsweise
das Ergebnis der jüngsten Rechtschreib-"reform")
selbst nicht verwenden.
Lutz
Baseler
(Die
Wittgenstein-Zitate stammen aus dem Tractatus logico-philosophicus)
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