Jochen
Klauß
"Ich
war heut glücklich im Zeichnen"
Goethes Thüringer Ansichten
Um
seinem Gedanken die adäquate Form zu geben, steht eben
nur dem Genie eine beachtliche Palette von Ausdrucksmitteln
zur Verfügung.
Zwar
werden diese bisweilen lediglich als das Tasten eines Künstlers
über die Grenzen seines eigentlichen Metiers hinaus
betrachtet, doch können nicht selten die Werke der
"marginalen" durchaus der "rufbegründenden"
Kunstgattung ebenbürtig sein.
Daß
die gelegentlichen Ausflüge in einen anderen Bereich
kreativer Aktivität von der Rezeption weniger beachtet
werden, ist freilich auf das Gewicht zurückzuführen,
das der Betreffende selbst auf die unterschiedlichen Ausdrucksformen
gelegt hat.
So
beispielsweise die Versuche Nietzsches, aus der Musik die
Mittel zu gewinnen, die seinem Denken jenseits der Sprache
Ausdruck zu verleihen vermochten: Dem Philosophen halfen
seine Kompositionen, auf anderem Wege nicht mitteilbare
Stimmungen zu formulieren - "Chiffren des Unsagbaren"
(Fritz Schleicher, mehr hier)
zu sein.
Ist
die immaterielle Natur der Musik vielleicht gerade dem Philosophen
bevorzugtes Mittel, dem Gedanken jenseits des Wortes Form
zu geben (Th. W. Adorno ist ein weiteres Beispiel), sucht
der Dichter nicht selten, sein Schaffen mit der bildenden
Kunst zu erweitern.
Natürlich
vermag die Beschreibung einer Landschaft im Rezipienten
das Bild nachhaltig zu evozieren. Ein Aquarell dieser Landschaft,
zumal es sich auf das Wesentliche des gewünschten Eindrucks
konzentrieren kann, erreicht dieses Ziel unmittelbar, zumal
es das für diesen Eindruck zuständige Sinnesorgan
direkt anspricht.
Mag
die gezeichnete, gemalte Landschaft dem Künstler die
Form sein, die das Darzustellende fordert, um die Stimmung,
den Eindruck in gewünschter Weise dem Publikum weiterzugeben,
ist es darüber hinaus jedoch
nicht selten die bildliche Darstellung der Welt, aus der
heraus das dichterische Schaffen Ursprung und Inspiration
findet.
"Goethes
Thüringer Ansichten" vermitteln diesen Eindruck.
Familiäre Wurzeln, bis in das 16. Jahrhundert nachweisbar,
verbinden den Olympier, ohne daß er davon Kenntnis
hatte, mit seiner Thüringen Wahlheimat. Ohnehin sich
zum Zeichner berufen, fühlte sich der junge Goethe
von den Schönheiten der Thüringer Landschaft zum
bildlichen Festhalten getrieben.
Das
Auge sei ihm vor allen anderen das Organ gewesen, bekennt
1811 in seiner Autobiographie, womit er die Welt faßte.
So nimmt es nicht wunder, daß Goethe für seine
Sturm-und-Drang-Jahre in seinem Schaffen Zeichnen und Dichten
"unaufhaltsam miteinander" vonstatten gehen sieht.
Jochen
Klauß hat sich in verschiedenen Publikationen mit
den Zeichnungen des Dichters auseinandergesetzt. Kenntnisreich
geht der Autor auch in dieser Veröffentlichung dem
Werdegang des Zeichners Goethe nach, setzt das zeichnerische
Werk in Beziehung zu Biographie und Dichtkunst und gestattet
mithin dem Leser, sein Wissen um den weithin bekannten Lebensweg
des Dichters um einige Façetten zu erweitern.
Lutz Baseler
(Das
Buch "Ich
war heut glücklich im Zeichnen".
Goethes Thüringer Ansichten
ist im Hain Verlag, Weimar (ehemals Rudolstadt),
ISBN 3-930215-42-X, erschienen.)
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