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Archiv
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Literarisches
Quartett: |
Nun
sind sie vorbei, die 14 Jahre, in denen ein missgelaunter,
dogmatischer Greis einer kulturfernen Gesellschaft
Literaturtips gab, die als unverzichtbar für den Lesekanon
des vom Zeitgeistlichen Gesegneten mißverstanden wurden.
In Ermangelung niveauvoller Gesprächsrunden über Literatur
wurde Reich-Ranickis öffentlich-rechtlich sanktionierter
Egotrip als Surrogat für Kultur konsumiert - zur Freude
aller Beteiligten.
Zugegeben, die Verkaufszahlen der in der Sendung besprochenen
Bücher stiegen anschließend sprunghaft, doch
sagt das weniger über die Qualität der dort zelebrierten
Form der Annäherung an Literatur als vielmehr über
das Niveau des deutschen Lesepublikums.
Inzwischen hat das ZDF angekündigt, Reich-Ranicki
in einer dann ausschließlich monologischen Literatursendung
moderieren zu lassen.
Eine Drohung, die wohl ernstzunehmen ist.
(17.
Dezember 2001)
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Rupert
Murdoch: |
Der
Vorgang ist durchaus ambivalent: Der kaum verhohlenen
Schadenfreude über das Bröckeln des Medienimperiums
Leo Kirchs folgte recht bald die Furcht vor dem, was
nunmehr ante portas - der Medien"mogul"
Rupert Murdoch. Gut, dieser ist Ausländer, und
seine Verlage und Sender dominieren bereits den englischen
Sprachraum. Allerdings kann die Tatsache, daß
ein für die allermeisten Medienkonsumenten im
Anonymen verbleibender Eigentümer der Zeitung/des
Senders Ausländer ist, doch nur noch diejenigen
wirklich bewegen, denen die Globalisierung aller Lebensbereiche
noch nicht so ganz bewußt geworden ist.
Werden
einmal alle nationalen oder wirtschaftlichen Einwände
vernachlässigt, bleibt es indes gleich, wer das
für Konsumenten mit einigem Niveau ohnehin ungenießbare
Produkt verteilt, - woraus sich eine Analogie zu einem
international agierenden Imbißkonzern ergibt:
wer letztendlich diese Fleischklops gewordene Verhöhnung
des guten Geschmacks über die Theke reicht, ist
ohne Belang, das eigentlich Bezeichnende ist, daß
dergleichen überhaupt existiert - und konsumiert
wird.
(22.
Februar 2002)
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Jutta
Limbach, Präsidentin des Goethe-Instituts: |
Zeitgenössische
Kunst, das zunehmend ins Willkürliche abgleitende
Bildungswesen, die "Kultur" unserer zuendegehenden
Zivilisation sind Phänomene, die ihre Impulse
inzwischen nicht mehr aus dem freien Schweifen des
sich am Notwendigen orientierenden Geistes, aus den
Leistungen engagierter Pädagogik oder aus den
Zielen einer zukunftsgewissen Gesellschaft empfangen,
sondern die - angestaubt und dem Meinungsdiktat der
politisch Korrekten verpflichtet - vor allem nach
Lenkung durch Verwaltungssachverstand und Fingerspitzengefühl
im Umgang mit juristischen Finessen verlangen.
Folgerichtig
leitet und lenkt die Geschicke einer Institution,
die mit immer knapper werdendem Budget und einem nicht
gerade wachsenden Zuspruch ihrer Klientel behaftet
ist, vom Mai diesen Jahres an eine Juristin mit dem
gegenwärtig richtigen Parteibuch, dem persönlichen
Drang nach Höherem und dem überlebenswichtigen
Weitblick, sich an den Wertmaßstäben des
Gutmenschen zu orientieren.
Unter
den gegebenen Umständen ist diese sicherlich
eine gute Wahl.
(17.
Juni 2002)
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Blair
Witch Projekt: |
Die
Menschen der Zivilisation, der vertrauten, da ihrer
Epoche wesenseigenen Hilfsmittel und Surrogate beraubt,
gehen unter, nicht obwohl, sondern weil sie sich in
eine viel natürlichere als ihre gewohnte Umgebung
versetzt sehen. Wege- und orientierungslos, instinktfrei,
unfähig, sich einer aktuellen Herausforderung
mit adäquaten Mitteln zu nähern, treiben
sie mit ebenso halbherzigen wie hysterischen Versuchen,
ihrer Lage zu entfliehen, unaufhaltsam in den Tod.
Der
zentrale Trugschluß: Hier ist doch Amerika -
die Zivilisation -, so etwas kann doch nicht passieren,
ist nicht allein Naïvität oder Ignoranz. Es ist
die Überheblichkeit des zivilisierten Individuums,
das vermeint, die Errungenschaften des Kulturkreises
seien Allgemeingut geworden. Doch wie schnell die
dünne Haut der Zivilisation reißt, erkennt
derjenige, der sich dem unmittelbaren Zugriff ihrer
Garanten entzieht. Die Gesetzlichkeiten der vertrauten
Lebensumwelt enden, wo es keine Instanz gibt, diese
einzuklagen.
Vollends zur Katastrophe wird die Situation, wenn
eine eingebildete Bedrohung gegenständlich wird,
da alle Sinneseindrücke als Belege für die
heraufdämmernde Gefahr gedeutet werden.
(4.
Dezember 2002)
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Klonen: |
In
seltener Einhelligkeit wurde allenthalben auf
die Mitteilung einer Sekte reagiert, die zur Weihnachszeit
des vergangenen Jahres die Geburt eines durch Klonen
gezeugten Kindes ankündigte und das nicht nur,
weil das Datum schon durch eine andere gewichtige
Geburt belegt ist.
Es sollen hier gar nicht die Argumente betrachtet
werden, die gemeinhin gegen das Experimentieren mit
dem Erbgut vorgebracht werden. Diese sind, je nach
weltanschaulichem Standpunkt desjenigen, der sie vorbringt,
verschieden.
Einmal ganz davon abgesehen, daß die konventionelle
Art der Nachwuchserzeugung mit weitaus mehr Vergnügen
verbunden ist, als es die Laboratmosphäre zulassen
könnte. Die Freude eines Forschers, das Denkbare
auch zustande gebracht zu haben, ist wie jedes akademische
Vergnügen eine rein geistige und bleibt eben
doch nur Surrogat.
Allerdings
ist das Streben, bereits in den Keim entstehenden
Lebens gewisse Eigenschaften zu betonen oder andere
auszuschließen, durchaus nachzuvollziehen in
einer Kultur, in der es kaum gesunde, sondern fast
nur noch geheilte oder genesende Menschen gibt, in
der sich überdies von der Form der Nase bis zur
Größe der Geschlechtsteile jede gewünschte
Hülle für den ohnehin verwechselbaren, unerheblichen
Geist zusammenschustern läßt.
(2.
Januar 2003)
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Freedom
Fries: |
Seinen
Protest gegen unliebsame Erscheinungen in der großen
Politik kann der einfache Mensch mit vielfältigen
Mitteln zum Ausdruck bringen: durch Straßenaufmärsche,
Plakate, sein Verhalten bei Wahlen oder sein Fernbleiben
von diesen; er kann mit roher Gewalt in politische
Biographien eingreifen und zuweilen, so ganz nebenbei,
größte
geschichtliche Umwälzungen herbeiführen
oder, wenn er es subtiler mag, versuchen, mit feinen
Korrekturen der Gegenwartssprache eine Kundgebung
politischen Willens zu äußern.
Nun
sind auch Abgordnete in Höheren Häusern
einfache Menschen; eine Tatsache die bisweilen, vor
allem von ihnen selbst, gerne vergessen wird. Und
so geben diese dann und wann einmal den Regungen nach,
bestimmte Ideen, die das Zeug dazu haben Welten zu
erschüttern, wenngleich sie auf Taubenfüßen
daher kommen, in die Tat umzusetzen: Das US-Repräsentantenhaus
hat am 12. März 2003 offiziell beschlossen, die
bisher als "French Fries" bekannten Pommes frites
in "Freedom Fries" umzubenennen.
Was
nur folgerichtig ist: man kann einem amerikanischen
Patrioten bei der Strafe des Verhungerns nicht zumuten,
ein Lebensmittel zu konsumieren, das nicht nur aus
dem alten Europa auf die Tische von Gottes eigener
Nation gefunden hat, sondern zu allem Überfluß
noch den Namen eines Volkes trägt, das sich gegen
die ureigensten vitalen Interessen der Guten dieser
Welt stemmt. Daß die in Öl gegarten Kartoffelstifte
eigentlich aus Belgien stammen und ihr Namen doch
eher in die Irre führt, soll hier den gerechten
Zorn nicht behindern. Man stecke die Spitzbuben in
einen Sack und schlage mit einem Knüppel darauf:
man wird keinen unschuldigen treffen.
Allerdings
verlangte diese Form des Protests auch Konsequenz.
Zwar hat der French Toast als "Freedom Toast"
inzwischen auch den Weg in die Mägen unserer
amerikanischen Freunde gefunden. Doch was ist mit
den grünen Bohnen, werden diese auch bald als
"Freedom Beans" konsumiert, gar geschmacklich
aufgewertet mit "Freedom Dressing"? Genießen
die transatlantischen Liebenden bald den intensiven
Austausch ihrer Körperflüssigkeiten in einem
"Freedom Kiss", und verwenden sie dann,
wenn es zur Sache selbst kommt, anstatt eines French
Letters, wie die Kondome im einstmals puritanischen
Amerika liebevoll umschrieben werden, einen "Freedom
Letter"?
Wir
werden sehen.
(13.
März 2003)
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Memoiren:
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Gemeinhin
wurde bislang bei der Aufzeichnung von Lebenserinnerungen,
die unter diesem Stichwort - Memoiren - publiziert
wurden, die Verbindung persönlichen
Erinnerns einer herausgehobenen Gestalt der Zeitgeschichte
mit Ereignissen seiner Lebensspanne verstanden, wobei
es zu einer gegenseitigen Erhellung kam: der Persönlichkeit
vor dem Hintergrund ihrer Zeit und der Zeit aus der
Reflexion des Protagonisten.
Gewaltige,
epochendeutende Werke tauchen hier vor dem geistigen
Auge auf, getränkt mit Altersweisheit und Welthaltigkeit
wie Goethes Dichtung und Wahrheit oder auch
die Gesellschaftsbilder vermittelnden und Zeitläufte
erhellenden Erinnerungen Eisensteins, Malwida von
Meysenbugs, Richard Wagners bis hin zu Benns Doppelleben.
Einige
der in jüngeren Gegenwart erschienenen Memoiren
verlangen allerdings ein Umdenken. Will man Memoiren
nicht als Genre, sondern lediglich als Vokabel sehen,
sind es tatsächlich "Erinnerungen",
die auch etwas dünner - von ihrem Umfang - ausfallen
dürfen, da manche der sich hier Erinnernden noch
nicht einmal das zwanzigste Lebensjahr erreicht haben.
Auch ist die Deutungskompetenz des einen oder der
anderen sich Erinnernden vor allem auf sich selbst,
höchstens auf das engste, man möchte sagen
äußerst beschränkte Umfeld reduziert.
Erst recht die Epochendeutung mag vor dem Hintergrund
mangelnder Fähigkeiten der Autoren (oder der
Personen, die für diese denken und schreiben),
die Gegenwart objektiv aufzunehmen, sie kenntnisreich
zu deuten und in eine literarischem Anspruch genügende
Form zu bringen, nicht so ganz gelingen.
Eine
gegenseitige Erhellung erreicht diese Art von Memoiren
durchaus: die Belanglosigkeit der Zeit und die Banalität
der sie erlebenden Person - selbst diejenigen, die
derlei aus privatem Interesse konsumieren, sind hierdurch
hinreichend charakterisiert.
(20.
September 2003)
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Elite:
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In
seltener Einhelligkeit haben sowohl der westliche
als auch der östliche Teil unseres schönen
Heimatlandes in der Nachkriegszeit und dann das nach
1989 vereinigte Deutschland an der negativen Konnotation
des Begriffs "Elite" gearbeitet.
Zur
Elite zu gehören war gleichsam der Ausweis, eine
ungerechtfertigte, illegitime Privilegierung erfahren
zu haben, sich aufgrund demokratisch nicht zu rechtfertigenden
Anmaßungen auf eine Stufe über die vor
Verfassung und Grundgesetz gleichen Menschen zu stellen.
Mit
Verwunderung liest der Zeitgenosse in diesen Tagen
von Plänen, die der Bildungsmisere mit "Elite"-universitäten
begegnen wollen.
(15.
Januar 2004)
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Habselig-keiten |
Monatelang
war eine neudeutsche Sucht, deren Symptom es ist,
die unterschiedlichsten Erscheinungen der uns umgebenden
Wirklichkeit durch ein "Ranking" für
das Schubladendenken der Deppen zusammenzuköcheln,
um eine bizarre Facette erweitert worden: gesucht
ward das schönste Wort der deutschen Sprache.
Anstatt,
wie es derlei Begehren erfordert hätte, Ironie
und Zynismus walten zu lassen, wurde es, wie alle
Nebensächlichkeiten in diesem unserem Land, mit
Akribie und tiefem Ernst durchgeführt.
Heraus
kam der rührende Versuch der Jury, einer Gesellschaft
ohne Werte, einer ehemaligen Kulturgemeinschaft, inzwischen
bar jeder metaphysischen Idee, den Anstrich zu geben,
als könne mit dem "freundlich-mitleidigen Unterton"
der "die Besitztümer etwa eines Kindes oder eines
Obdachlosen" bezeichnet, ein Gegengewicht zum
hemmungslosen Bereicherungsstreben der Individuen
eines völlig gefühlskalten Gemeinwesens
suggeriert werden.
(13.
August 2005)
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