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Archiv
- Entdeckungen
Röcken,
der Geburtsort Nietzsches
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Betrachter schauderts: Gemeinsam mit ihren
Klonen starren sich in stummem Entsetzen
die Protagonisten einer menschlichen Tragödie
vor einer Schrebergartenkulisse an. |
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Bietet
auch zeitgenössische Kunst nicht immer, man darf durchaus
sagen: eher selten, reinen ästhetischen Genuß,
so eröffnet sie doch gerade mit dem, was sie nicht
darstellt, tiefste Einblicke in das Wesen ihrer Epoche.
Mag die Laokoon-Gruppe - obwohl eher Spätwerk ihres
Kulturkreises - in ihrem Kampf mit den Schlangen noch das
Ringen einer jungen Kulturmenschheit um die Vorherrschaft
der zukunftsfähigeren Kräfte offenbaren,
illustriert
beispielsweise Frank Stellas zusammengelöteter Schrott,
will man neben dem bloßen Vorhandensein auch noch
innewohnenden Sinn unterstellen, bestenfalls metaphorisch
das Ende einer kulturellen Entwicklung, der die kindliche
Ehrlichkeit und wohl auch Entdeckerfreude abhanden kam,
sich die Nacktheit des Kaisers einzugestehen.
Nun
ist, da der enthüllte Körper einmal erwähnt,
Nacktheit per se nichts Ehrenrühriges. Drücken
auf der einen Seite Wendungen wie "nackt und bloß"
und "das nackte Entsetzen" Hilflosigkeit aus,
verstärkt das Adjektiv in "die nackte Wahrheit"
den Anspruch größtmöglicher Aufrichtigkeit.
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| Erbärmlich:
Wie der Künstler seiner Vision vom nacken
Gesäß des Philosophen Gestalt gab... |
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In
letzerem Sinne taucht die Nacktheit bei Nietzsche verschiedentlich
auf, sei es in der Wendung "unbedingte Ehrlichkeit
und Nacktheit" und auch in Zarathustras "Wer aus
sich kein Hehl macht, empört: so sehr habt ihr Grund, die
Nacktheit zu fürchten! Ja, wenn ihr Götter wäret, da dürftet
ihr euch eurer Kleider schämen!".
Oder, an anderer Stelle: "Und ihr Weisen und Wissenden,
ihr würdet vor dem Sonnenbrande der Weisheit flüchten, in
dem der Übermensch mit Lust seine Nacktheit badet!"
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| Das
falsche Bild am falschen Ort: Der Weitsichtigste
seiner Zeit und seither - auf seine Erkrankung
reduziert |
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Das
ist der Kontext, aus dem heraus der unbekleidete Körper
Nietzsches als Skulptur legitim wäre, gleich der Beethoven-Plastik
Klingers oder Rodins "Le Penseur", der über
dem Höllentore thront - eine Bildgewalt, eine Bronze
gewordene Metaphorik, den Titanen des Klanges und des Geistes
angemessen.
Hier
nun, in "Europa's Flachland", im Schatten des
Kreuzes, bleibt von dem, "der einzig war", dessen
Wirken den europäischen Geist wie kaum ein anderer
Denker beeinflußt hat, lediglich die Darstellung seines
letzten Lebensjahrzehnts wie der erbärmliche Triumph
eines Anachronismus stehen.
Doch
vielleicht erträgt der Dunstkreis des Pfarrhauses den
Mistral nur auf diese Weise.
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