Im
PANDAIMONION
hat der Kanon - die Sammlung der für den Kulturmenschen
unbedingt zur Kenntnis zu nehmenden Werke der Geistes
- bereits eine Rolle gespielt.
Wir kommen darauf zurück, da das Feuilleton, das
nach dem PISA-Schock allenthalben Defizite im kulturellen
Alltag der Deutschen aufzudecken bemüht ist, den
Kanon - nicht allein den literarischen - als eine Hilfe
diskutiert, möglichst flächendeckend die Ergebnisse
menschlichen Erkenntnisstrebens im Volk zu streuen.
Tageszeitungen
und Rundfunkstationen haben ihre Konsumenten aufgefordert,
zum kürzlich vom Insel-Verlag begonnenen Kanonprojekt
unseres Kritikerpapstes einen Gegenkanon zu entwerfen.
Auch Vertreter der schreibenden wie der kritisierenden
Zunft entdecken ihren Bücherschrank neu und empfehlen
der hilflos im Dunklen tappenden Konsumentenschaft Höhepunkte
ihres persönlichen Leserdaseins.
Alles
in allem sind das rührende Versuche, einer kulturellen
Ödnis zu begegnen, die den anderen gesellschaftlichen
Katastrophen und Untergängen - Wirtschaft, Sozialwesen,
Altersstruktur - zu allen Zeiten vorauszugehen, sie
zum Mindesten zu begleiten scheint.
Allein, sie werden nicht die Not wenden können,
so notwendig sie auch erscheinen mögen; denn bereits
in ihrem Ansatz steckt die Wurzel ihres Scheiterns:
der Versuch, demokratisch über verbindliche Regeln
befinden zu lassen, enthält einen Widerspruch in
sich; denn das Modell der "Demokratie" ist
wesentlich konsensarm.
Selbst Entscheidungen von ungleich bedeutsamerer Tragweite,
als es eine Sammlung allgemein zum Lesen empfohlener
Bücher ist, finden bisweilen nur hauchdünne
Mehrheiten, aber dafür eine Vielzahl unterschiedlichster
Standpunkte. Sie sind von häufigem Wechsel und
einer Maßlosigkeit bei der Äußerung
persönlicher Auffassungen geprägt. Durchzusetzen
vermag sich das Prinzip, das am rücksichtslosesten,
am lautesten, am vor-lautesten, sich darzustellen vermag.
Der
von den angesprochenen Medien inspirierte Kanonversuch
wird, da er das ihm wesenseigene Merkmal der Beschränkung
nicht kennt, in Beliebigkeit versinken.
Zeitgeistliches, Quoten, Ausgewogenheiten und was es
der außerästhetischen Kriterien weiter geben
mag, bestimmen mithin die Auswahl, vor der der Suchende
so ratlos stehen wird wie vor dem Regal einer gut sortierten
Buchhandlung.
Nunmehr wurde die Qual, sich für eine bestimmte
Auswahl zu lesender Bücher entscheiden zu müssen
abgelöst von einer noch schwerer zu durchschauenden
Vielfalt von Leseempfehlungen.
Man
errät es: das PANDAIMONION
wird keine vordergründigen Lektürehinweise
geben - nicht in der Form eines Kanons aber für
den, der Augen hat zu sehen, aus der Vielfalt seiner
Themen.
Die Erfahrung mit der Literatur hat gelehrt, daß
nicht der Leser das Buch findet, sondern, wenn die Zeit
dafür reif ist, wird man von dem Buch gefunden.
Und schließlich, so lesen wir in einem für
jeden Kanon unumgänglichen Werk:
"Wenn ihr's nicht fühlt, ihr werdet's nicht erjagen".